Schwulsein zwischen Selbstakzeptanz und Fremdblick

Schwulsein zwischen Selbstakzeptanz und Fremdblick
Zwei Freunde erzählen, warum es so viel Mut braucht, sich selbst als schwul zu akzeptieren – und weshalb Scham oft weniger mit ihnen als mit unserer Gesellschaft zu tun hat. 

von Franka Mühling

Scham ist »ein komplexes Gefühl, das entsteht, wenn eine Person glaubt, gegen gesellschaftliche Normen oder persönliche Werte verstoßen zu haben.« Ein sozial produziertes Gefühl, was durch Blicke, Kommentare, Witze, Schweigen und Rollenbilder entsteht. Schon früh lernen wir, bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Unsere Welt ist geprägt von heteronormativen Narrativen: Heterosexualität und Monogamie gelten als »natürlich« und »normal«. Andere Sexualitäten werden verschwiegen oder übersehen.

Schwulsein als Tabu

Tief verankerte Stereotype über schwule Männer, wie etwa die Zuschreibung »weiblicher« Eigenschaften oder die Tatsache, dass »schwul«, als Beleidigung verwendet wird, tragen zu einer Tabuisierung bei. Kommentare wie »Für einen Schwulen macht er seinen Job ganz gut« oder »Das hätte ich gar nicht gedacht, dass du schwul bist« verstärkten dieses Bild. Die fehlende Repräsentanz schwuler Vorbilder stabilisiert das heteronormative Weltbild zusätzlich, wird betont. 

Im Gespräch mit meinen Freunden erzählen sie, dass sie sich manchmal scheuen, anderen Menschen zu sagen, dass sie schwul sind. Die Gespräche darüber verlaufen oft unangenehm oder komisch. Viele wollen »alles richtig machen« und reagieren entweder mit übertriebener Zurückhaltung oder übertriebenem Enthusiasmus. Beides erzeugt ein Gefühl des »Andersseins«. Oft wirkt es, als würden Gespräche über Schwulsein als »Minenfeld« wahrgenommen, immer in der Sorge, etwas Falsches zu sagen. Doch diese Vorsicht bewirkt genau das Gegenteil. Es bräuchte mehr Gewohnheit und Mut zu Normalität.  

Der Weg zur Selbstakzeptanz

Auf die Frage nach ihrer eigenen Akzeptanz erzählen meine Freunde, dass ein Leben mit Frau und Kindern für sie lange der einzig logische Weg war. »So wie es sich eben gehört, wie es alle machen«. Offen schwul zu sein war keine Option, nicht einmal ein Gedanke. Zu groß war die Angst vor Reaktionen und Ablehnung. Wie werden mich andere sehen? Werden sich meine Freunde mir gegenüber verändern? Was wird meine Familie sagen? Ob die Angst siegt oder nicht, hängt oft vom Umfeld ab. Einer der beiden erzählt, dass er erst durch den Umzug in eine neue Stadt, ein neues Umfeld und neue Freund:innen akzeptieren konnte, schwul zu sein. Der andere beschreibt sein Coming-Out vor seinem Vater: Auf dem Land, zwischen AFD-Wähler:innen, ist Homosexualität nicht gerne gesehen. Der Ruf der Familie steht auf dem Spiel. Toleranz  –  vielleicht, Akzeptanz – kaum.

Mut zur Normalität

Mit der Zeit kam bei meinen Freunden zumindest die Selbstakzeptanz. Unterstützt durch ein anderes Umfeld, neue Freundschaften – manchmal auch trotz fehlender Zustimmung aus dem eigenen Umfeld. Doch das ist nicht immer so. Für viele sei es leichter, sich selbst zu unterdrücken, als von anderen unterdrückt zu werden.

Sie beschreiben, wie weit verbreitet es ist, dass wir zwar in einem Land leben, in dem Schwulsein zumindest rechtlich akzeptiert ist, viele sich aber trotzdem weiterhin lieber hinter einem Geheimnis, einem unglücklichen Leben verstecken, als sich selbst oder ihrem Umfeld einzugestehen, so nicht leben zu wollen. Immer wieder taucht dabei das Gefühl von Scham auf – und die Erkenntnis, wie wichtig Repräsentanz wäre, um genau dieser Scham zu entkommen. Aber wie viel Mut kostet Normalität? Und was kann die Gesellschaft tun, um die vorherrschende Normalität neu zu denken? 

Was sich ändern muss

Normalität ist in den Augen meiner Freunde kein Selbstläufer. Sie wächst da, wo Menschen zuhören, die eigenen Bilder hinterfragen und nicht in übertriebene Vorsicht oder unbequeme Stille flüchten. Sie braucht Reaktionen auf Coming-outs, die weder dramatisieren noch bagatellisieren. Und sie braucht eine Gesellschaft, die versteht, dass Vielfalt kein Sonderfall ist, sondern Alltag.

Schwulsein ist nichts, wofür man Mut bräuchte, postulieren sie. Mut braucht man nur, weil die Welt noch nicht so ist, wie sie sein könnte. Vielleicht beginnt Veränderung in den kleinen Momenten: im Gespräch, im Widerspruch, im bewussten Hinschauen. Veränderung ist bedeutend, damit irgendwann niemand mehr erklären muss, warum er so lebt, wie er lebt; damit Normalität für jeden möglich ist.


Titelbild © Franka Mühling

Quellen:

https://praxistipps.focus.de/scham-definition-und-bedeutung-des-ausdrucks-erklaert_183650

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