Rennrad, Marathon, Siebträgermaschine – Sinnkrise oder Trend?

Rennrad, Marathon, Siebträgermaschine – Sinnkrise oder Trend?
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Rennrad kaufen, Halbmarathon laufen, Latte Art perfektionieren – die neue Checkliste der Mittzwanziger. Trend oder Identitätskrise? Ein Blick auf eine Generation, die zwischen Leistungsdruck und Leidenschaft pendelt.

von Charlotte Meier und Amelie Schmid

Der neue Lifestyle der Mittzwanziger auf Social Media

Wenn man Tiktok öffnet, stößt man schnell auf Mitte 20-jährige, die Sonntags nicht mehr mit Kater aufwachen wollen, sondern einen anderen Lifestyle verfolgen. Junge Menschen stehen lieber ganz früh morgens auf, lassen sich einen Espresso aus ihrer glänzenden Siebträgermaschine heraus, um sich anschließend auf ihr Rennrad zu schwingen. Andere  ziehen sich ihre Laufweste an, um einen  »lockeren« 10 km Morning-Run hinzulegen. Später teilen sie ihre gemeisterten Kilometer dann mit ihrer Freundesgruppe über die Strava App, die die sportlichen Aktivitäten genau trackt. 

Diesen Eindruck vermittelt zumindest Social Media. Man könnte meinen, dass alle 20-jährigen das gleiche Leben führen und die gleichen Hobbies teilen. Hobbies, die früher eine andere Zielgruppe angesprochen haben: mittelalte Männer.

Einige Creator:innen haben dieses Phänomen auch schon festgestellt und fragen mit einem ironisierten Unterton ihre Follower:innen, für was sie sich mit Mitte 20 entschieden haben: Wurde es die Siebträgermaschine, die Anmeldung zu einem Halbmarathon oder doch das neue und preiswerte Rennrad, beziehungsweise Gravelbike – oder doch alles auf einmal?

Die Quarter-Life-Crisis

Die sogenannte Quarter-Life-Crisis beschreibt die Sinnkrise zwischen 25 und 30. Ein Alter, das oft als »beste Zeit des Lebens« bezeichnet wird, während sich die Realität für viele anders anfühlt. Die Leichtigkeit des Studiums oder der Ausbildung ist vorbei, die Entscheidungen werden jetzt ernst. Welchen Job möchte ich machen, in welche Stadt möchte ich ziehen und was will ich überhaupt vom Leben? Fragen, die einigen täglich im Kopf schwirren. Eine Zeit voller Unsicherheiten, die sich oft zu einer Identitätskrise zuspitzen.

Auf Social-Media werden besonders die drei Trends – Rennrad, Laufen, Siebträgermaschine – inzwischen schon fast als Synonym für die Quarter-Life-Crisis gesehen. Manche behaupten, dass sich die junge Generation in die neuen Hobbies stürzt und diese perfektionieren möchte, um ihre vermeintliche Krise zu kompensieren.

Die große Frage bleibt  jedoch nun, ob die Freizeitaktivitäten ein Resultat einer leise anbahnenden Quarter-Life-Crisis sind oder doch einfach nur ein populärer Trend?

Leistungsdruck und Exklusivität

Eine Gefahr des neuen Lifestyles ist es, eine Sache zu machen, die einem selbst vielleicht überhaupt keine richtige Freude bereitet. Vielleicht geht man auch nur Laufen, um dazuzugehören und weil es eben plötzlich alle tun. Und dann kommt da noch der Druck von außen, eine Top-Leistung abzuliefern. Strava, Instagram, Tiktok – überall wird Leistung geteilt, verglichen und bewertet. Wenn es auf Strava nicht gepostet wurde, zählt es nicht – so wird in der Sport-Bubble auf Social Media gescherzt.

Neben dem Performance-Druck sind die Hobbies auch mit Geld verbunden. »2.000 Euro brauchst du, um mit dem Rennradfahren anzufangen«, sagt Tiktokerin Laura (@ladusun) in einem ihrer Clips. Die Trägerhosen von beliebten Marken, die auf Social Media oft zu sehen sind, kosten gerne mal um die 300 Euro. Und auch für eine Siebträgermaschine muss tief in den Geldbeutel gegriffen werden. Da sich solche Anschaffungen nicht jede Person leisten kann, entsteht der Eindruck eines exklusiven und insbesondere privilegierten Lebensstils, an dem nicht alle teilhaben können.

Eine neue Leidenschaft

Trotz der Gefahr, lediglich einem Trend folgen zu wollen, haben die populären Freizeitaktivitäten, wie das Rad fahren oder das Laufen, durchaus positive Effekte. Man bewegt sich, tut etwas für seine eigene Gesundheit, findet eine Community und wächst über sich hinaus. Es ist schön, wenn man die Liebe für ein neues Hobby entwickelt und damit seine Mitmenschen inspirieren und begeistern kann. Also: Wer sich für einen Halbmarathon anmelden möchte, mit dem Rad nach Italien fahren will und sich zusätzlich den Morgen mit einer Latte-Art romantisieren kann – Go for it!


Titelbild © Olivia Rabe

Quellen:

https://www.ndr.de/n-joy/leben/Die-grosse-Unsicherheit,quarterlifecrisis100.html

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