(Der Beginn einer) Ode an die Realität 

(Der Beginn einer) Ode an die Realität 
Ein Erfahrungsbericht darüber, wie einem der digitale Zugang durch das Handy von einem Moment auf den anderen wegfällt.

von Rebecca Foit

Ich liege im Bett, schon im Halbschlaf, und plötzlich schaltet sich mein Handy ab. Akku leer? Kann nicht sein, es hängt ja gerade am Ladekabel. Habe ich ausversehen irgendwo draufgedrückt? Möglich. Ich drücke die Anschalt-Taste, aber nichts passiert. Ich mache mir natürlich Sorgen, aber es ist eh spät und ich wollte schon vor zwei Stunden schlafen gehen. Also lege ich das Handy zur Seite, krame den analogen Wecker hervor, den meine Mutter mir vor Monaten zum Geburtstag geschenkt hat und der noch in seiner Originalverpackung liegt, und lege mich schlafen, in der Hoffnung, dass morgen früh wieder alles in Ordnung ist.

Ich wache auf, zu dem fremden Klang des Weckers. Ich greife nach meinem Handy, um zu schauen, wieviel Uhr es ist und ob mir jemand geschrieben hat. Das Handy reagiert nicht und mir fällt wieder ein, was ich gestern im Halbschlaf noch erlebt habe. Als ich mein Gerät an den Strom anstecke, zeigt es an, dass der Akku bei 0% liegt. Ich bin erleichtert. Bestimmt lag es nur daran. Vielleicht hat das Ladekabel gestern nicht richtig gesteckt. Doch auch nach 20 Minuten Laden reagiert mein Handy nicht. 

Was, wenn mein Handy wirklich kaputt ist? Dann hätte ich all meine Fotos verloren, von denen ich natürlich keins gesichert habe. Das macht mir Angst, denn die Bilder, die ich die letzten Jahre gemacht habe, betrachte ich als großen Schatz. Sie dienen mir als Erinnerungen und als Verbindung zu Erlebnissen und Momenten in der Vergangenheit.

Beim Frühstücken höre ich mir normalerweise diverse Podcasts an. Heute mache ich das nicht. Ich esse mein Müsli in Stille und fühle mich ganz merkwürdig dabei. Mir fehlt nicht nur die übliche Zudröhnung mit visuellen und auditiven Reizen, deren Quelle mein Handy ist. Ich fühle mich irgendwie blind, nackt. Als wäre einer meiner Sinne beeinträchtigt. 

Was, wenn mich jemand kontaktieren will? Versucht, mich anzurufen? Wenn irgendein Notfall passiert, von dem ich erfahren sollte? Was, wenn irgendetwas total abgefahrenes passiert und ich dann kein Beweisfoto machen kann? Ich kann auch niemanden kontaktieren, um nach Rat zu fragen, von dem Verlust meines Handys zu berichten oder mich auszukotzen. 

Nachdem ich im Waschsalon eine Maschine angeworfen habe, greife ich nach meinem Telefon, um einen Timer zu stellen. Natürlich ist meine Tasche leer, was mich kurz aus der Bahn wirft. Ich muss also auf die Uhr schauen, wenn ich wieder zuhause bin. Da wir in der WG gar keine Uhr haben, weil jeder sowieso immer aufs Handy schaut, muss ich dazu extra meinen Laptop hochfahren. 

Wenn ich jetzt meinen Schlüssel vergessen würde, könnte ich weder meinen Mitbewohner, noch meine Vermieterin oder den Schlüsseldienst kontaktieren. Wenn ich mich verabreden will, muss ich die Person zuerst antreffen, um einen konkreten Treffpunkt auszumachen. Wenn ich zu spät bin oder etwas dazwischenkommt, kann ich nicht per Handy absagen. 

Ich bin nicht mehr verbunden mit der Außenwelt, die sonst immer auf Abruf ist. Auch an Termine, Notizen, To-Do und -Einkaufslisten, die auf meinem Handy gespeichert sind, muss ich mich jetzt selbst erinnern. Ich bin auf das analoge Hier und Jetzt beschränkt. 

Irgendwann öffne ich Instagram mit meinem Computer über den Browser, damit ich zumindest meinen Freunden sagen kann, dass ich per Handy nicht erreichbar bin. Ich bitte meinen Bruder, meiner Instagram-losen Familie Bescheid zu sagen. 

Mir fällt auf, wie oft ich den Impuls habe, nach meinem Handy zu greifen. Um Nachrichten zu versenden, zu schauen ob mir jemand geschrieben hat, oder nur so, ohne ein konkretes Vorhaben. Ich halte mich eigentlich für wenig betroffen von der allgegenwärtigen Social Media-Abhängigkeit. Deshalb hätte ich nicht gedacht, wie oft ich trotzdem grundlos bei meinem Handy nach einem Dopamin-Kick suche. Wie kann es sein, dass mich der Verlust meines Handys so beschäftigt, ich ihn aber trotzdem ständig vergesse? Am nächsten Tag bekomme ich ein altes Iphone von meinem Mitbewohner, bis ich meins reparieren oder ein Neues besorgen kann. Ich bin wieder vernetzt, wieder erreichbar. Doch der Tag, an dem ich kein Handy hatte, bleibt mir in Erinnerung. Das Gefühl, nur im analogen Hier und Jetzt sein zu können, hat sich fremd angefühlt, ungewohnt, ein bisschen unangenehm. Diese Tatsache hat mich erschreckt. Habe ich verlernt, die Realität auszuhalten? Wirklich präsent zu sein? Ich möchte mich ohne mein Handy nicht unvollständig fühlen.


Titelbild © Rebecca Foit

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