Warum wählen Menschen oft Parteien, die die Interessen ihrer Gruppe eigentlich gar nicht vertreten? Wann sehnen wir uns besonders nach dominanten Führungspersonen? Forschung aus der politischen Psychologie versucht das zu erklären.
von Sina Popp
Die Studie »The Ethnic and Political Divide in the Preference for Strong Leaders« beschäftigte sich 2025 mit den Einstellungen von tausenden Wählenden in den USA und Europa. Sie untersucht die Rolle von Ethnie im Zusammenhang mit der Präferenz für dominante Führungspersonen, die Menschen mit rechter politischer Orientierung oft zeigen. Trotz diskriminierender Äußerungen wählten 2016 viele Minderheiten in den USA Trump.
Geschwächtes Vertrauen in den Staat
Die Hypothese hier lautet, dass weniger ausgeprägtes allgemeines Vertrauen zu einer stärkeren Bevorzugung für dominante Anführer:innen führt und dieses Vertrauen bei ethnischen Minderheiten oft geringer ist. Genauso haben nachgewiesenermaßen auch Menschen mit rechter Ideologie oft weniger Vertrauen in Institutionen und andere Menschen.
Der Überlebensinstinkt zu folgen
Für dieses Phänomen versucht die adaptive Gefolgschaftstheorie eine Erklärung zu finden. Sie besagt, dass mit dominanten Führungspersonen bestimmte Vor- und Nachteile entstehen. Ein Vorteil kann sein, dass Entscheidungen schneller getroffen und umgesetzt werden. Es gibt so nur eine Person, die diese kontrolliert und den Status hat, um gehört zu werden. Besonders in gefährlichen Situationen ist das wichtig, da dann oft keine Zeit für Diskussion bleibt. Ein Nachteil ist jedoch, dass zentrierte Macht von einzelnen Personen leichter missbraucht werden kann als eine demokratische Verteilung. Dieser Trade-Off wird deshalb nur in Risikosituationen in Kauf genommen. Nimmt eine Person wahr, dass sie sich in Gefahr befindet, löst dies nicht nur ein geringeres Vertrauen aus, sondern auch eine Präferenz für eine Führungsperson, die vorgibt, die Situation schnell und effektiv verbessern zu können.
Warum wählt die Arbeiterklasse die AfD?
Eine mögliche Perspektive auf diese Frage ist die des wahrgenommenen Risikos. Veränderungen in Angebot und Nachfrage, Mindestlohn und auch Migrationspolitik sind Themen, die Angestellte wie Industriearbeiter:innen, ungelernte Arbeiter:innen und Personen in Dienstleistungsberufen oft am stärksten spüren. Daraus kann ein verstärkter Wunsch nach Verbesserung der akuten Situation und Anerkennung der erlebten Sorgen entspringen. Oft erhoffen sich Menschen dann, dass diese Bedürfnisse von lauten und fordernden Persönlichkeiten besser befriedigt werden können. Es geht also weniger um die Inhalte bestimmter Parteien als um das Gefühl, dass für einen die Stimme erhoben wird.
»Natürliche« Dominanz
Die Person, die Hoffnung auf Verbesserung bringt, ist oft männlich, weiß und rechts, da diese Merkmale häufig mit Führungsstärke in Verbindung gebracht werden. Trump verkörpert diese Dominanz perfekt, insbesondere mit seinem Ruf als skrupelloser Businessman. Das Bild von selbstbewusster Führung kann sich mit der Zeit auch verändern, aber es erfordert Kraft, diese Sozialisierung zu hinterfragen.
Nur weiße Demokrat:innen sind die Ausnahme
Die Studie der ethischen Kluft in der Präferenz für dominante Führung zeigt, dass es nur eine einzige Gruppe gibt, die einen dominanten Führungsstil meist ablehnt, nämlich weiße Demokrat:innen. Diese haben ein besonders hohes Vertrauen in ihre Mitmenschen und Institutionen.
Ängste anerkennen
Wahlverhalten hat Gründe, die wir versuchen sollten zu verstehen. Es ist einfach, das Stimmen für eine Partei als Dummheit abzutun, wenn es für uns keinen Sinn zu ergeben scheint. Doch Politik ist emotional und viele Menschen wählen Parteien nicht nur wegen ihrer inhaltlichen Forderungen, sondern hauptsächlich wegen ihres selbstbewussten Auftretens und ihrer vorgegebenen Führungsstärke, was aktuelle Krisen betrifft. Über diese Aspekte hinwegzusehen ist dem Privileg zu verdanken, sich selbst eben nicht in akuter Gefahr durch institutionelles Handeln zu fühlen.
Titelbild © Linus Ziegler
Quellen:
de Waal-Andrews, W., van Beest, I., & van Dijk, E. (2020). The triad model of follower needs: Theory and review. Personality and Social Psychology Review, 24(4), 347–370. https://doi.org/10.1177/1088868320934686
Nair, K., Mooijman, M., & Kouchaki, M. (2025). The ethnic and political divide in the preference for strong leaders. Psychological Science, 36(5), 384–403. https://doi.org/10.1177/09567976251327217

