Warum brauchen wir queere Utopien, um die Realität zu verändern? Zwischen Angst vor der Gegenwart, Sehnsucht nach einer besseren Zukunft und der Überzeugung, dass Träume politische Kraft haben, entwerfe ich die Vision einer Welt, die uns nicht einengt, sondern die Menschlichkeit in uns leuchten lässt.
von Julia C. Albrecht
Immer wieder ertappe ich mich bei der vielleicht universellsten aller philosophischen Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Oder, noch persönlicher formuliert: Was ist mein Sinn des Lebens?
Diese Frage taucht nicht plötzlich auf, sondern begleitet mich Schritt für Schritt, wie ein Schatten, manchmal leise, manchmal hartnäckig. Die Antwort darauf wirkt zugleich überwältigend komplex und überraschend greifbar. Für mich liegt der Sinn des Lebens darin, meine begrenzte Zeit bewusst zu nutzen und die Welt aktiv mitzugestalten. Nicht als allwissende Instanz, sondern als Teil eines größeren Ganzen. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen: für mich selbst, für andere Menschen und für die Gesellschaft, in der wir leben. Menschen zu unterstützen, Räume zu öffnen, zuzuhören, da zu sein. Und meinen Beitrag dazu zu leisten, dass sich diese Welt zumindest ein kleines Stück in eine gerechtere, solidarischere Richtung bewegt.
Denn auch wenn mein eigenes Leben endlich ist, tragen meine Ideen, Gedanken und Träume etwas in sich, das über mich hinausweist. Sie haben das Potenzial, weiterzuleben, mich zu überdauern, und vielleicht, mit etwas Glück, etwas zu verändern.
Wenn wir nicht träumen, ist diese Welt bereits verloren
Wenn ich vom Träumen spreche, meine ich nicht bloß Tagträume oder das Verweilen in flüchtigen Fantasien. Ich meine kein Eskapieren aus der Realität, sondern im Gegenteil ein bewusstes, waches Wahrnehmen derselben. Träumen bedeutet für mich, Haltung einzunehmen. Sich zu den eigenen Werten zu bekennen; zu jenen, für die man einsteht, ebenso wie zu denen, die man entschieden ablehnt. Es bedeutet, nicht neutral zu bleiben, wo Neutralität Ungerechtigkeit stabilisiert.
Eine Utopie zu denken heißt, das Hier und Jetzt infrage zu stellen. Es heißt, nicht alles als gegeben hinzunehmen, nur weil es schon immer so war. Erst wenn wir benennen können, was uns an der Gegenwart wütend macht oder traurig stimmt, beginnen wir zu begreifen, wie unser Ideal aussieht. Utopien entstehen aus Unzufriedenheit – nicht aus Zerstörungswut, sondern aus Hoffnung. Und wenn wir heute keine Grundsteine für morgen legen, wird sich auch nichts verändern.
Utopien helfen uns dabei, neue Welten zu entwerfen und Wege dorthin überhaupt erst denkbar zu machen. Sie erweitern unseren Horizont und verschieben die Grenzen dessen, was wir für möglich halten. »We must dream and enact new and better pleasures, other ways of being in the world, and ultimately, new worlds«, schreibt der kubanoamerikanische Theoretiker José Esteban Muñoz in seinem Werk Cruising Utopia, während er genau dieser Argumentationskette folgt.
Manchmal habe ich Angst vor dieser Welt, so wie sie ist und was noch aus ihr werden kann. Wir leben in einer Welt, in der sich das Undenkbare stetig weiter ins Unvorstellbare verschiebt. Gewalt, Ausgrenzung und Menschenverachtung werden normalisiert, bis sie kaum noch hinterfragt werden. Vielleicht ist es genau deshalb, dass mir das Jetzt nicht genügt. Da ist immer dieses leise, aber drängende »Was könnte sein?« und »Was sollte sein?«. Dinge, die noch nicht so sind, wie sie sein sollten. Zustände, die nicht alternativlos sind. Realitäten, für die es sich zu kämpfen lohnt.
Vorschlag (m)einer queeren Utopie
In meiner queeren Utopie existiert keine Gewalt. Weder die, die wir einander zufügen, noch jene, die wir gegen uns selbst richten. Keine physische, keine psychische, keine strukturelle Gewalt. In meiner queeren Utopie darf jede:r träumen, und erhält zugleich die reale, materielle Möglichkeit, diese Träume auch zu verwirklichen. Damit wir sowohl die sein können, die wir sind, als auch jene, zu denen wir werden möchten. Ohne Angst, ohne Scham, ohne die ständige Notwendigkeit, uns erklären oder rechtfertigen zu müssen. In meiner queeren Utopie sind alle Menschen frei und gleich – unabhängig von Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung, Hautfarbe, ethnischem oder kulturellem Hintergrund, Gesundheitszustand oder sozialer Klasse.
