Wer spricht für Frauen, wenn Schwarze Frauen kaum mitgemeint sind? Während sich Feminismus oft als modern inszeniert, bleiben zentrale Erfahrungen unsichtbar. Warum intersektionaler Feminismus keine Option, sondern eine Notwendigkeit ist.
von Shannon Bierwirth
Der Feminismus in Deutschland versteht sich gerne als Fortschrittsprojekt: gleiche Löhne, gleiche Chancen, gleiche Rechte. Doch wer genau ist mit »Frauen« eigentlich gemeint? Für viele Schwarze Frauen fühlt sich diese Kategorie eng an. Ihre Erfahrungen tauchen in den gängigen feministischen Debatten kaum auf und wenn doch, dann randständig. Das Problem hat einen Namen: weißer Feminismus.
Weißer Feminismus ist kein Vorwurf an einzelne Personen, sondern eine Struktur. Er setzt die Lebensrealität weißer, meist akademischer Frauen als universell voraus und erklärt andere Perspektiven zum Sonderfall. Für Schwarze Frauen bedeutet das, dass sie oft nicht nur gegen Sexismus, sondern gleichzeitig gegen Rassismus kämpfen. Diese Doppelbelastung bleibt im Mainstream-Feminismus oft unsichtbar.
Eine Debatte mit Gedächtnislücken
Die Juristin Kimberlé Crenshaw prägte dafür schon im Jahr 1989 den Begriff Intersektionalität. Er beschreibt, dass Diskriminierung sich überschneiden kann: Schwarze Frauen erleben nicht einfach Sexismus plus Rassismus, sondern eine qualitativ andere Form von Ausschluss. Crenshaw zeigte anhand realer Fälle, dass Schwarze Frauen in US-Gerichten scheiterten, weil sie in keine statistische Kategorie passten: Als Frauen galten sie nicht, weil sie andere Formen von Sexismus erlebten, als Schwarze ebenfalls nicht, weil die Erfahrungen Schwarzer Männer dominierten. Diese Logik existiert bis heute.
In Deutschland kommt eine eigene historische Verzögerung dazu. Während in den USA seit Jahrzehnten Schwarze feministische Bewegungen existieren, wurde hier der Zusammenhang von Race, Geschlecht und Macht lange ignoriert. Das liegt nicht zuletzt am deutschen Umgang mit der Kolonialgeschichte. Jahrzehntelang galt Rassismus als ein »amerikanisches Problem«. Dass Schwarze Frauen in Deutschland seit über hundert Jahren leben, arbeiten, schreiben und kämpfen, verschwand aus der Öffentlichkeit. Erst Bücher wie »Farbe bekennen« (1986) oder die neueren Arbeiten von Natasha A. Kelly und Maureen Maisha Auma gaben ihnen eine breite Stimme.
Wer gehört, wer überhört wird
Doch auch heute zeigen Studien wie der Afrozensus, dass Schwarze Frauen besonders häufig von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind. Ob auf dem Arbeitsmarkt, in der Schule, im Gesundheitswesen oder im Alltag: Viele berichten, in feministischen Räumen nicht repräsentiert zu sein oder permanent erklären zu müssen, warum bestimmte Aussagen verletzend oder ausschließend wirken.
Das zeigt sich auch in konkreten Debatten. Beim Thema Equal Pay wird häufig der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen problematisiert, doch kaum der Abstand zwischen weißen Personen und Schwarzen Frauen. Beim Thema Gewalt gegen Frauen wird über Partnerschaftsgewalt gesprochen, aber selten über rassistische Übergriffe oder Polizeigewalt, die Schwarze Frauen betreffen. Und während der Hauptfokus vieler feministischer Kampagnen auf symbolischer Repräsentation liegt, kämpfen Schwarze Frauen oft um grundlegende Sicherheit, Wohnungssuche oder medizinischer Versorgung.
Die Soziologin Patricia Hill Collins beschreibt diese Muster als »controlling images«. Kulturelle Bilder, die Schwarze Frauen festschreiben: die »starke Schwarze Frau«, die »laute«, die »hypersexualisierte«. Diese Bilder legitimieren, dass Schwarze Frauen schlechter behandelt, weniger gehört, schneller als aggressiv oder irrational abgewertet werden.
Warum Zuhören politisch ist
Ein intersektionaler Feminismus bedeutet daher nicht, »noch eine weitere Gruppe mitzudenken«. Er bedeutet, die Grundannahme zu korrigieren, dass es eine universelle weibliche Erfahrung gebe. Erst wenn feministische Räume Schwarze Perspektiven ernst nehmen, wenn Schwarze Frauen nicht nur eingeladen, sondern in Entscheidungspositionen gebracht werden, kann von Gleichberechtigung die Rede sein.
Deutschland hat viel aufzuholen, aber es gibt eine lebendige Schwarze feministische Tradition, die längst Antworten bietet. Es ist Zeit, ihr zuzuhören.
Titelbild © Olivia Rabe

