Um, an, in und über Regensburger Kirchen

Um, an, in und über Regensburger Kirchen
Es ist der 24. Dezember, wie jedes Jahr. Alle Jahre wieder. Die Kirchenglocken läuten und Jung & Alt, Groß & Klein machen sich auf ihren Weg. Durch den weihnachtlichen Nebel, der unter gelbleuchtenden Laternen durch die Straßen wabert, trudeln sie in die örtlichen Gotteshäuser ein.

Von Amelie Marquis

Aber entspricht das tatsächlich der Realität oder ist diese Tradition so wie die analoge Weihnachtspostkarte in die Jahre gekommen und finden sich nur noch die Omis und Opis der Dörfer zum Gottesdienst beisammen, um danach bei ihren Kindern und dem Enkelgeschrei einzukehren?

Die christliche Institution mitsamt der Traditionen hat in den letzten Jahren den Glauben von vor allem den jüngeren Generationen verloren. Ein Grund werden die zahlreichen schrecklichen Vorfälle innerhalb der Kirche wie die Missbrauchsfälle sein, welche ohnehin bedeutend mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten. Diese führen neben neuen Glaubensformen und anderen wegweisenden Gemeinschaften zu einer Abneigung der vor allem jüngeren Generationen, sodass diese – auch ihren Großeltern zuliebe – nicht mehr an den Weihnachtstagen mit in die Kirche stapfen. So findet sich an Weihnachten die gesamte Familie oft erst unter dem reichgeschmückten und wohlig unter Kerzenschein strahlenden Weihnachtsbaum zusammen.

Der Kirchenstadtrundgang beginnt

Um dennoch ein Gefühl dafür zubekommen, wo sich die Kirchen in Regensburg verstecken und wofür so manche genutzt wird, bietet sich ein Kirchenstadtrundgang als äußert angemessen an. Dabei lässt sich vorab betonen, es gibt eine Menge. Laut des Wikipedia Eintrags »Kirchengebäude in Regensburg« ganze 76 Einträge. Es würde somit einen äußerst langen Spaziergang benötigen, um alle einmal bestaunt zu haben. Aus diesem Grund wird im Folgenden die dezidierte und melodische Anzahl von fünf Kirchen vorgestellt.

Theresia – die Extraordinäre

Unser Rundgang beginnt mit dem besten Beispiel für ein zweckentfremdetes Gotteshaus: die entweihte Kirche St. Theresia. Diese schafft nun unter dem Namen „Theresia – Raum für Ideen“ ein kulturelles Zentrum in Kumpfmühl für alle sozialen, künstlerischen, kulturellen aber auch immer noch kirchlichen Zwecke Platz. Das Schönste an der ganzen Sache ist, dass der neue Eigentümer das Gebäude nach einer Renovierung aktuell mietfrei, abgesehen von anfallenden Betriebskosten, für jegliche Veranstaltungen wie Konzerte und Ausstellungen zur kreativen Entfaltung zur Verfügung stellt. Außerdem machen amüsante Anekdoten zur Umgestaltung der Kirche die Erzählung über den Ort perfekt. Dazu zählen Geschichten, wie die von einem der beiden Beichtstühle, der sich nun irgendwo in einem Whiskeykeller wiederfindet und die der ehemaligen Orgel, welche nun in einer neuen Gemeinde in Ungarn weiter bespielt werden darf.

Davon abgesehen ist das Gebäude bis auf die schmucken Deckenmalereien, bunten Mosaikfenster und einigen wenigen Möbelstücken von der Kirche leergeräumt worden. Übergeblieben sind die kahlen, etwas ungewohnten Umrisse der Altare und ein zerlegter Beichtstuhl. Zu bisherigen Nutzungsideen gehören auch ein Vespa-Verkauf, ein Café oder eine Bibliothek. Zu guter Letzt wird das neue Konzept und die Neuinterpretation auch von den älteren Stimmen der Gemeinde positiv aufgenommen. Selbstverständlich hatte die Profanierung für Skepsis und emotionales Misstrauen gesorgt und umso schöner ist die Akzeptanz genau derer, welche an Weihnachten in der Messe beisammensitzen.

 
Die Dreieinigkeitskirche – die Verschlossene

Bergab von dort nimmt einen der Bus in Richtung Bismarckplatz mit. Zu Fuß rein in die Altstadt auf der Gesandtenstraße, vorbei an Café, Bar und Eisdiele. Nicht lange, dann zeigt sich auf der rechten Seite die Dreieinigkeitskirche. Fast ein wenig eingezwängt gliedert sie sich unauffällig ins Stadtbild. Hübsch von außen anzusehen, aber ihre Innenarchitektur lässt sich nur erahnen. Die Kirche ist an diesem grauen Mittwochnachmittag leider geschlossen und da bleibt sie nicht die Einzige. Wer Kirchenarchitektur bewundern möchte, muss dafür ein gewisses Zeitfenster abpassen, was zu bedauern ist, da die Kirchen dadurch in gewisser Weise die möglichen Neugierigen verscheuchen.

