»2016«

»2016«
Es ist November, ich bin in der sechsten Klasse. In nur wenigen Tagen wird Donald J. Trump das erste Mal zum Präsidenten der USA gewählt werden. Was er nicht weiß – und was ihn wahrscheinlich auch nicht interessiert: Seine Wahl und Kandidatur sind das Ende meiner Kindheit. Während ich Hundefilter-Selfies mache, meine Mutter anbettele mir einen elastischen Plastikchoker zu kaufen und ich mit meinen Freundinnen Schleim aus Duschgel mache, beginnt mich dieses Gefühl zu begleiten: Es gibt böse Menschen in dieser Welt. Und oft wird ihnen Macht zuteil.

von Sofie Bauer

Tausendfach sieht man die 2016-Rückblicke: Hundefilter, buntes Augenmakeup, Choker, Tanktops mit Schnürungen und so viel mehr, was Nostalgie aufkommen lässt. Nostalgie für diese Zeit, aber wieso überhaupt? Ist das Jahr objektiv betrachtet wirklich so großartig? Nimmt man die Gefühle weg und betrachtet die Fakten, zeichnet sich schnell ein anderes Bild ab:

Großbritannien tritt aus der EU aus; Trump wird das erste Mal Präsident; in Brüssel, London und Berlin sterben Menschen bei Terroranschlägen; in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg zieht die AfD mit zweistelligen Ergebnissen erstmals in den Landtag ein. Aus heutiger ­– zugegebenermaßen zynischer ­– Sicht klingt das vielleicht schon nach Tagesgeschehen, damals ist man allerdings – insbesondere die Generation, die jetzt 2016 auf Social Media romantisiert – noch nicht so übersättigt mit solch einer Flut an politischen »Großereignissen«. Und niemand weiß, was noch alles kommen wird. Noch protestieren junge Menschen nicht zu Tausenden gegen die ausbleibende Klimaschutz-Politik. Noch muss man nicht darum bangen, dass eine Regierung irgendwie ohne das Zutun der AfD zustande kommen kann. Noch glaubt man an die Unterstützung durch die USA, Trump hin oder her. 

Desillusionierung und Chancen

Man kann den Trend um 2016 also viel besser begreifen, beschäftigt man sich mit dem, was danach kommen wird.  Und davon gibt es reichlich, wahrscheinlich genug für 20 Jahre Weltgeschehen, auf jeden Fall genug für zehn. Die Welt wird sich in diesen Jahren nicht aufhören zu drehen, vielmehr werden wir das Gefühl nicht loswerden, dass sie immer schneller wird, immer fahriger, immer rücksichtsloser. 2016 wird damit in der Retrospektive immer mehr zu einem Jahr, in dem die Welt trotz allem noch gut war, es wirkt wie der kurze Moment, bevor die Welt schwierig wurde. So auch bei mir: Trumps Wahlsieg wird mir die Augen öffnen, schließlich wird es auch der Grundstein meiner Politisierung sein. Sogar meine Studienwahl könnte man womöglich darauf zurückführen: heute studiere ich Politikwissenschaften. 

Jetzt weiß ich, dass die Welt chaotischer und komplizierter ist. Das musste sicherlich nicht nur ich in den letzten zehn Jahren lernen. Was ich aber heute ebenfalls weiß: »Böse« Menschen bekommen in dieser Welt zwar oft die Macht, das muss aber nicht bedeuten, dass man es hinnehmen muss. So lassen sich schließlich auch Nostalgie und Realität verbinden: schöpft man aus der Nostalgie für 2016 Antrieb, um etwas an unseren realen Problemen zu ändern, kann man die Welt vielleicht wieder ein bisschen mehr nach »Rio de Janeiro«-Filter  aussehen lassen.

 


Titelbild, Illustration © Pauline Kral

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