Ein Text über den Wunsch nach Bindung.
von Amelie Steinwagner
Wassertropfen zerschlagen auf dem Boden, als sie sich aus dem Regenmantel schält. Das Plastik fühlt sich kalt und schlüpfrig unter ihren Fingern an. Tropfen um Tropfen gesellt sich in die Pfütze zu ihren Füßen, wellt sich auf weißen Fliesen, ein wachsender Teich aus Dreckwasser. Schlamm zieht Schlieren auf seinem Grund, wabert um sich selbst wie Rauch.
Sie weiß, wenn sie jetzt eine Weile dort steht, wird er zur Ruhe kommen. Schlieren werden zu einer Decke aus Dreck um ihre Füße. Setzen sich ab, still und unbeweglich.
Ein wütender Tritt reicht, um das Wasser aufzuscheuchen, die kleinen Wellen schlagen so hoch, dass sie in ihre Gummistiefel reichen. Ein anderer kleiner Teich bildet sich. Aus groß mach klein, aus klein mach groß. Sie hasst den Schlamm. Sie hasst das Wasser mindestens genauso sehr.
Es wird eine Weile dauern, bis alles wieder trocken ist. Bis die Kälte der Wärme weicht, bis der Dreck verbleicht, bis der Regenmantel im Keller verstaut werden kann. Vielleicht wird sie sich nie wieder wohl in ihrer Haut fühlen. Vielleicht bleibt der Regen, mit dem Regen die Kälte, mit der Kälte der Schlamm an den Spitzen ihrer Stiefel.
Doch für diesen Moment nimmt ihr der Kleiderständer den Mantel ab, der Fußabtreter die Regenstiefel. Die Pfütze lässt sie im Eingangsbereich zurück. Da kann sie bleiben, bis sie vertrocknet ist. Und vertrocknen wird sie.
In der Küche ist niemand. Überall sonst ist es eisig, sie hat vergessen, die Heizung anzuschalten, bevor sie gegangen ist. Ihr Bett ist ebenso kalt, aber das war es schon immer. Langsam fängt sie an, sich daran zu gewöhnen. Sie weiß nicht, ob sie möchte, dass sich das ändert. Es ist in Ordnung so.
Die Schwere der Decke fühlt sich wie eine Umarmung an, der Stoff kratzig an ihrer Wange. Decken können nicht atmen, aber für einen Moment tut sie so als könnten sie es. Wie das Gewicht eines Kopfes auf ihrer Brust, das Kitzeln eines anderen Atems an ihrem Hals. Langsam kriecht die Wärme zurück in ihre Gliedmaßen. Sie rollt sich zusammen, wie ein Wiesel in seinem Bau, macht sich so klein, dass es sich anfühlt, als könnte sie den Kopf an ihrer eigenen Brust vergraben. Kurz so tun, als wäre es jemand anderes, irgendwer, egal wer.
Augen zusammenkneifen und träumen. Manchmal macht es Spaß, sich Sachen einzubilden. Essen auf dem Herd, das sie nicht selbst zubereitet hat. Ein Band aus menschlicher Wärme um ihre Taille. Vielleicht ein Arm, vielleicht ein Bein, so genau nimmt sie es nicht. Zwei Atembilder, die sich mehr und mehr angleichen. Ein Grinsen, das in ihrer Peripherie aufblitzt.
Keine Kälte. Keine Nässe. Kein Schlamm, der sich festsetzt. Nur Wärme. Nur Wärme, wenn sie nach Hause kommt.
Titelbild © Leonie Nicolaus