Die Neupfarrkirche – die Unaufdringliche

Nichtsdestotrotz gibt es noch 75 weitere Kirchengebäude, die sich für eine Besichtigung anbieten. Ein paar Schritte weiter weitet sich die Straße und der Neupfarrplatz, der neben dem Dom das Herzstück von Regensburg darstellt, eröffnet sich vor den Augen. Inmitten dessen der zurzeit lebendige Weihnachtsmarkt und die Neupfarrkirche. Den Weg durch den Trubel gebahnt, die Treppen hinauf und rein in die alte kalte Kirche. Bunte Lichter des Weihnachtsmarktes strahlen hinein und bringen die typisch protestantische Schmucklosigkeit zum Erwärmen. Ein einsamer Stern leuchtet am Eingangsbereich vor sich hin und hüllt den Innenraum in ein fast mystisches Licht. Ein, zwei Touristen-Pärchen wandeln hier herein, vielleicht auf Suche nach Schutz vor der Kälte. Auch ein kleiner Junge, der sein Nuss-Nougat-Cremé-Crêpe stolz vor sich durch den Raum trägt, verirrt sich hierher. Obwohl außerhalb der Kirche die Weihnachtsmusik schallt, ist die Atmosphäre drinnen ruhig und friedlich.

Die Karmelitenkirche St. Josef – die Sinnliche

Die nächste Kirche wäre selbstverständlich der Regensburger Dom. Dieser erfährt jedoch bereits genügend einheimische sowie touristische Aufmerksamkeit, sodass der Weg daran vorbei auf den Alten Kornmarkt führt, geradezu auf die Karmelitenkirche St. Josef. Im Vorraum ist das Murmeln einzelner Menschen zu vernehmen. Am Altar kniet der Pfarrer mit dem Rücken zu den betenden Menschen. Der Gottesdienst sorgt für eine heimliche Stimmung im geschützten Raum der Kirche. Es ist 16:30 Uhr, unter der Woche, während der Adventszeit: die paar Seelen sind hier zusammengekommen. Die Kirche stellt nach wie vor für die Menschen, die sie aufsuchen, einen Rückzugsort dar und schafft einen Ort der Gemeinschaft. Fast könnte man sagen, dass dort die »traditionelle Nutzung« einer Kirche zu sehen ist.

Die Alte Kapelle – die Beschmückte

Quer über den Platz, nicht einmal 100 Meter Luftlinie, schon das nächste Kirchengebäude. Eine der ältesten Kirchen Bayerns. Die Basilika Alte Kapelle steht dort mächtiger als ihr Name vermuten lässt. So unscheinbar sie von außen dennoch scheint, umso beeindruckender ist diese wunderschöne barocke Kirche von innen. Ein Gitter verwehrt den vollständigen Eintritt, aber vor der Kälte von draußen bewahrt, lädt eine Bank zum Setzen und Verweilen ein, sodass man den goldenen Glanz und die Verzierungen auf sich wirken lassen kann. Es ist schwer, sich satt zu sehen, obwohl manche behaupten würden, es sei überladen. Aber genau das ist der Charme und der Charakter dieser alten schmucken Kirchen.

Wasserplätschern irgendwo im Hintergrund. Plötzlich lassen sich doch sogar vereinzelte verirrte Besucher vernehmen, welche gleichermaßen staunen. Ein Irrtum, da die fünf älteren Herrschaften die viel bekanntere Nachbarkirche suchen, die mit ihrer modernen Lichtausstellung wirbt. Den krönenden Abschluss unseres Rundgangs formuliert ein Herr dieser Gruppe als er rief „Hier bleibe ich, hier gefällt es mir auch!“.

Der bleibende Eindruck des Kirchenstadtrundgangs

Egal, ob man auf räumliche Zweckentfremdung, die kirchliche Nutzung, das Bestaunen überraschend prunkvoller Architektur oder die Tatsache, dass man öfters vor verschlossenen Türen steht, trifft: Ein Kirchengebäude bedeutet nicht gleich Glauben und Religion. Es ist auch mehr als die umstrittene und dringend geforderte Reformierung der Kirche. Zuerst sind es historisch geprägte und architektonische Meisterwerke, die sich jeder anschauen und ganz unvoreingenommen betrachten sollte.

Wichtig bei alledem ist, Glaube ist also auch nicht gleich Religion, Menschen können an vieles Schönes, Ungewöhnliches, aber eben für sie das Richtige glauben. Es bringt Menschen zusammen und gründet Gemeinschaften und das bleibt das Wundervolle daran, wenn Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig Wertschätzung, Respekt und ein offenes Ohr bieten. Das ist Weihnachten.


Fotos © Anna Höcherl

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