Habe ich eine Zukunft in Deutschland?

Habe ich eine Zukunft in Deutschland?
Queere Menschen sind in Deutschland zum Feindbild geworden. Rechtsruck, bedrohte Pride-Parades und Beschimpfungen auf offener Straße – und zwischendrin ich, die sich fragt, auf welche Zukunft ich noch hoffen darf. 

von Marie Odenthal

Dieser Text basiert auf meinen Gedanken der letzten Monate. Eine passende Metapher habe ich bis jetzt noch nicht gefunden für dieses Gefühl, das ich nicht mehr abschütteln kann. 

Wenn ich früher an meine Zukunft gedacht habe, war da ein Mann, ein Kind, ein Hund, ein Haus. Hier in Deutschland, vielleicht in der Nähe meiner Eltern. Dann habe ich gemerkt, dass ich viel lieber eine Frau hätte.

Da ist mir das erste Mal diese sichere Zukunft ein Stückchen aus meinen Fingern gerutscht, obwohl ich mich so gerne daran festklammern wollte. Gerade als ich das akzeptiert habe und mir eine neue Zukunft gebastelt habe – Frau, Stadtappartment, definitiv Hund und Katze und mit Kindern schauen wir mal – wurde mir klar, dass diese Vision nicht sicher ist. Ganz und gar nicht sogar: Queerfeindlichkeit nimmt in Deutschland stetig zu; Leute, die mich für etwas hassen, für das ich nichts kann, werden lauter und queere Menschen sollen in Deutschland zurück in die Schatten gedrängt werden. 

Das spüre ich jeden Tag mehr.

Ein Zitat, das ich vor einiger Zeit mal zufällig gelesen habe, spukt mir dazu im Kopf herum: Wir sehen die Sonne langsam untergehen und wundern uns trotzdem, wenn es auf einmal dunkel ist. 

Vor meinen Augen spielt sich im Moment ein schrecklicher Sonnenuntergang ab, der Schatten zurückbringt, in denen ich nie stehen wollte. Ohne das Licht sehe ich auch meine Zukunft kaum mehr. Es mag sich dramatisch anhören, aber wenn ich, während ich das schreibe, an meine Zukunft denke, dann ist da ein undurchdringbarer Nebel. 

Wie lang kann ich noch hier leben, sodass ich mich sicher fühle?

Wie viel Diskriminierung kann ich in meinem Heimatland tolerieren? 

Wie lang dauert es noch, bis rechtsextreme Kräfte Überhand nehmen? 

Und wo kann ich denn hin, sollte es einmal soweit sein?

Was in aller Welt mache ich, wenn ich in dem Land, in dem ich geboren, aufgewachsen und mein ganzes kurzes Leben lang gelebt habe, nicht mehr bleiben kann oder will? 

Mein Leben fühlt sich, seitdem ich mir diese Fragen stelle, an wie eine Uhr, die stetig rückwärtsläuft. Manchmal bin ich mir fast sicher, dass es eine »Stunde Null« geben wird – einen Zeitpunkt, an dem meine Zeit mit einer Zukunft hier in Deutschland abgelaufen ist.

Mit Zukunft meine ich dabei nicht »Überleben« sondern eher »selbstbestimmt leben« oder »Trotz ständiger Diskriminierung ein glückliches Leben führen, das Perspektive hat«. 

Und genau das sehe ich in immer weitere Ferne rücken. Dabei habe ich eigentlich so viele Privilegien – angefangen von meiner Hautfarbe über meinen gesunden Körper bis zu der Tatsache, dass ich in einem Land lebe, in dem ich Texte wie diesen überhaupt veröffentlichen kann. 

In diesem Text kam bis jetzt kein einziges Mal das Wort »Angst« vor. Dabei zieht dieses Gefühl sich durch mein Leben und definitiv auch durch diesen Text.

Es macht mir riesige Angst zu beobachten, wie sich die metaphorische Schlinge um den Hals schwuler, lesbischer, bisexueller, trans*, inter* und allgemein queerer Menschen gefühlt täglich enger zieht. Es macht mir Angst zu wissen, dass vor nicht allzu langer Zeit Menschen wie du und ich in Deutschland aufgrund ihrer Sexualität verfolgt und ermordet wurden und dass sich Geschichte wiederholen kann. 

Ich frage mich oft, wie ich meinen Alltag so weiterführen kann – in die Uni gehen, meinen Bachelor machen – wenn ich mir doch so unsicher bin, wie viel Zeit mir bleibt.

Am meisten schmerzt diese Angst, wenn meine Freundin beinahe selbstverständlich Zukunftspläne für uns schmiedet – Wenn wir mal Kinder haben, dann basteln wir bestimmt ganz viel mit ihnen. Du und ich, wir sehen mal zusammen die Welt. Und wenn wir alt sind, haben wir ein Haus mit einem kleinen blühenden Garten – und ich nicht daran glauben kann. Was würde ich geben für diesen Optimismus und für die Hoffnung, die sie nicht aufgibt.

Vielleicht ist das ja der Trick: Meine Zukunft existiert bis jetzt nur in meinem Kopf und genau da sollte wahrscheinlich der Glaube an meine Zukunft anfangen.

Denn ich will verdammt noch mal mein Stadtappartment mit meiner Freundin und vielleicht irgendwann Kinder und ich will genauso selbstverständlich in der Stadt ihre Hand nehmen wie alle anderen und ich will wieder Zukunftsträume haben und daran glauben, dass sie wahr werden können. 


Titelbild © Olivia Rabe

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