Alle Jahre wieder 

Alle Jahre wieder 
Hin und wieder genügt ein leuchtendes Fenster, ein Lied im Hintergrund, und Weihnachten fühlt sich plötzlich schwerer an als gedacht.

von Sophie Stigler

Jedes Jahr aufs Neue kommt es wieder: das Fest der Liebe.
Die Straßen glitzern, Fenster leuchten warm, und überall begegnen uns Bilder von scheinbar perfekten Familien. Menschen, die zusammen lachen, die sich selbstverständlich nahe sind, als wäre alles ganz und leicht.

Und man steht daneben. Nicht wirklich Teil davon.
Ein leiser Neid mischt sich unter die weihnachtliche Musik, kaum ausgesprochen, aber deutlich spürbar. Der Wunsch, auch so dazuzugehören. Auch so ein Zuhause zu haben, in dem alles leicht wirkt, in dem niemand fehlt und nichts zerbrochen ist.

Die eigene Realität fühlt sich in der Weihnachtszeit dagegen schwer an. Dieses Fest hält den Spiegel hoch, zeigt, was fehlt, was nie so war oder nie so sein wird.

Erwartungen liegen in der Luft, Erinnerungen drängen sich auf, und aus all dem wächst eine stille Traurigkeit, die man nach außen kaum zeigen kann. Aus dem Vergleich wächst Traurigkeit, eine innere Gedrücktheit, die man nach außen hin kaum zeigen will.

Doch je länger man hinsieht, desto klarer wird: Vieles von dieser Perfektion ist Schein. Ein gut ausgeleuchteter Moment, festgehalten für einen Augenblick. Hinter verschlossenen Türen tragen auch diese Familien ihre Brüche, ihre stillen Konflikte, ihre unerzählten Geschichten.

Und langsam öffnet sich ein anderer Blick: Nähe kann sich auch anders anfühlen. Sie zeigt sich in Freundschaften, in Menschen, die bleiben, ohne etwas zu erwarten. In ehrlichen Gesprächen, geteiltem Schweigen, gemeinsamem Lachen ohne Rolle.

Und dann geht Weihnachten vorüber. Die Lichter werden abgehängt, der Alltag kehrt zurück. Vielleicht bleibt die Erkenntnis: Dass Liebe nicht immer glänzt, dass sie leise sein darf. Und dass Freude manchmal genau dort entsteht, wo man aufhört zu vergleichen. 


Titelbild © Sophie Stigler

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