Früher haben sich die zwei besten Freundinnen jeden Tag gesehen. Heute schaffen sie es gerade so, ein Mal im Monat zu telefonieren. Grund dafür: Sie trennen fast 400 Kilometer. Trotzdem leidet die Qualität ihrer Freundschaft nicht darunter – wie kann das funktionieren?
Von Ronja Schäfer
Freundschaften sind für viele Menschen die wichtigsten sozialen Beziehungen im Leben. Wir verbringen schließlich überall Zeit mit unseren Freund:innen. Egal ob im Unialltag, der Arbeit, beim Hobby oder im Urlaub – Freundschaften ziehen sich durch alle Lebensbereiche. Dabei hat Freundschaft einen großen Nutzen für uns selbst. Wir können unsere Sorgen loswerden, Ratschläge bekommen und Hilfe bei Problemen erhalten. Aber auch bei gemeinsamen Unternehmungen und Aktivitäten zählen wir auf unsere Freund:innen. Freundschaft ist bestenfalls eine ausgeglichene Beziehung von Geben und Nehmen. Wir erhalten nicht nur all die positiven Angebote von unserem Gegenüber, sondern sind selbst in der Position, im Gegenzug das für unsere Freund:innen zu tun, was wir selbst von ihnen erwarten. In einer funktionierenden Freundschaft ist diese Abstimmung meist ein Prozess, der aufgrund von ähnlichen Werten und Erwartungshaltungen ganz automatisch abläuft. Gegenseitig füreinander da sein, in guten, als auch in schlechten Zeiten, macht Freundschaft zu einer unverzichtbaren emotionalen Stütze. Für viele Menschen ist Freundschaft sogar wichtiger als romantische Partnerschaft, da sie längerfristig besteht und Freund:innen eine Art selbst ausgewählte Familie darstellen.
Die Vielfalt der Freundschaft
Ein Grund, warum Freundschaften für Menschen essentielle soziale Beziehungen sind, ist ihre Vielfältigkeit und individuelle Entscheidung für diese Art der Beziehung. Jemanden als einen Freund oder eine Freundin zu bezeichnen, benötigt keinen Vertrag, offizielle Erlaubnis, familiäre Zustimmung oder gegenseitige Absprache. Freundschaft ist so simpel und doch so tiefgründig. Wir sind ganz frei, was wir als Freundschaft bezeichnen. Es gibt keine rechtlichen Regeln oder soziale Normen. Auch der gesellschaftliche Druck, der oft auf Liebesbeziehungen lastet, ist bei Freundschaften nicht gegeben, was es für uns einfacher macht, ehrliche freundschaftliche Beziehungen einzugehen. Einzig das Gefühl, auf das Gegenüber vertrauen zu können, gerne Zeit miteinander zu verbringen und sich auf eine ganz individuelle Art verbunden zu fühlen, kann Freundschaften entstehen lassen. Diese Einzigartigkeit führt dazu, dass wir im Laufe unseres Lebens viele Arten von Freundschaften aufbauen. Dabei sortieren wir oberflächliche Freundschaften aus und halten nicht mehr an denen fest, die nicht mehr in unser Leben passen. Von Kindergartenfreundin bis Uniclique – egal in welcher Lebenslage, wir suchen uns aktiv die Menschen aus, die gerade in unsere Lebenssituation passen.
Hegen, pflegen, aussortieren
Dass Freundschaft zwar oft sehr mühelos und unkompliziert zu führen scheint, bedeutet aber keinesfalls, dass sie ein Selbstläufer ist. Freundschaften müssen genauso wie der Kleiderschrank regelmäßig aussortiert werden, um zu sehen, was wirklich noch passt und womit man sich noch wohl fühlt. Schließlich sollten wir auch nur Kleidungsstücke besitzen, die regelmäßig getragen werden, die Persönlichkeit unterstützen und uns selbstbewusst fühlen lassen. Im Idealfall sollte die eigene Auswahl an freundschaftlichen Beziehungen auch so aussehen. Doch dafür müssen wir auch aktiv an dieser Auswahl arbeiten, uns um sie kümmern und Zeit investieren. Glücklicherweise kann jeder dabei selbst über Anzahl und Qualität entscheiden. Manche Menschen lieben den Überfluss, andere sind eher minimalistisch. Studien zeigen, dass langjährige Freundschaften allerdings eine besondere Qualität haben, da wir Ereignisse über verschiedene Lebensabschnitte mit ihnen teilen und sie unsere persönliche Entwicklung miterlebt und beeinflusst haben.
