Modemarken wie »Hot Boys Cry« , Kampagnen wie »Uns geht’s gut« oder auch der bekannte Spruch »Mental Health Matters« machen deutlich: Psychische Krankheiten werden langsam, aber sicher verstärkt sichtbar gemacht und enttabuisiert. Der erste Schritt aber, sich bei einer psychischen Erkrankung wirklich Hilfe zu holen, fällt vielen Betroffenen immer noch schwer, da es bedeutet, sich verletzlich zu zeigen. Das erfordert viel Mut, zugleich bedeutet es aber wahre Stärke.
von Julia Hiltl
Angststörungen, Panikattacken, Zwangsgedanken oder Depressionen – das sind Erkrankungen, die oft genannt werden, wenn es um den Diskurs über mentale Gesundheit geht. Laut Statistik der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.) erfüllt jede:r vierte Erwachsene in Deutschland die Kriterien für eine psychische Störung. Diese sind somit weiter verbreitet als man denkt. Während es völlig normal ist, sich bei einem Beinbruch, Kopfschmerzen oder anderweitigen physischen Problemen ärztliche Unterstützung zu holen, ist das bei psychischen Problemen dagegen nicht der Fall. Aber wieso ist das so?
Angst davor, sich verletzlich zu zeigen
Psychische Erkrankungen sind bei vielen Betroffenen mit Gefühlen wie Angst und Scham besetzt. Gedanken wie: »Ich bin die einzige Person, der es so geht!« , »Keiner kann mich verstehen!« oder »Das kann ich doch keinem erzählen!« stehen dabei oft an der Tagesordnung. Die Angst, sich verletzlich zu machen und somit als »schwach« oder nicht mehr als »ernst zu nehmend« zu gelten, kommt hierbei zusätzlich dazu, besonders bei Männern. Oft gefolgt von der Angst, für seine Probleme und Gefühle verurteilt zu werden. Zudem haben viele Personen das Gefühl, ihre Probleme wären nicht schwerwiegend genug, um sich therapeutische Hilfe zu holen. Sätze wie: »Ach, das braucht nur ein bisschen Zeit!« oder »Ich bekomm das schon alleine hin!« sind in dieser Debatte keine Seltenheit. All diese Faktoren können dazu führen, dass Betroffene nie wirklich lernen, gut und offen mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen.
Warum es sich trotzdem lohnt mutig zu sein
Sich verletzlich zu zeigen, bedeutet keine Schwäche, sondern authentisches Auseinandersetzen mit den eigenen Gefühlen und wahre Stärke. Zu erkennen, dass man mit den eigenen Gefühlen und Gedanken gerade selbst nicht mehr gut klarkommt und Hilfe benötigt, ist ein großer Akt der Selbstliebe. Wenn es am Anfang auch nicht so scheint, kann sich das Zeigen von Verletzlichkeit positiv auf unsere Mitmenschen auswirken. Ein authentischer Umgang mit seinen Sorgen und Gefühlen kann anderen Personen die Angst nehmen, selbst über ihre Probleme zu sprechen. Zugleich kann er weit verbreitete Stigmata durchbrechen, was somit einen offeneren Umgang mit dieser Thematik fördert. Was man dabei immer beachten muss: Ein ehrlicher und gesunder Umgang mit seinen eigenen Gefühlen ist nicht etwas, das über Nacht geschieht, sondern es muss erlernt werden. Es handelt sich hierbei um einen Prozess, der sich immer weiterentwickelt. Dennoch lohnt es sich allemal, sich gegen Ängste und erdrückende Gedanken zu stellen und darüber zu reden.
Titelbild © Olivia Rabe

