Bei Plätzchen, Weihnachtsbraten und Schneespaziergängen fragte sich unsere Autorin: Handelt es sich bei meiner Mutter um eine sogenannte almond mom?
Von Marie Odenthal
»Mama, glaubst du eigentlich, dass die Diätkultur dich beeinflusst?« frage ich meine Mutter, als wir zu fünft am gedeckten Tisch sitzen. Gerade eben hat sie nämlich von ihrer letzten Fastenkur erzählt. Mir als aufmerksame Tochter ist nicht entgangen, dass das schon die dritte »Kur« in diesem Jahr war. »Nein, ich will einfach nur meine Jeans zukriegen«, antwortet meine Mutter prompt. Als sich dann vom anderen Tischende meine 80- jährige Oma einschaltet – »Ich muss auch unbedingt mein Bauchfett loswerden« – steht mein Urteil fest:
Ich habe es in meinem Elternhaus mit verdächtigen Fällen von diätbeeinflussten Frauen zu tun. Und ich frage mich: Wann haben Frauen endlich ihre Ruhe vor dem gesellschaftlichen Druck, immer dünner werden zu müssen?
Der Begriff almond mom kursiert schon einiger Zeit im Netz. Er beschreibt das Phänomen von Müttern, die – überspitzt dargestellt – nur eine Mandel pro Tag zu sich nehmen, also extrem gewählt essen. Wahlweise sind almond moms außerdem sportsüchtig oder geben ihr ungesundes Essverhalten direkt an ihre Kinder weiter.
Im weiteren Sinne kann man aber auch Frauen, die sich stark vom Druck, dünn sein zu müssen zeigen, in eine solche Kategorie einordnen. So zumindest meine Diagnose, die beim Verzehr der fettfreien Selleriepommes aus dem Fastenkochbuch von Mama still in meinem Kopf entsteht.
Lustig finde ich, dass der vegane Hackbraten, den meine Mutter am ersten Weihnachtstag gekocht hat, tatsächlich Mandel enthält. Als weniger amüsant empfinde ich, dass meine Mutter sich kaum von einem riesigen Druck lösen kann. Dieser hält sie augenscheinlich dazu an, unzufrieden mit ihrem völlig gesunden und normschönen Körper zu sein. Und das tut mir leid. Hat frau in unserer Gesellschaft nach der Geburt und Erziehung von zwei Kindern, nach Studium, Vollzeitarbeit und 53 Jahren auf dieser Erde nicht genug geleistet? Frauen allen Alters sollten sich endlich von Schuldgefühlen, die mit Essen verbunden sind, freimachen können.
Sätze wie »Du sollst nicht in deine Jeans reinpassen, die Jeans soll dir passen« und eine gemeinsame Analyse der patriarchalen und frauenfeindlichen Strukturen, die hinter dem Diät-Wahn stecken, scheitern meiner Erfahrung nach an meinem heimischen Esstisch meist. Daher belasse ich es dieses Mal am Weihnachtstisch bei »Gut siehst du aus« – der Stillen Nacht wegen.
Titelbild © Olivia Rabe

