Scrollen wir durch unsere Galerie am Handy, wartet dort eine kaum verarbeitbare Masse an Bildern auf uns. Trotzdem fotografieren wir immer weiter, bis der Speicherplatz voll ist. Dabei hilft das gar nicht unbedingt, unsere Lieblingsmomente lebendig in Erinnerung zu halten.
Von Anna König
In keiner Zeit war das Fotografieren so zugänglich wie heutzutage. Ob eingebaut in das Smartphone, gefunden im Keller oder nach Beratung im Fachgeschäft gekauft – Kameras existieren in verschiedensten Formen und Qualitäten und bieten allen die Möglichkeit, Momente, Orte und Personen festzuhalten. Gerade das Handy kann in jeder Situation schnell gezückt werden und innerhalb weniger Sekunden dutzende Fotos ablichten. Meistens sollen schöne Momente konserviert werden, um sich später mit einem Hauch Nostalgie an sie zurückzuerinnern.
Fotografieren formt unser Erinnern
Die Studienlage, ob und wie Fotos unsere Erinnerung unterstützen, ist uneindeutig. Einerseits gibt es den photo-taking-impairment effect. Er beschreibt, dass wir uns schlechter an Ereignisse oder Objekte erinnern, wenn wir sie fotografieren, anstatt sie im vollen Dasein zu erleben. Es wird angenommen, dass man die Fotogalerie als eine Art externalisiertes verlässliches Gedächtnis betrachtet und gleichzeitig während des Fotografierens den Aufmerksamkeitsfokus von der Situation weg bewegt.
In Studien zu diesem Effekt fotografieren die Teilnehmenden allerdings oft nach Vorgabe, anstatt ihr Motiv selbst zu wählen. In der Realität entscheidet man schließlich selbst, was die eigene Galerie füllen soll. Doch auch ohne Instruktion kann die Erinnerung beeinträchtigt werden, wenn man zwar nach eigenem Interesse fotografiert, dabei aber das Motiv vor der Linse aus einer fremden Sichtweise bewertet. Hier spielt ebenfalls die Aufmerksamkeit eine Rolle, die von der Wahrnehmung der Situation weg zu Bewertungsprozessen verlagert wird. Besonders wer viele Bilder macht, um sie später in sozialen Medien zu teilen, könnte durch diesen verinnerlichten sozialen Bewertungsaspekt die Erinnerung an das Erlebte schwächen.
Andererseits ist klar: wer bewusst fotografiert, nimmt die Umgebung verändert wahr. Man fokussiert sich auf visuelle Details, die Anderen vielleicht entgehen und kann ihnen somit eine neue Bedeutung schenken. Gerade das tiefere Verarbeiten des Umfelds kann die visuelle Erinnerung verstärken. Dass Erinnerungen an andere Sinneseindrücke, wie Geräuschkulissen oder Duftnoten dadurch geschwächt werden können, muss man wohl in Kauf nehmen. Werden die Fotos nach gewisser Zeit wieder herausgekramt, kann das Ansehen schließlich als eine der stärksten visuellen Erinnerungshilfen dienen.
»Einen Moment, ich finde das Bild gleich!«
Wenn sich Fotos allerdings nach und nach anhäufen und ungeordnet den Speicher füllen, werden sie nicht nur zum Problem für die Speicherkarte, sondern auch für unsere kognitive Kapazität. Angenommen, jemand besitzt 20.000 Fotos und sieht sich jedes einzelne davon für drei Sekunden an, wäre diese Person 1000 Minuten oder fast 17 Stunden lang beschäftigt. Danach wäre das Gehirn aufgrund der Informationsmasse erstmal überfordert und könnte sich im Endeffekt vermutlich auch nicht an mehr Details als zuvor erinnern. Obwohl sich das niemand freiwillig antun würde, kann man sich von der schlummernden Bildermasse auf dem Handy schnell überrumpelt fühlen. Damit Fotos wieder zu wertvollen Erinnerungshilfen werden, die wir uns gerne ohne Anstrengung anschauen, sollten wir überdenken, wie wir Fotos machen und aufbewahren.
Frühjahrsputz durch die Galerie
Zeit, um eigene Fotos auszusortieren, kann man besonders gut während langer Bahnfahrten, kalten Regentagen oder in Wartezimmern finden. Es fühlt sich zunächst vielleicht komisch an, »Erinnerungen« zu löschen, aber insbesondere Serienaufnahmen lassen sich leicht aussortieren. Eines solcher Bilder hat ebenso die Kraft, den Moment festzuhalten, wie zehn weitere, die sich im Millimeterbereich unterscheiden. Auch einen Schritt zuvor kann man bereits die Anzahl der Bilder reduzieren, indem man bewusster überlegt, was man wie fotografieren möchte.
Möchte man nichts löschen, kann man sinnvolle Ordner anlegen: Semester, Urlaube, Personen, Freundesgruppen, Monate, Jahreszeiten oder Orte – der Organisation sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist hierbei das aktive Aussortieren anstelle oberflächlicher Einordnung der Fotos. Denn nur so schafft man ein kuratiertes Erlebnis, das weniger mentale Anstrengung erfordert und ein Abtauchen in alte Erinnerungen erlaubt. Dabei ist es egal, ob es »objektiv wichtige« Motive sind, da nur zählt, welche Gedanken und Emotionen man persönlich mit der übrigen Auswahl verbindet.
Ein zusätzlicher Weg vom Bildschirm weg und zum Kreativsein hin kann das Gestalten eines Fotoalbums oder Magazins sein. Je nach Zeit, Kreativität und Motivation kann man sich durch klassisches Ausdrucken & Einkleben oder auch mithilfe von zahlreichen Online-Softwares verausgaben (kleiner Tipp: Die Affinity-Software ist seit kurzem kostenlos und bietet professionelle Tools für Layout und Bildbearbeitung). Und die Arbeit lohnt sich! Springt uns das Fotobuch im Regal oder auf dem Beistelltisch ins Auge, nehmen wir es gerne in unsere Hände, sehen es gemütlich auf dem Sofa bei einer Tasse Tee an und schwelgen in Erinnerungen.
Also, sammelt weiterhin fleißig Erinnerungen, haltet sie bewusst fest und hebt sie von dem Lärm der anderen Bilder ab, damit sie in der Masse nicht an Kraft und Bedeutung verlieren.
Titelbild © Anna König
Quellen:
Diehl K, Zauberman G. Capturing life or missing it: How mindful photo-taking can affect experiences. Curr Opin Psychol. 2022 Aug;46:101334. doi: 10.1016/j.copsyc.2022.101334. Epub 2022 Mar 5. PMID: 35468368.
Henkel, Linda, “Point-and-shoot memories: The influence of taking photos on memory for a museum tour” (2014). Psychology Faculty Publications. 26.
https://digitalcommons.fairfield.edu/psychology-facultypubs/26

