Was, wenn nicht das Scheitern unser größtes Risiko ist, sondern die Angst davor? Ein Text über Lähmung, verpasste Chancen und den Mut, sich der Angst vor der Angst zu stellen.
von Celia Thor
Meine größte Angst ist, dass mir die Angst vor der Angst das Leben verbaut. Ich habe Angst, dass sie mich davon zurückhält mein Leben voll und ganz zu genießen. Die Angst, mein volles Potenzial und Glück nicht zu erreichen, nur weil ich Angst hatte, ist immer da. Was, wenn ich mein Leben verschwende und nicht alles mache, was ich machen könnte? Was, wenn ein Teil von mir immer unglücklich bleibt, sich nach dem »Was wäre wenn« fragt? Was, wenn ich mir mein ganzes Leben sage, dass es nach diesem Abschnitt besser wird? Davor habe ich Angst.
Oft erwische ich mich dabei, wie ich meinen Ängsten entsprechend handle. Oder eben nicht handle. Manchmal ist es wie eine Lähmung. Egal, wie sehr ich will, ich handle nicht. Gar nicht. Ich will etwas erreichen, aber oft ist alles zu viel. Die Menge lähmt mich, doch nicht nur sie. Auch die Angst vor meiner Zukunft lähmt. Ich habe keine Ahnung, wo ich in einem Jahr bin, das ist auf eine Weise vielleicht befreiend, gleichzeitig aber auch unglaublich gruselig.
Es ist wie ein Ankämpfen gegen mich selbst. Gegen diese Lähmung. Lange dachte ich, es wäre reine Faulheit. Ist es das, bin ich einfach nur faul? Das wurde mir zumindest in meiner Jugend immer gesagt. Vielleicht stimmt es auch zu einem gewissen Grad, aber ich will es nicht sein. Und ich glaube nicht, dass Faulheit das Problem ist. Ich will ja. Aber manchmal kann ich nicht. Es ist diese Lähmung in meinem Kopf.
Risiken eingehen macht mir auch Angst, aber ich weiß, dass das sein muss, um tatsächlich etwas zu ändern. Ich habe noch nie bereut, etwas getan zu haben. Alles, was ich bisher bereut habe, war, dass ich etwas nicht getan habe. Wieso vergesse ich das jedoch immer so schnell? Wieso mache ich das nicht einfach?
Man kann doch irgendwie immer zurück in diese alte, fangende Sicherheit. Sie ist wie ein Fischernetz, das mich fängt und nicht mehr loslässt. Ich wiege mich in ihr, aber was bringt sie mir? Eigentlich gar nichts, denn sie macht mich nicht glücklich. Eigentlich macht sie mir noch viel mehr Angst als das Risiko, wenn ich genauer darüber nachdenke.
Glück ist doch eigentlich das, wonach wir alle streben sollten. Aber um dieses zu erreichen, muss man seinen Träumen nachgehen. Wenn dieser Traum es ist, in seiner eigenen Sicherheit, beispielsweise in seiner Heimatstadt zu bleiben, dann ist das schön für diese Person. Aber haben wir nicht alle gewisse Träume, die uns Angst machen? Vielleicht nicht die Träume an sich, aber der Weg? Also kennen wir nicht alle die Angst vor der Angst? Ich glaube, dass wir im Zweifel immer den ungemütlichen und unsicheren Weg gehen sollten. Die Angst vor der Angst, dass es schiefgeht, darf uns nicht zurückhalten.
Ich habe zu viele ältere Menschen getroffen, die vieles bereuen. Die Dinge, die sie eben nicht gemacht haben. Sie sind oft den sicheren Weg, ohne Risiko, gegangen. Und jetzt sind sie unzufrieden, haben alle ihre Träume und Ziele aufgegeben. Sie haben wenig Freude und Glück in ihren Augen und meinen, das wäre also das Leben, es müsse so sein. Aber wieso fühlen sie sich so? Oft, weil sie die Angst vor der Angst bestimmen lassen.
Und das macht mir Angst. Gleichzeitig kann diese Angst ein Antrieb sein. Sie kann ein Antrieb sein, die Gelähmtheit, die Angst vor der Angst zu besiegen. Sicherlich wird man sie weiter spüren, doch sie hat nicht mehr die Kontrolle. Die hatte sie zu oft, ich habe jetzt schon zu viel verpasst. Aber es ist nicht zu spät, noch kann ich es schaffen.
Titelbild © Korbinian Süß

