Wenn Tradition Gewalt an Frauen rechtfertigt

Wenn Tradition Gewalt an Frauen rechtfertigt
Bei dem Ausdruck »Klaasohm« klingelte es vor letzem Jahr wahrscheinlich in wenigen Ohren, doch seit der Veröffentlichung einer Reportage vom YouTube-Kanal Strg_F ist er für viele zu einem Begriff geworden. Dort wurde der Ablauf des Feiertags »Klaasohm« aufgezeichnet. Nach einem enormen Shitstorm und einem darauffolgenden Statement mit dem Versprechen, eine Umstrukturierung ins rollen zu bringen, stellt sich nun die Frage, ob dies wirklich geschehen ist.

von Katharina Meier

Was ist das Klaasohm?

Klaasohm ist ein traditioneller Brauch auf der Nordseeinsel Borkum und wird von dem Verein »Borkumer Jungen« veranstaltet. In der Nikolaus-Nacht verkleiden sich unverheiratete Männer, entweder als Klaasohms oder als Wiefke. Dabei stellen erstere furchterregende, archaische Gestalten dar, die sich traditionell in weiße Kittel mit roten Streifen, Schafsfellmasken, einem hohen Pelzhelm und Möwen- oder Vogelfedern hüllen. Als Schlagwerkzeug tragen sie Kuhhörner bei sich. Im Gegensatz dazu symbolisiert die Wiefke die weibliche Gegenfigur: Ein Klaasohm verkleidet sich als Frau in traditionellem Kleid, oft mit Kopftuch oder Schürze, und fungiert als komische oder rituelle Begleiterin. Die Männer ziehen lärmend durch die Straßen Borkums und führen Rituale durch, danach treffen sie sich in der Borkumer Kleinbahn-Halle zu ritualisierten Ringkämpfen, um den Jahresführer zu wählen. Dabei dürfen jedoch nur Borkum-geborene Männer zusehen. Frauen und Fremde sind ausgeschlossen. Für die meisten Inselbewohner:innen gilt diese Tradition als der höchste Feiertag des Jahres.

Wo liegt der Ursprung von Klaasohm?

Der Legende nach entstand der Brauch im 18. Jahrhundert, in der Hochphase der Walfangzeit. Viele Männer Borkums heuerten auf den Schiffen aus Amsterdam an, den Sommer verbrachten sie auf dem Nordmeer, bis sie Ende Herbst dem Eis wichen und ihren Lohn zurück auf die Insel brachten. Da in den Monaten zuvor Frauen das Regiment auf Borkum geführt hatten, sollen die Männer das Klaasohmfest begründet haben, um die Insel wieder formell in Besitz zu nehmen und die Ordnung wiederherzustellen. Die Wiefke symbolisiert deswegen in manchen Deutungen das damalig herrschende Matriachat, welches die Männer rituell herausfordern.

Kritik an Klaasohm

Im November 2024 veröffentlichte der YouTube-Kanal Strg_F eine Berichterstattung mit dem Namen »Mit Kuhhorn auf Frauenjagd: Klaasohm auf Borkum«. In dem Video versuchten die Journalist:innen den Ablauf des Brauches von 2023 zu dokumentieren. Mit der Veröffentlichung dieser Reportage ging ein medialer Aufschrei einher. Der Bericht stellte die Insel und ihre traditionell gefeierte Nikolaus-Nacht ins Rampenlicht und brachte zahlreiche Disskusionen und vor allem Kritik an diese Tradition ins Rollen.

Der Grund dafür ist die offene Ausübung von Gewalt an Frauen als fester Bestandteil des Feiertages. Die Borkumerinnen werden von den Klaasohms massivst mit den mitgeführten Kuhhörnern auf den Hintern geschlagen. Sie werden festgehalten und auch wenn sie sich deutlich versuchen körperlich und verbal dagegen zu wehren, werden sie von meist mehreren Männern physisch festgehalten und können dem Prügel nicht entkommen. Betroffene sprechen von mit Hämatomen übersäten Körpern, unglaublichen Schmerzen und vom beschämenden und erdrückenden Gefühl, welches sich während des Aktes in ihnen ausbreitet. Die größte Demütigung dabei ist wohl vor allem der Lebkuchen als Art Belohnung, der den Frauen nach der Tat in die Hand oder gar den Mund gedrückt wird. Der Vorgang des Fangens, Festhaltens und Schlagens wird in der Reportage oft als Jagd betitelt.