Alle haben den gleichen Zugang und das gleiche Recht auf Nahrung, Wasser, Schutz, Kleidung, Mobilität, Technologie, Kunst und Bildung. Ebenso selbstverständlich ist das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper, über die eigene Identität und über die eigene Reproduktion. Diese Rechte sind nicht verhandelbar, sondern Grundlage eines würdevollen Lebens.
In meiner queeren Utopie herrscht Solidarität. Ein Wir, das ohne starre Kategorien denkt, die Menschen gegeneinander ausspielen. Eine Menschheit, die unsere Verschiedenheit nicht nur toleriert, sondern wertschätzt – und dabei anerkennt, dass wir trotz aller Unterschiede miteinander verbunden sind. Gleichheit bedeutet hier nicht Gleichmacherei, sondern Gerechtigkeit, ohne bestehende Unterdrückungs- und Machtfelder zu ignorieren oder zu verharmlosen. Dazu gehört auch, queere Perspektiven konsequent intersektional zu denken. Queere Utopien dürfen nicht bei einer einzelnen Achse von Unterdrückung stehen bleiben, sondern müssen Race, Klasse, Geschlecht, Nation und Migration zusammendenken. Solidarität, die Differenz anerkennt, konfliktfähig bleibt und über Kampf- und Protestmomente hinausgeht, muss aktiv hergestellt werden als politischer Akt, indem Menschen über soziale, kulturelle oder ökonomische Grenzen hinweg zusammenkommen und zu kollektiven Akteur:innen werden.
Hoffnung, Chance und Verantwortung
Natürlich ist mir bewusst, dass Gewalt nie vollständig verschwinden wird, ebenso wenig wie Diskriminierung, strukturelle Ungleichheit und Hass. Eine Zukunft muss in vielerlei Hinsicht rational und realistisch gedacht werden, und genau das steht oft im Spannungsverhältnis zum Konzept einer Utopie. Doch Utopien müssen nicht perfekt sein, um wirksam zu sein. Sie müssen nur mutig genug sein, um Veränderung anzustoßen und in uns Hoffnung als politische Energie zu erzeugen.
Wenn wir den Mut aufbringen, diese Welt aktiv zu verändern und das Menschenfeindliche zumindest auf ein Minimum zu reduzieren, dann gibt es vielleicht doch Hoffnung für uns. An dieser Hoffnung halte ich fest. An meinen Ideen, meinen Träumen, meiner Utopie. Nicht, weil sie naiv sind, sondern weil sie mir zeigen, was ich wirklich will für diese Welt: Eine Zukunft, in der die Menschlichkeit in uns wieder zum Leuchten beginnt. »A map of the world that does not include utopia is not worth glancing at«, schreibt Oscar Wilde, und dem stimme ich zu. In unserer gegenwärtigen Welt sind wir in unserer Queerness oft verloren, wie in einem Gefängnis, das uns unsichtbare Ketten anlegt. Anpassung wird verlangt, während Freiheit versprochen wird. Wenn ihr mich fragt, ist es an der Zeit auszubrechen. Uns zu erheben, laut zu sein und uns gemeinsam Gehör zu verschaffen. Unserer Wut und unserem Drang nach Gerechtigkeit auch mal nachzugeben.
Unsere queere Utopie in eine queere Zukunft zu verwandeln, ist möglich. In ihr liegt das Potenzial einer Welt, die uns gehören kann – wenn wir bereit sind, sie gemeinsam zu gestalten. Wir müssen sie nur ergreifen. Sie zu unserer Realität machen, in unseren Diskursen, in der Wissenschaft, in der Kunst und im Alltag.
Die Zukunft gehört ein jedem von uns. Sowohl einzeln als auch zusammen. Und ich hoffe, dass wir dieser Chance und Verantwortung gewachsen sind.
Titelbild © Julia C. Albrecht
Für Interessierte:
Muñoz, José Esteban (2009): Cruising Utopia: The Then and There of Queer Futurity. New York/London.
Dietze, Gabriele; Haschemi Yekani, Elahe; Michaelis, Beatrice (2022): „Seinsweisen oder Kategorien: Intersektionalität und ihre Methoden queeren“, in: Biele Mefebue, Astrid; Bührmann, Andrea D.; Grenz, Sabine (Hg.): Handbuch Intersektionalitätsforschung. Wiesbaden, S. 111–130.
Dietze, Gabriele; Haschemi Yekani, Elahe; Michaelis, Beatrice (2007): „‚Checks and Balances.‘ Zum Verhältnis von Intersektionalität und Queer Theory“, in: Walgenbach, Katharina; Dietze, Gabriele; Hornscheidt, Lann; Palm, Kerstin (Hg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität.Opladen/Farmington Hills, S. 107–139;

