Salzige Vanille

Salzige Vanille
Ein Text darüber, wie es sich anfühlt jemanden zu verlieren. Zumindest für einen Moment.

von Lilly Döring

Er lief die Straße entlang und dachte darüber nach, wie schnell die Sonne doch untergeht, wenn man sie kurz aus den Augen lässt.

Er dachte nicht wirklich an die Sonne, er dachte an sie.

Er dachte an das, was er jetzt nicht mehr hatte.

Ihre Sanftmut, ihre weichen Hände, rauen Lippen, ihren sarkastischen Ton, ihre langen Haare.

Er dachte an die Liebe seines Lebens und er dachte an einen Rest des Lebens ohne sie.

Seine Finger wurden taub in der Kälte, er sah seinen Atem vor ihm in der Luft zu kleinen Wolken aufsteigen.

Es war still um ihn herum und er hörte ihr Lachen, sobald er diese Stille zu sehr genoss.

Er roch ihr Parfüm hin und wieder in der Menge, er roch nie ihren körpereigenen Duft.

Er vermisste salzige Vanille.

Jede Faser in seinem Körper sträubte sich gegen sein alleiniges Dasein, gegen die Einsamkeit, gegen das Gefühl von nun an ewig auf der Suche nach etwas zu sein, was ihn weg von diesen klammen Winternächten bringen würde.

Jede Faser in seinem Körper fühlte sich an, als würde sie nicht zu ihm gehören.

Aus einer Kirche an der Ecke klang Chorgesang und er dachte an ihr rotes Kleid.

Er dachte an ihre Stetigkeit. Sie war immer da gewesen, immer.

Es war kein Tag vergangen, an dem er nicht als erstes an sie gedacht hatte. Es war kein Tag vergangen, an dem er und sie hätten Fremde werden können.

Er fischte eine Zigarette aus seiner Jackentasche und zündete sie an.

Die Flamme loderte auf und er dachte an ihre Wärme.

Und je mehr er dachte, desto mehr kam ihm die Straße zu lang vor und die Nacht zu kalt und seine Finger zu taub und seine Gedanken zu laut und er konzentrierte sich nur auf seine Kippe für ganze zwei Minuten.

Als er damit fertig war, wischte er sich über die nassen Augen, schluckte jeden Ton des Schmerzes herunter, atmete aus und schloss die Lider.

Er öffnete sie wieder und lag in seinem Bett, Sonnenstrahlen im Nacken.

Neben ihm die Wärme, neben ihm sein Zuhause.

Er hörte sein Herz, er hörte ihren Atem und er stoß ein Dankesgebet aus, obwohl er kein Gläubiger war.

Jede Faser in seinem Körper fühlte sich an, als würde sie leuchten.

Er schlang die Arme um ihren Oberkörper, vergrub sein Gesicht an ihrem Hals und neben salziger Vanille lag an diesem Morgen auch ein bitterer Beigeschmack in der Luft.

Er wollte nie wieder einschlafen.


Titelbild © Olivia Rabe

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