Auch wenn dieser Brauch schon seit einer so langen Zeit existiert, war die mediale Präsens vor 2024 verschwindend gering. Das liegt daran, dass Berichterstatter:innen abgelehnt werden, sie sind nicht erwünscht. Es soll keine Aufnahmen von der Nikolaus-Nacht auf Borkum geben und vor allem sollen diese nicht an die Außenwelt getragen werden. Die Begründung dafür ist, dass die mediale Verbreitung dazu führt, dass Klaasohm dann nicht mehr gefeiert werden kann

Betroffene verbitten sich Erfahrungsberichte, aus Angst vor den negativen Folgen für sich selbst oder der Familie. Wenn man seine Verweigerung der Teilnahme ausdrückt, würde man das fest einfach nicht verstehen und nicht ehren. Während die Frauen von Scham und Demütigung erfüllt sind, zeigt sich bei den Klaasohms keine Reuhe, ganz im Gegenteil. Wenn Frauen Tage nach dem Fest humpelt durch die Straßen laufen, erfüllt sie das mit Stolz. Die Borkumer:innen begründen den Ablauf des Festes mit der Wichtigkeit des Bewahrens der Tradition. Ganz nach dem Motto: es ist schon immer so gewesen.

Statement von Borkum

Von offiziellen Seiten, also dem Bürgermeister, dem Borkumer Jungen Verein und auch dem Polizeichef von der Insel hatte sich während der Produkion der Reprotage von Strg_F keiner dazu bereit erklärt, sich über den Ablauf und die damit verbundene Gewalt an Frauen zu äußern. Erst nach der Veröffentlichung und dem damit einhergehenden medialen Aufsehen wurde ein Statement formuliert und gepostet.

Zunächst streiten sie den Ausmaß der gezeigten Darstellung in den Medien ab, indem sie diese als überspitzt und nicht wahrheitsgemäß bezeichnen. Nicht nur die offizielle Seite, sondern auch die Bewohner:innen von Borkum sollen die Berichterstattung als verzerrt und einseitig empfinden.

Das Fest soll sich nämlich schon lang gewandelt und verändert haben, Gewalt gegenüber Frauen soll immer mehr abgelehnt werden. Die gezeigten Videoausschnitte, in denen Frauen offensichtlich Gewalt zugefügt wurde, werden als vereinzelte Ausnahmefälle beschrieben, welche nicht vollständig verhindert werden konnten. Dieser Tatbestand der Tradition wäre zwar nicht abstreitbar aber soll lediglich einen minimalen Bestandteil darstellen.

Für den in der Reportage beschriebenen Ablauf von Klaasohm wird im Statement eine Entschuldigung ausgesprochen. Des Weiteren soll der Aspekt aufgearbeitet werden. Die Umwandlung mit einer Distanzierung von jeglicher Form der Gewalt gegenüber Frauen wird dabei klargestellt.

Ablauf 2025

Da die Reportage von Strg_F das Jahr 2023 beleuchtet, betont Jürgen Akkermann, der Bürgermeister von Borkum, dass bereits seit 2024 ein Schutzkonzept etabliert worden sei, welches sich auch 2025 wieder bewährt haben soll. Dazu zählt nicht nur die Präsenz von Polizei und Ordner-Teams, sondern auch telefonische Hilfe und Schutzräume für Frauen, die drohen sich unangenehmen und gefährlichen Situationen aussetzen zu müssen.

