Sehnsuchtsort Altbauwohnung
Im Lied »3. Stock« singt AnnenMayKantereit »Ich würd’ gern mit dir in ’ner Altbauwohnung wohn’n, zwei Zimmer, Küche, Bad und ’n kleiner Balkon.« Von Zartmann bis zu AnnenMayKantereit: Jeder träumt von der hellen Altbauwohnung mit hohen, stuckbesetzten Decken, in denen man barfuß am Klavier oder wahlweise auch Malboros auf der Fensterbank rauchen kann. Aber warum eigentlich? Warum spricht die junge, urbane Generation scheinbar nichts mehr an als die Altbauwohnung?
Dass junge Menschen lieber in Städte ziehen, ist zwar nichts neues, allerdings verbindet sich diese Vorliebe heutzutage mit einigen anderen Veränderungen, die dieses Phänomen zum Beispiel popkulturell verstärken.
Lebens- und Wohnrealitäten Anfang zwanzig
Unter anderem durch den Bruch mit dem Ideal des »Einfamilienhauses«. Der Lebensstil der meisten Student*innen um die 20 ist urban geprägt, man zieht in große Städte, die unter Wohnungsknappheit leiden. Besonders weil diese meist ein breites Angebot an kulturellen Erfahrungen vorweisen können und Universitäten, sowie Berufsangebote verfügbarer sind. In der Realität leben allerdings die meisten jungen Menschen in Wohngemeinschaften, müssen auf sehr kleine Wohnungen ausweichen oder – im Falle der meisten Metropolen – sie werden an Stadtränder und in Vororte zurückgedrängt, da der finanzielle Druck dort weniger stark ist. Das Motiv der Altbauwohnung, die im Zentrum der Stadt oder eines Viertels liegt, strahlt damit eine Art von Luxus aus, die sich die meisten nicht leisten können, und dient somit auch oft als gedanklicher Fluchtpunkt aus der belastenden Situation des Wohnungsmarktes.
Bye Bye, Einfamilienhaus
Die Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt spiegeln auch eine Veränderung in der Lebensplanung vieler junger Menschen wider. Die Möglichkeiten der Lebensplanung sind heute so individuell, wie sie unendlich sind. Während man als Babyboomer oftmals einen klaren Lebensaufteilung hatte – Beruf, Ehe, Haus, Kinder – strotzt die Gegenwart nur so vor Möglichkeiten, diese zu verlangsamen oder ihr vollkommen zu widersprechen. Insbesondere das Eigenheim in Form eines Hauses wird zu einem biografischen Meilenstein, den viele junge Menschen oftmals nicht mehr erreichen können und das auch gar nicht wollen. Die Altbauwohnung ersetzt damit zunehmend das Ideal des Eigenheims mit Vorgarten und Blick ins Grüne, indem sie Individueller, urbaner und scheinbar erreichbarer wirkt.
Die Altbauwohnung – ein visuelles Pick-me-up
Trends wie Dopamin Decor, Grandma Core oder Maximalist Styling zeigen, dass die GenZ und auch die Millenials übersättigt sind vor lauter beigen Einbauküchen und farblosen Neubauten. Hohe Decken, Flügeltüre und Stuck wirken im Gegensatz zu dieser uniformen Bauart oft einzigartiger. Während Neubauten auf Funktionalität und Neutralität ausgelegt sind, bringt eine Altbauwohnung ein Maß an Authentizität mit, das ein Gefühl von Geschichte und Charakter vermittelt. Gerade deshalb sind diese am Wohnungsmarkt rar und werden zu einem Statussymbol kulturellen Kapitals und Geschmackes. Deshalb wird es kaum verwunderlich wirken, dass sie oft als Motiv in der Kunst – besonders im Indie-Pop – verwendet wird, um ein Gefühl von genau diesem kulturellen Kapital zu transportieren: Rotwein, Kippen, Klaviere und philosophische Gespräche.
Hohe Decken, breite Türen – viel Raum zum jung sein
Die Wohnungen mit hohen Decken, Stuck und quietschenden Dielen bietet sich in den Zwanzigern und in der Kunst, die diese Zeit porträtiert, als perfekter Fluchtpunkt der Hoffnung auf Selbstfindung und -verwirklichung. Man kann die Inszenierung der Altbauwohnung also als Symptom einer zunehmend individualistischen Gesellschaft, die sich von traditionellen Lebensweisen und -planungen vorangegangener Generationen löst, verstehen. Gleichzeitig kann man sie aber auch einfach schön finden. Sie bleibt eine Projektionsfläche für viele junge Menschen und gleichzeitig ein Sehnsuchtsort: Ein Raum für Kippen auf dem Fensterbrett, Rotwein, Klavierspielen und Verliebtsein.
Titelbild © Leonie Nicolaus
