Wenn Cannabis das Ich verschwinden lässt
Ein schlechter Rausch vergeht. Doch bei manchen hört der Albtraum nicht auf. Monatelang kämpfen sie mit Angst, Entfremdung und der Frage, ob sie jemals wieder »sie selbst« sein werden.
von Shannon Bierwirth
»I took a couple of strong edibles and it seriously messed up my life«; »Weed ruined my life«; »If I could go back in time and change one thing in my past, it would be to have never smoked weed«. Harte Aussagen von Betroffenen in der Reddit-Community r/anxiety. Menschen, die nicht einfach »einen schlechten Trip hatten« oder »greened out« waren, sondern deren Leben sich ab einem einzigen Moment verändert hat.
Der Schalter, der plötzlich umlegt
Es ist wie ein Schalter, der sich umlegt. Die ruhige, chillige Stimmung ändert sich schlagartig zu einem Gefühl der Panik. Das Herz rast, die Sicht verschwimmt, der Atem wird flach und plötzlich ist da dieses Gefühl purer Todesangst. Was sich anfühlt wie ein Herzinfarkt, ist in diesem Moment eine akute Panikattacke. Doch dabei bleibt es für manche nicht. Tage, Wochen, Monate vergehen und das Gefühl von innerer Unruhe, Angstzuständen, Derealisation und Depersonalisation bleibt. Manche beschreiben es als »nicht mehr im eigenen Körper sein«, andere als »eine Welt, die plötzlich unecht wirkt«. Einige haben dauerhafte Panikattacken, Tag ein Tag aus. Andere entwickeln eine Hypochondrie, da sie ihren Körper einfach nicht mehr verstehen.
Was ist Depersonalisation-Derealisation-Störung (DP/DR)?
Depersonalisation/Derealisation, kurz DP/DR, bezeichnet Erfahrungen von Entfremdung gegenüber dem eigenen Selbst oder der Umgebung. Dabei unterscheidet man: Depersonalisation (DP) ist das Gefühl, sich vom eigenen Körper, Gefühlen oder Gedanken getrennt zu fühlen, also als ob man sein Leben von außen beobachtet. Dabei fühlen sich Körper oder Bewegungen fremd an. Auch emotionales Empfinden wirkt abgestumpft. Bei der Derealisation (DR) wirkt die Umwelt unwirklich, wie ein Traum oder Film. Dinge erscheinen verzerrt, fern, farblos oder verwaschen. Schätzungsweise sind etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung von einer chronischen Form betroffen. Psychotherapie (z. B. Gesprächstherapie, kognitive Verhaltenstherapie) kann helfen. Wichtig ist: die Symptome ernst nehmen, Grundängste adressieren, das Erleben nicht verdrängen.
Was habe ich getan?
Nein, der Artikel richtet sich nicht an Menschen, die problemlos seit Jahren kiffen, denen Cannabis hilft oder für die es einfach dazugehört. Er richtet sich an die, die durch Cannabis in einen Zustand geraten sind, aus dem sie nicht so einfach wieder herausfinden. Menschen, bei denen innerlich etwas gekippt ist: Angst. Panik. Depersonalisierung. Ein Leben, das nicht mehr so funktioniert wie vorher. Ein Selbst, das sich fremd anfühlt. Nun gibt es ein »Vorher« und »Nachher«. Und vielleicht das Schlimmste? Die Frage: »Bin ich auch noch selbst dran schuld? Hätt ich einfach nicht rauchen sollen?«
Was die Forschung sagt – und was nicht
Die Forschung ist komplex und zeigt: Ganz so einfach ist das nicht. Es gibt einige Studien, die den Zusammenhang zwischen Cannabis und Angststörungen, Psychosen und Schizophrenie untersuchen. Doch eindeutige Ergebnisse gibt es nicht. Es gibt viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Vorerkrankungen, Stress, Co-Konsum mit Alkohol, Lebensumstände, aber auch der Konsumumfang, das Alter beim Erstkonsum, die psychische Vorgeschichte und mögliche genetische Vulnerabilität spielen eine große Rolle. Meta-Analysen zeigen zwar, dass starker, regelmäßiger oder hochpotenter THC-Konsum das Risiko für Angst- oder psychotische Symptome erhöhen kann, aber sie betonen auch, dass Cannabis keine universelle Ursache ist und nicht bei jeder Person negative Effekte auslöst.
Gleichzeitig finden neuere Reviews auch Hinweise darauf, dass akute Angstreaktionen (Panikattacken, Herzrasen, DP/DR) eine der häufigsten unerwünschten Wirkungen von Cannabis sind, besonders bei Edibles, da THC dort verzögert, stärker und unberechenbarer wirkt. Es geht also nicht darum, Cannabis zu verteufeln.
Es geht darum, hinzuschauen.
Denn die Menschen, bei denen Cannabis zwar nicht die Ursache ihrer Ängste war, aber der Auslöser eines Umbruchs, brauchen keine Belehrungen, sondern Verständnis. Betroffene suchen auf Reddit oder anderen Foren nach Hilfe und Antworten. Nach Personen, die dasselbe erlebt haben. Wird das wieder? Bleibt das jetzt für immer? Wenn du diesen Artikel liest und dich darin wiederfindest:
Du bist nicht allein.
Andere fühlen, denken und kämpfen ähnlich. Es kann besser werden. Wirklich. Rede darüber. Und auch wenn es sich im Moment unmöglich anfühlt: Such dir professionelle Unterstützung. Es ist kein Schwächezeichen. Es ist ein erster Schritt zurück ins eigene Leben.
Titelbild © Pauline Kral
