Pendelromantik

Pendelromantik
Keine Ode an die Deutsche Bahn, sondern an die Sache an sich, das Bahnfahren. Da auch die Bahn ihren Charme hat und um wirklich alles in der heutzutage oft zu grauen Welt zu romantisieren.

von Amelie Marquis

Ich stehe am Bahnhof

Einer ist meistens zu spät

Ich oder die Bahn 

Da liefern wir uns in der Statistik ein Kopf an Kopf Rennen

Aber wir freuen uns jedes Mal, wenn wir uns sehen – also ich zumindest 

Ohne sie wäre ich aufgeschmissen 

Das ist mir bewusst

Deswegen bin ich dankbar, als sie munter in den Kopfbahnhof einrollt

Ein Schritt und drin bin ich, der Geruch von alten Stoffen, einem Mix aus Parfums und möglicherweise auch das Odeur, so vielfältig wie das eines Zehn-Gänge-Menus umhüllt mich

Ich stehe im Zug

Langsam schreite ich den Gang an den Abteilen vorbei

Eine Frau, ein Mann, zwei Studentinnen, eine Großfamilie, ein älteres Pärchen

Kehrtwende 

Ich ziehe die Schiebetür mit einem Ruck zur Seite, die beiden jungen Frauen blicken auf

Ein kurzes Lächeln und schon lasse ich mich auf das undefinierbar gemusterte Sitzkissen fallen

Bloß kein sozialer Kontakt

Wir sitzen in einem perfekt ausgewogenen Sitzverhältnis

Eine Symbiose ohne Interaktion, mit jeweils einem Platz Sicherheitsabstand

Oh Mist

Die Landschaft zieht verkehrt herum an mir vorbei

Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung 

Egal, ich krame in meinem Rolltop Rucksack und ziehe meinen Diogenes Roman und meinen beigen To-go Becher unter meinem Kulturbeutel hervor 

Perfekt, aber oh, der Kaffee kommt für jede Müdigkeit zu spät

Ich merke, wie die blauen Sambas meiner einen Abteilkompanin langsam hinter meinen zufallenden Augenlidern verschwinden

Leise vernehme ich noch die Stimme eines Liedes meiner »Mix der Woche» Playlist

Und Tada, meine liebe Bahn hat mich wieder einmal besser in den Schlaf gewogen als es jedes Schaukelbett hätte tun können 

Leise beschleicht mich noch die Angst, dass die zwei Eigenschaften meiner Noise-Cancelling Kopfhörer – höre das Baby hinten rechts oder das Rauschen deiner Gedanken – heute möglicherweise mehr zu Zweiterem tendieren

Aber da höre ich, nach einem kurzen Schlaf, mit dem gewohnten PING das »nächster Halt Regensburg Hauptbahnhof»

Schön, nein herrlich, wie glücklich können wir uns eigentlich schätzen, in einer so lebensfrohen Stadt zu leben?

Die Stadt mit ihren Ecken und Kanten, den unendlich vielen versteckten Kirchen, den zahlreichen kleinen Handwerksläden, ein goldiges Café mit Zimtschnecken nach dem anderen und, nicht zu vergessen, unsere brutalistische Universität, die man irgendwann trotz des Kopfsteinpflasters innerhalb der Mauern ganz gern mag 

Aber wie sollte man in diese bunte Stadt reisen, wenn nicht mit der Bahn?

Täglich, wöchentlich pendeln viele von uns aus allen Himmelsrichtungen und dem hintersten Kaff des bayerischen Landes hierher

Und für alle, die nicht bereits mit ihrem Auto in die City cruisen

Stellt die Bahnfahrt nach Regensburg, ein unersetzliche und eine unbedingt zu romantisierende Reise dar

Also seid positiv, selbst wenn der Zug mal ruckelt oder sogar ganz stehen bleibt und macht das Beste aus der Fahrt in die schönste Stadt Deutschlands

Danke euch & passt auf euch auf!


Titelbild © Olivia Rabe

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