Wertvoll sind Momente, die den »Glauben an die Menschheit« stärken, erneuern, wiederherstellen. Es gibt auch solche, in denen das Gegenteil passiert, und ein Stück dieses Glaubens auf der Straße zurückgelassen wird. Beruhend auf einer wahren Begebenheit.
von Pauline Kral
Die Taube war seit etwa drei Minuten tot. Ein Flügel stand nach oben ab, zeigte zum Himmel, der außer Reichweite geraten war. Ich lief den Bürgersteig entlang, als ich sie entdeckte. Dort drüben, mitten auf dem Kopfsteinpflaster. Etwas aus der Spur gekickt. Ein beißender Wind bließ mir ins Gesicht undverwuschelte zärtlich ein paar Flaumfedern am runden Körper des Vogels. Eine Straßentaube. Grau mit Grünstich und ein paar violetten Akzenten am Hals. Nicht weiß wie die Friedensbringer. Grau. Wie der Beton, die Steine, der Asphalt. Wie die überquellenden Mülltonnen in den staubigen Gassen, neben zerkratzten Parkbänken und vor maroden Hauswänden. Grau wie der verschmutzte Schneematsch. Wie Unrat, Smog, Dreck, Abfall. Ein gewohnter Anblick im Stadtbild. An die gewöhnliche Taube schienen sich manche dabei noch immer nicht so recht gewöhnt haben zu wollen.
Vielleicht würde der Tod mehr Erbarmen haben, als der Mensch, der sie mit Füßen tritt, von Kindern jagen lässt und mit Stacheln und Gift bekämpft.
Reifen rollten holpernd heran, einen Herzschlag später – meiner, denn mein Herz schlug ja noch –, erklang ein seltsam nasses Geräusch. Eine Art Knautschen. Ein Ausdruck von mutwilliger Absicht. Ein Verlöschen von Hoffnung. Aus der kugeligen Taube war ein flacher Matsch geworden. Sickerte in die Pflasterspalten, mischte sich Ton in Ton ins dreckige Grau.
Wer weiß, ob jemand kam, um sie von der Straße zu kratzen, nachdem ich weitergegangen war. Verfolgt von dem grotesken Quetschgeräusch, das noch immer in meinen Ohren hallte und die Leere füllte, wo ein Eckchen Glauben an die Menschheit herausgebrochen war. Das hatte ich wie eine Trauerrose voller Wut auf dem Kopfsteinpflaster niedergelegt.
Dabei war die Taube schon tot gewesen.
Titelbild © Pauline Kral

