Warum sind Mütter in der Politik so wichtig? Autorin Sarah Zöllner gab am 05.12.2025 in der Lesung der Reihe »Feminism & Bookmarks« eine Antwort und diskutiert anschließend mögliche weitere Problematiken und Lösungsansätze mit Dr. Katja Pähle – SPD Politikerin.
von Amelie Steinwagner
Das Engagement von Müttern werde in der deutschen Kommunalpolitik mit wenig Ernst angegangen, erklärt Sarah Zöllner. Dabei seien sie die Personen, die die meisten Ahnung haben. Menschen würden ohne das nötige Verständnis über soziale Sachverhalte entscheiden, obwohl Mütter viel Konstruktives zu solchen Debatten beizutragen hätten.
Ein Buch als Basis
Bei dieser Lesung handelt es sich um die vorletzte Veranstaltung in »Feminism & Bookmarks«, eine Veranstaltungsreihe der Friedrich-Ebert-Stiftung. Konkret geht es vor allem um kommunalpolitische Barrieren, die Frauen davon abhalten, Mandate zu übernehmen – und was getan werden kann, um Veränderung zu bewirken.
Sarah Zöllners Buch »Mütter in die Politik!« schafft dabei die Basis der Diskussion. Es ist 2024 veröffentlicht worden und laut eigener Aussage eine Erweiterung ihres vorangegangenen Werkes »Mütter. Macht. Politik.«. In beiden Werken bespricht sie die Bedeutung von Müttern für politischer Teilhabe und Mitgestaltung. Nicht nur Mütter, sondern grundsätzlich Menschen mit Care-Verantwortung hätten eine einzigartige Perspektive auf gesellschaftliche Notwendigkeiten und seien darum in der Kommunal- und Landespolitik ausschlaggebend.
Vorstellung der Akteurinnen
Zöllner ist studierte Politikwissenschaftlerin und in den Bereichen Gleichstellung und politische Teilhabe tätig. Sie betont, dass ihre Arbeit parteiübergreifend stattfindet. Ihre Diskussionspartnerin ist Dr. Katja Pähle, sie ist die Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt und ebenfalls Mitglied des SPD-Parteivorstands. Ihr Engagement ist breit gefächert über verschiedene Teilbereiche, darunter Gleichstellung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Politik.
Warum Mütter besonders für die Politik geeignet sind
In der Lesung des ersten Kapitels ihres Buches summiert Zöllner die Eignung von Müttern für politische Mandate recht einfach: Sie seien geübt darin, den Alltag »virtuos« zu koordinieren. Sie hätten Durchsetzungsstärke, Organisationstalent, seien stark belastbar und hervorragende Netzwerkerinnen. Was Menschen, die für andere sorgen wirklich brauchen, das wüssten sie. Ihr Zugang zu verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen schaffe einen nicht zu verachtenden Wissens- und Erfahrungsvorsprung in Bezug auf Kinder, Jugendliche und ältere Personen.
Die Problematik der Verdrängung
Kommunalpolitik sei oft alt, weiß und männlich und schließe dadurch verschiedene soziale Gruppen kategorisch bei der Mitgestaltung aus. Jahrelang von Männern gepflegte Netzwerke, die Notwendigkeit ständiger Flexibilität und eine rücksichtslose Festlegung von Sitzungsterminen bedeuteten eine massive Mehrfachbelastung für Menschen mit Care-Verantwortung. Kinderbetreuung wird zum »Privatproblem« degradiert.
Zöllner fordert eine tiefgreifende strukturelle Veränderung. Als konkrete Beispiele nennt sie gesetzlich verankerte Parität in Parlamenten, eine funktionierende Kinderbetreuung während der Ratsarbeit, die von Parteien und Kommunen übernommen wird, ebenso wie die offizielle Anerkennung ehrenamtlicher politischer Tätigkeiten (z.B. Gemeinderatsmitglied, Bürgermeisteramt) durch die Vergabe von Rentenpunkten, Zertifikaten oder Ähnlichem.
Frauen aus allen Bereichen
Auch in der anschließenden Diskussionsrunde fallen oft Schlagworte wie »Gender- und Herkunftsbewusstsein«, »Verständnis« und »Netzwerke«. Zöllner erklärt, dass ihr Buch ein Konglomerat unterschiedlichster Frauen ist, die ihre Tipps, Tricks und Gedanken zu der Thematik teilen. Es sei wichtig, dass sich die Ebenen untereinander austauschten. Ihre Interviewpartnerinnen kämen aus Parteien, Landes-, Kommunal- und Europaebene, aber auch aus nicht-parteilichen Organisationen.
Aus der Sicht einer Politikerin
Dr. Katja Pähle bietet eine etwas gesetztere Meinung. Ja, es sei besser möglich als Mutter in die Politik zu gehen. Ja, es gäbe noch Luft nach oben. Gleichzeitig setzt sie einen stärkeren Schwerpunkt auf das Zwischenmenschliche. Der Raum für die Normalisierung von Care-Arbeit müsse geöffnet werden. Vieles funktioniere auch auf inoffizieller Ebene, persönliche Absprachen mit den anderen Abgeordneten, Austausch und Toleranz gegenüber anderen Lebensmodellen.
Die Suche nach Lösungen darf jedoch nicht nur auf individueller Ebene bleiben, so Zöllner. Parteiübergreifender Konsens sei ebenso bedeutend wie strukturelle, gesetzlich verankerte Änderungen und Angebote.
Düstere Aussichten?
Genau dieser Konsens existiert auf Landesebene allerdings nicht, meint Pähle. Sie sieht die geringe Vertretung von Frauen als Grund dafür, dass sich diese ihrer Meinung nach wieder mehr zurückziehen. Die Anzahl der Frauen in einem Gremium mache bei der Besprechung von Themen wie Gleichstellung und familienfreundlicher Politik durchaus einen Unterschied in Bezug auf den Willen, sich offensiv damit auseinanderzusetzen. Pähle postuliert: Frauen müssten sich zusammentun, parteiübergreifende Solidarität sei wichtiger denn je.
Titelbild © Lea Amelie Stöbe

