Manchmal braucht es nur einen flüchtigen Moment, einen Duft, ein Lächeln, und ein vertrautes Gefühl erwacht wieder zum Leben.
von Sarianna Schnitzler
Die eisige Kälte macht das Atmen schwer. Meine Hände sind in dicke Wollhandschuhe gesteckt und meine Ohren sind durch eine Mütze vor dem Frieren geschützt. Unter meinen schwarzen Schneestiefeln knirscht der Schnee hörbar auf dem Kopfsteinpflaster. Mit jedem Schritt hinterlasse ich Schuhabdrücke auf dem weißen Weg. Zeige so den Menschen, die hinter mir laufen, dass ich hier gewesen bin. Etwas für andere hinterlassen, wenn man weitergeht. Ein schöner Gedanke.
Auf meiner rechten Seite kriecht ein eingeschneiter Fluss vor sich hin. Links von mir steht ein kleiner Wurststand. In meine Nase steigt ein Duft von angebratenen Würstchen und frischem Senf. Aus dem kleinen Schornstein des Ladens steigt ununterbrochen weißer Rauch empor und der ältere Herr, der mit einer Schürze und dickem Bauch hinter dem Tresen steht, hält eine Grillzange in der Hand. Ich überlege kurz, ob ich einen Stopp einlegen soll, um dem guten Duft nachzugehen und mir eine Wurst zu holen.
Die Schlange, die vor dem Bedienungsfenster steht, ist nicht sehr lang. Eine junge Dame, sie wird nicht viel älter sein als ich, nimmt gerade ein Schälchen mit dampfenden Würsten und Sauerkraut entgegen. Dahinter wartet ein Herr mit einer schwarzen Mütze und dicker Winterjacke. Am Ende der Wartenden steht eine ältere Dame. Sie trägt einen hellbraunen Fellhut und einen schweren Mantel. Kurz bin ich verdutzt, ich sehe eine zu verblüffende Ähnlichkeit zu meiner Oma. Ich trete einen Schritt heran. Durch die Wahrnehmung meiner Präsenz dreht sich die ältere Frau zu mir um.
Sie ist natürlich nicht meine Oma. Könnte man es noch von hinten annehmen, ist das Gesicht ganz und gar nicht gleich. Die Frau hat tiefe Falten um die Augen und schneeweißes Haar, welches aus ihrer Mütze hervor fällt. Ich rufe mir das Gesicht meiner Oma in Erinnerung. Sie sah immer aus, wie frisch aus einer Modezeitschrift. Glatte Haut, perfekt geföhnte Haare und weiße, gerade Zähne. Sich herausputzen. Diesen Satz verbinde ich mit ihr.
»Die Wurst hier schmeckt wirklich gut«, spricht die alte Dame mich an. Ich tauche aus meinen Gedanken auf und nicke. »Diesen Ort hat mir meine Enkelin gezeigt.«, lächelt sie stolz. Lustig, dass die Frau an das Gleiche denkt wie ich. Nur umgedreht. Mir ist die Stimme zum Antworten verschlagen. Ich muss schlucken. Ein kleiner, aber hartnäckiger Kloß bildet sich in meinem Hals. Mir wird wieder klar, wie schön dieser Bund zwischen Oma und Enkelin sein kann. Wie sehr man von dem Altersunterschied profitiert, der zwischen diesen beiden Menschen den wohl größten Unterschied macht.
Ich trage sie in mir, bin ein leiser Abdruck ihres Lebens. Viel habe ich von meiner Oma gelernt. Ratschläge, die ich befolge. Rezepte, die ich koche. Kleidung, die ich anziehe. Und dabei immer ihr Blick über meiner Schulter. Wie sie zuguckt und lächelt.
Titelbild © Davida Schauer