Verstöße gegen die Verhaltensordnung und die klare Null-Toleranz-Haltung gegenüber Gewalt insbesondere an Frauen sollen konsequent geahndet werden und zum sofortigen Ausschluss vom Festgeschehen führen. Diese Hilfsangebote seien der Pfeiler für eine wesentliche Wandlung und Weiterentwicklung des Brauches. Neben dem Konzept soll das Fest unverändert ausgerichtet worden seien. Das nun bestehende Verbot des Vereins »Borkumer Jungens« gegenüber seinen Mitgliedern verändere nicht den Kern der Tradition.

Im Jahr 2024 soll es zu keinen Vorfällen gekommen seien und auch in diesem Jahr ist das Fest wohl friedlich abgelaufen. In der Berichterstattung von Strg_F ist deutlich erkennbar, dass vor allem sobald es dunkel wird und die traditionellen Machtkämpfe vorbei sind, keine Videos und Bilder mehr gewünscht sind, weder von den Insulianer:innen, noch von Tourist:innen oder gar von Journalist:innen. Dieses Jahr scheint es anders zu sein. In einer Reportage vom NDR kann auch bei Einbruch der Nacht weiter gefilmt werden. Gewalttätige Szenen sind hierbei keine zu finden.

Systematisches Umdenken auf Borkum?

Durch die Einführung eines derartigen Hilfs- und Schutzprogrammes und die öffentliche Entschuldigung von offiziellen Seiten, scheint es tatsächlich eine Wandlung gegenüber des problematischen Teilaspekts dieses Brauches zu geben. Dennoch liefert das Statement von der offiziellen Website von Borkum einen schlechten Beigeschmack. Nicht nur das häufige Benennen der Ereignisse als seltene Einzelfälle, sondern auch die Tatsache, dass der Bürgermeister und der veranstaltende Verein es erst dann für nötig hielten, eine Veröffentlichung eines Statements zu posten, als der mediale Druck zu groß war, zeichnen ein Bild des Misstrauens darüber, ob ein Umdenken wirklich etabliert wurde.

Bei den Borkumer:innen herrscht außerdem eine teilweise Ablehnung des neuen Konzeptes und des Verbotes von Gewalt. Die Begeründung dafür sei, dass Frauen, die nicht teilnehmen wollen einfach zu Hause bleiben können. Dabei ist die Verschiebung der Verantwortung auf die Opfer deutlich sichtbar, weil diese mit Gewalt rechnen müssen, wenn sie das Haus verlassen und wenn sie es tun, dann sind sie selber schuld. Das zeigt, dass man von einem langfristigen und intrinsischen Umdenken weit entfernt ist. Zuletzt ist wichtig zu erwähnen, dass ein Argument dafür, dass Klaasohm die letzten zwei Jahre gewaltfrei abgelaufen seien soll ist, dass keine Meldungen bei der Polizei eingetroffen sind.

Zwischen 2019 und 2023 gab es ebenfalls keine Meldungen bei der Polizei und trotzdem wird in der Reportage von Strg_F eindeutig, dass es zu dieser Zeit mehrfach zu solchen Vorfällen gekommen ist. Sie sind bloß auf Grund von Angst vor Konsequenzen nicht bei der Polizei eingegangen. Der problematische Verlauf von Klaasohm vor 2024 und die teilweise unverständisvolle Haltung gegenüber einem Umdenken zeigt, dass die Unterdrückung von Frauen und die damit einhergehende Gewalt, die ihren Ursprung im 18 Jahrhundert findet, immer noch tief verankert ist.

Dieser Grundgedanke, welcher durchaus als völlig überholt bezeichnet werden muss, hat sich also seit mehreren hunderten Jahren nicht maßgeblich verändert.


Titelbild © Theodor Wolckenhaar

https://www.mare.de/hei-kummt-klaasohm-content-446

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/klaasohm-auf-borkum-schlaege-mit-kuhhoernern-verboten,klaasohm-102.html

https://www.fr.de/panorama/borkum-feiert-umstrittenes-fest-2025-mit-drastischen-aenderungen-klaasohm-nordsee-insel-94071475.html

https://www.stadt-borkum.de/Bildung-Kultur/Klaasohm

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