Zwischen Familie, Selbstverwirklichung und Diskriminierung: Die Beginne der Ballroom Szene
Die Ballroom-Kultur ist eine Mischung aus Laufsteg und extravagantem Ball, mit Musik, guter Laune, Fashion und Tanz. Die Swann-Balls der 1880er und die Hamilton-Lodge-Balls der 20er und 30er waren die Geburtsstunden der Szene. Der Ballroom nahm großen Einfluss auf die heutige queere Kultur, da er erste Safe Spaces schuf.
von Fennek Eidel
Eine Jury mit Punktetafeln am Ende eines bunt leuchtenden Raumes, eine jubelnde Menge, goldene Trophäen und extravagante Models, die bestimmte Kategorien zu gewinnen versuchen – klingt wie die letzte GNTM-Folge, beschreibt aber eine Szene aus einem Ballroom-Event. Diese Subkultur wird häufig vergessen, obwohl sie einer der schillerndsten und wichtigsten Anfänge der queeren Szene war.
Die Swann-Balls
Erste Ball-ähnlichen Strukturen lassen sich auf die 1880er zurückführen, auch bekannt unter dem Namen »Swann-Balls«. Der amerikanische Aktivist William Dorsey Swann organisierte diese Bälle für queere Personen in seinem Anwesen. Außenstehende nannten die Teilnehmer:innen »House of Swann«, während Swann sich selbst als »Queen of Drag« bezeichnete. Der Großteil des Hauses waren ehemals versklavte Männer*, wie auch Swann selbst. Es entstand einerseits ein Schutzraum für Queere Menschen, andererseits war es aber gefährlich, ihn in Anspruch zu nehmen. Die Polizei führte Razzien und sogar Verhaftungen auf den Bällen durch, da homosexuelle Handlungen bis 1994 als strafbar galten. Aus Angst vor Haftstrafen waren die Bälle somit exklusiv und wurden im Verborgenen abgehalten.
Die Harlem-Renaissance
In der Jazz-Ära der 1920er und 30er bedeuteten die wachsende Kunst- und Kulturszene von People of Color einen weiteren Meilenstein in der Ballroom Szene. In den USA suchten ehemals versklavte Personen nach neuer Arbeit und zogen aus den ärmeren Vierteln im Süden in den Norden, unter anderem in den New Yorker Stadtteil Harlem. Dieser etablierte sich schnell als eine Art solidarischer, queerer Safeplace, Menschen konnten offener mit ihrer Sexualität und Geschlechtsidentität umgehen.
Der damals beliebte Club ›Clam House‹ der Sängerin Gladys Bentley ist ein treffendes Beispiel. Sie erregte aufgrund ihres maskulinen Auftretens und offenen Homosexualität Aufsehen, obwohl sie letztere in Nachkriegszeiten abstritt. In Harlem gab es weitere Orte wie diesen, weshalb sich bald eine kreative und queere Nachtszene entwickelte. Die Ballroom Szene wurde insbesondere von den jährlichen stattfindenden Hamilton-Lodge-Balls in Harlem inspiriert, die Künstler:innen wie Pepper LaBeija oder Willi Ninja hervorbrachten.
Allerdings bedeutete das nicht, dass Harlem eine Art Queere Utopie war, die von den geltenden Gesetzen nicht betroffen war. Es fanden Verfolgungen, Inhaftierungen und Gerichtsprozesse gegen Queere Menschen statt, doch die Solidarität und der Zusammenhalt innerhalb der Szene waren groß.
Die Szene entwickelte sich über die Jahrzehnte stets weiter und war vor allem in den 80ern und 90ern popkulturell präsent. Künstler:innen wie Madonna gaben der Subkultur eine Bühne und ermöglichten einen nachhaltigen Einfluss auf den Mainstream.
Die Strukturen des Ballrooms
Familiäre Bindungen und Performance werden in den organisatorischen Strukturen oft stark vermischt. In der Ballroom Szene ist es üblich ein sogenanntes »House« zu bilden, oft benannt nach Modedesigner:innen. Berühmte Häuser sind das »House of Xtravaganza«, oder das »House of LaBeija«. Die Leitung übernimmt jeweils eine »Mother«. Sie übernimmt stereotypische Rollen wie die Planung und Organisation von Bällen, beispielsweise wer bestimmte Kategorien laufen wird. Diese Kategorien sind sehr breit gefächert, von zu bietenden Schauspieleinlagen bis hin zu ganzen Choreografien.
Die Mitglieder:innen der Häuser nennt man »Children«. Die »Großeltern« sind meist bereits in der Szene etablierte Performer, deren Ansehen auf das Haus abfärben soll. Die familienähnliche Struktur ist dabei kein Zufall. »Children« waren vor allem in den 80ern junge, am Rande der Gesellschaft lebende Erwachsene, die durch die Aufnahme in ein Haus Sicherheit und ein Zugehörigkeitsgefühl erlangten. Die Ballroom-Szene bot ein kreatives Ventil für viele, schuf einen Ort, an dem sich jede Person frei ausleben konnte.
Subkultur: langlebig und prägend
Ballroom Culture ist ein essenzieller Teil der Entwicklung der Queeren Szene, eine Kultur, die ihre Entwicklung in den 1880ern begann und die noch bis weit in die Zukunft fortbestehen wird. Sie bezeichnet einen Grundstein in der Selbstauslebung, dem Zusammenhalt und der Gemeinschaft Queerer Menschen.
Titelbild © Olivia Rabe
Quellen
https://www.vogue.com/article/oral-history-ballroom-pride-2023
https://www.glamour.de/artikel/ballroom-culture
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/180263/1994-homosexualitaet-nicht-mehr-strafbar
https://americanhistory.si.edu/explore/stories/queens-and-queers-rise-drag-ball-culture-1920s
