Kolonialwaren – Zwischen Genussmittel und Ausbeutung

Kolonialwaren – Zwischen Genussmittel und Ausbeutung
Gemütlich im warmen Baumwollpulli: Eine Tasse Kaffee, dazu ne’ Kippe? Oder lieber Tee? Vielleicht Kakao, passend zum Winter mit etwas Zimt? – Ganz alltäglich, aber was steckt eigentlich hinter diesen Produkten? Gab es sie schon immer, und woher stammen sie ursprünglich?

von Franka Mühling

Ende des 15. Jahrhunderts »entdeckt« Christoph Kolumbus Amerika. Damit beginnt eine neue historische Phase: das Zeitalter des Kolonialismus. Kolonialismus ist »die Ausdehnung der Herrschaftsmacht europäischer Länder auf außereuropäische Gebiete mit dem vorrangigen Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung.« Neben Portugal und Spanien errichten auch die Niederlande, England und Frankreich immer mehr Kolonialreiche in Amerika. Im 19. und 20. Jahrhundert erreicht der Kolonialismus dann seinen Höhepunkt.

Die Rolle Deutschlands

1884 lädt Reichskanzler Otto von Bismarck zur sogenannten »Kongokonferenz« ein. Dort geht es um die Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter den europäischen Kolonialmächten – afrikanische Vertreter sind dabei nicht anwesend. Innerhalb von nur 30 Jahren besetzen die Europäer nahezu ganz Afrika, bis auf Äthiopien. Die Deutschen, die zuvor keine Kolonien besessen haben, gehen bei der Kolonialisierung besonders brutal vor: Im heutigen Namibiatreiben sie die einheimischen Herero in die Wüste, um sie dort verdursten zu lassen. Durch die Niederlage im ersten Weltkrieg verliert das deutsche Reich alle Kolonien, aber erst 2021 erkennt Deutschland die damaligen Verbrechen offiziellals Völkermord an.

Genussmittel mit bitterem Beigeschmack

Ein zentrales Ziel des Kolonialismus war die Bereicherung durch Lebensmittel wie Kaffee, Tee, Kakao, Rohrzucker, Gewürze oder Früchte – Produkte, die in Europa nicht angebaut werden konnten. Zunächst galten diese Produkte als Luxusgüter, importiert aus Kolonien anderer Mächte. Später versuchte das deutsche Reich dann, diese Waren in den eigenen Kolonien anzubauen. Dafür wurde die einheimische Bevölkerung ausgenutzt, um unter unmenschlichen Bedingungen für niedrigen Lohn auf den Plantagen zu arbeiten. So wurden die Produkte billiger und somit für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich.

Vom exklusiven Genuss zum Massenprodukt

Um die begehrten Waren zu vertreiben, entstanden Kolonialwarenläden. Händler brachten die Produkte aus den Häfen Hamburgs und Bremens in die Städte. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden so die einstigen Luxusgüter zu Genussmitteln für die breite Bevölkerung. Nach dem Verlust der Kolonien 1914 wandelten sich die Geschäfte zu Tante-Emma-Läden mit allgemeinerem Sortiment. Diese Gemischtwarenläden legten den Grundstein für moderne Einzelhandelskonzepte und waren die Vorläufer heutiger Supermärkte.

Spuren bis heute

Die Kolonialgeschichte Deutschlands ist heute noch an vielen Orten erkennbar. So geht der Name der Supermarktkette Edeka auf die »Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler«, kurz E.d.K zurück. In Regensburg erinnert der Bismarckplatz, wobei vielen nicht bewusst ist, dass Otto von Bismarck die deutsche Kolonialgeschichtemaßgeblich geprägt hat, an diese Zeit. Zeichen an Hausfassaden und Straßenschilder verweisen auf Kolonialherren und Missionare. Seit 2009 ist Regensburg Partnerstadt der chinesischen Stadt Qingdao – eine Verbindung, die auf die Handelsbemühungen des katholischen Missionars Johann Baptist von Anzar zurückgeht. Auch heutige Feinkostläden, wie der »Genusswarenladen« in Stadtamhof mit Spirituosen, Kaffee und Schokolade, können als moderne Form der Kolonialwarenläden verstanden werden.

Erinnerung statt Verdrängung

Bis heute prägen die Auswirkungen des westlichen Kolonialismus Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft. Inzwischen rücken die Folgen für die kolonisierten Gesellschaften vermehrt in den Fokus. Der sogenannte Post-Kolonialismus ist in den 1980er-Jahren bekannter geworden und rückt Fragen der militärischen Überlegenheit, der politischen Hierarchien und der ökonomischen Ausbeutungstärker ins Zentrum der Kolonialgeschichtsschreibung. Dabei bedeutet Post-kolonial nicht einfach nur »nach dem formalen Ende kolonialer Herrschaft«, sondern zielt bewusst auf die dringend nötige kritische Auseinandersetzung mit den bis heute andauernden Abhängigkeitsverhältnissen.

Quellen:

https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17718/kolonialismus

https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/deutsche_kolonien/kolonialwaren-102.html

Stadtrundgang »(Post-)koloniale spuren in Regensburg« vom evangelischen Bildungswerk e.V.


Titelbild © Franka Mühling

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