Freundschaft auf Distanz
Die Basis von Freundschaften ist gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen und Erlebnisse zu teilen. Laut einer Studie der University of Kansas kann man nach ca 80 bis 100 gemeinsam verbrachten Stunden von einer Freundschaft sprechen. Dieses Kennzeichen ist aber auch flexibel. Für die Einen ist es wichtig, sich regelmäßig zu sehen, andere sehen ihre beste Freundin nur wenige Male im Jahr und fühlen sich ihm trotzdem so verbunden wie niemandem sonst. Dank moderner Technologien können wir heutzutage sogar einfacher in Kontakt bleiben als je zuvor. Eine Sprachnachricht lässt uns ganz einfach die ganze Woche zusammenfassen, der Insta-Post informiert uns über besondere Highlights, ein Snap ermöglicht uns alltägliche Einblicke. Immer wieder hört man von langjährigen funktionierenden Brieffreundschaften – oder heutzutage Online-Freundschaften. Doch können wir wirklich tiefgründige freundschaftliche Beziehungen ohne regelmäßigen persönlichen Kontakt führen? Besondere Lebensumstände stellen das oft auf die Probe. Spätestens nach dem Schulabschluss trennen sich die Wege vieler Jugendlicher, die sich zuvor Tagtäglich im Klassenzimmer gesehen haben. Einige ziehen aus der Heimatstadt, lassen ihre Familie und langjährigen Freundschaften zurück und müssen feststellen, dass räumliche Distanz oft auch emotionale Distanz bedeutet.
Aus den Augen, aus dem Sinn
Unregelmäßiger Kontakt lässt uns Menschen vergessen, die zuvor ein großer Teil unseres Lebens waren. Auch wenn wir uns nicht aktiv von den Menschen distanzieren, passiert das häufig automatisch, sobald regelmäßiger persönlicher Kontakt fehlt. Teil von Freundeskreisen an verschiedenen Orten zu sein, kann oft zu emotionaler Belastung führen. Wir fühlen uns nirgendwo vollständig zugehörig, sind hin-und hergerissen und fürchten Menschen zu verlieren, die uns wichtig sind. Ist es also unmöglich Freundschaften über große Distanzen aufrecht zu erhalten? Schwieriger ja, trotzdem aber machbar. Das wohl Wichtigste ist die regelmäßige Kommunikation. Auch kurze Nachrichten, Memes oder kurze Anrufe können helfen. Das Gefühl, die andere Person nicht vergessen zu haben, Gemeinsamkeiten zu teilen und sich trotz räumlicher Trennung verbunden zu fühlen, ist der Schlüssel für Freundschaft auf Distanz.
Die Individualität von Freundschaft lässt vermuten, dass Menschen unterschiedlich gut mit räumlicher Trennung zurechtkommen. Wir können uns heutzutage glücklich schätzen, moderne Technologien nutzen zu können. Doch menschliche Nähe kann nicht vollständig ersetzt werden. Deshalb sollten wir uns regelmäßig daran erinnern: der besten Freundin mal wieder zu schreiben lohnt sich, ein spontaner Besuch kann Wunder bewirken und wer weiß, vielleicht führt das Schicksal die Wege irgendwann wieder näher zusammen.
Titelbild © Anna König
Quellen:
Redaktionsnetzwerk Deutschland: Warum Freundschaften wichtiger sind als Liebe und Familie https://www.rnd.de/liebe-und-partnerschaft/warum-freundschaften-wichtiger-sind-als-liebe-und-familie-CTHOVJGY4RCQTBVG6DMBTFVIS4.html
Handelsblatt: Deshalb ist es okay im Alter weniger Freundschaften zu haben
IMW Tübingen: Freundschaft auf Distanz https://iwm-tuebingen.de/de/news/2025-06-03

