Wenn Frauen für Frauen auf die Straße gehen
Am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, gingen zahlreiche Menschen auf die Straße, um laut zu werden – Gegen patriarchale Gewalt und für alle, die darunter leiden.
von Helena Dyck
»Denn Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben! Lasst uns das System aus den Angeln heben!«
So schallt es am Dienstag durch die Innenstadt von Regensburg. Trotz Schneeregen und Minustemperaturen versammeln sich zahlreiche Demonstrierende, um ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen. Zuerst treffen sie sich am Europabrunnen zur Kundgebung »Lasst uns gemeinsam laut sein!«, organisiert von Medical Students for Choice Regensburg und Studis gegen Rechts Regensburg. Und im Anschluss daran geht es weiter mit einer Laufdemo des Solidaritätsnetzwerks zusammen mit dem Studierendenkollektiv Regensburg.
Treffpunkt der Demo ist das Kunstwerk 24171 an der Kreuzung Galgenbergstraße–Furtmayrstraße. Jeder, der schon einmal in Regensburg war, kennt die Installation der Künstlerin Veronika Dreier. Jeden Tag fahren Hunderte Studierende vom Bahnhof zur Uni daran vorbei, und trotzdem ist der Hintergrund der Zahl 24171 vielen unbekannt. Es handelt sich um die Telefonnummer des Frauennotrufs in Regensburg. Der Verein des Frauennotrufs wurde 1984 gegründet, mit dem Ziel, Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, zu helfen. Unter dem Motto »Frauen helfen Frauen« arbeiten in der Beratung ausschließlich weibliche Personen und bieten betroffenen Personen ein breites Spektrum an Hilfsangeboten wie Selbsthilfegruppen, Rechtsberatung und Begleitung zur Polizei oder zum Gericht.
Männer bitte in den Hintergrund
Auch den Veranstalterinnen der Demo ist es wichtig, dass Frauen für Frauen einstehen können. Das wird spätestens deutlich, als die Organisatorinnen den männlichen Demonstranten für ihr Kommen danken, sie dann aber in die hinteren Reihen und um Zurückhaltung gebeten werden. Den anwesenden Frauen soll dadurch der Raum gegeben werden, für sich selber laut zu sein. Eine Aufforderung, die im ersten Moment für einige verwirrte Blicke sorgt, eben weil es ungewohnt ist, Männer die zweite Geige spielen zu lassen. Aber besonders an diesem Tag muss die Bühne denen gehören, die sonst nicht zuerst gehört werden.
»Dieser Staat schützt mich nicht – Meine Schwestern schützen mich!«
Bevor die Demonstration sich in Bewegung setzt, gibt es noch zwei Reden zum Thema sexualisierte Gewalt an Frauen. Die erste Rednerin vom Solidaritätsnetzwerk Regensburg kritisiert vor allem die für 2026 beschlossene Abschaffung des Fonds für sexuellen Missbrauch. Dieser bietet seit 2013 finanziellen Unterstützung für Betroffene, die im Kindes- oder Jugendalter sexuellen Missbrauch erfahren haben. Dadurch können beispielsweise eine Therapie oder auch nachträgliche Ausbildungsmöglichkeiten finanziert werden, die zuvor aufgrund der erlebten Gewalt nicht wahrgenommen werden konnten.
Obwohl sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag zum Erhalt des Fonds verpflichtet hat, sind im Bundeshaushalt für das kommende Jahr nun keine weiteren Gelder dafür vorgesehen. An fehlender Notwendigkeit kann diese Entscheidung allerdings nicht liegen: Laut dem Bundeskriminalamt ist die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt gegen Frauen im vergangenen Jahr um 3,5 % gestiegen. Auch die Zahl der weiblichen Opfer von Sexualdelikten, von denen mehr als die Hälfte minderjährig waren, verzeichnet mit 53.451 Fällen einen Anstieg von 2,3 % im Vergleich zum Vorjahr. Die Bundesregierung gibt sich schockiert angesichts der hohen Zahlen – und entzieht Betroffenen im gleichen Moment ein entscheidendes Hilfsangebot.
Auch die zweite Rednerin, diesmal vom Studierendenkollektiv, thematisiert geschlechterspezifische Gewalt an Frauen. Vor allem Femizide, Morde an Frauen aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen sind, stehen dabei im Vordergrund: »Femizide sind Ausdruck eines Systems, das bei Gewalt gegen Frauen wegsieht.«
Nach diesen aufwühlenden Reden zieht die Demo los Richtung Stadtkern. Anfangs sind die Rufe noch etwas verhalten, aber je weiter der Zug in die Stadt vordringt, desto lauter und energischer werden auch die Demonstrierenden, angetrieben von der Hoffnung, gehört zu werden.
Titelbild©Helena Dyck
Quellen:
https://beauftragte-missbrauch.de/presse/artikel/1098
https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/haeusliche-gewalt-frauen-bericht-100.html
