Die Geschichte des Patriarchats
Es existieren zahlreiche Hypothesen über die Entstehung der patriarchalen Strukturen, die bis heute unsere Gesellschaft prägen. Was sagt die Wissenschaft dazu und warum ist die Geschichte des Patriarchats für uns überhaupt relevant?
Von Theresa Kirschner
Das Patriarchat als natürliche Gegebenheit?
Seit über 2000 Jahren hält sich in der Debatte über die Entstehung und Daseinsberechtigung des Patriarchats eine These wacker: Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind der Grund, warum sich die patriarchale Gesellschafts- und Machtstruktur weltweit durchgesetzt hat. Schon Aristoteles beschrieb, wie die Frau von Natur aus dem Mann untergeordnet sei, einige Creator:innen auf TikTok blasen heute ins gleiche Horn. Ein falscher Swipe und schon erhält man ausführliche Ratschläge, wie Frauen in ihre »natürliche feminine Energie« kommen und Männer in ihre »maskuline«. Letztere seien nun mal von Natur aus dominanter und sollten die Führung übernehmen, während alle Frauen sich möglichst liebevoll-bescheiden unterordnen, um den Haushalt kümmern und Kinder bekommen mögen. Alle bitte da einordnen, wo sie hingehören, alles muss schließlich seine Ordnung haben.
Einmal scharf nachgedacht und schnell wird jedoch klar, dass diese sexistischen Behauptungen sehr weit hergeholt sind. Eigentlich selbstverständlich, dass man Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität keine Eigenschaften zuweisen kann. Seit wann gibt es denn keine dominanten Frauen und liebevolle Männer, die sich lieber um Kinder als um Karriere kümmern? Diese hierarchische und binäre Geschlechterordnung ist menschengemacht und wird nie der menschlichen Individualität gerecht werden können.
Abgesehen davon verfangen sich Begründungsversuche immer wieder in einem sinnlosen Zirkelschluss: Das Patriarchat sei naturgegeben, deshalb existiere es weltweit und weil das Patriarchat weltweit existiere, sei es naturgegeben. Und während man sich auf biologische Tatsachen beruft, nutzt man gleichzeitig als Grundlage für Argumentationen den allgemeinen Eindruck, wie Menschen ihren eigenen Status empfinden. Männliche Dominanz beziehe sich eben auf das Gefühl von Männern und Frauen, dass der Wille der Frau dem des Mannes irgendwie untergeordnet sei.
Unsere evolutionäre Vergangenheit
Für alle, die härtere Fakten wollen, lohnt sich ein Blick in die Forschung zu Bonobo-Affen, einem der engsten genetischen Verwandten des Menschen. Wenn es sich bei der männlichen Überlegenheit um eine natürliche Gegebenheit handeln würde, müssten schließlich entsprechende soziale Hierarchien auch in unserer evolutionären Vergangenheit zu finden sein.
Untersuchungen zeigen jedoch ein gegensätzliches Bild: Weibliche Bonobos stehen an der Spitze der Rangordnung und der Nachwuchs übernimmt die soziale Stellung ihrer Mutter. Während Bonobo-Männer physisch meist größer und stärker sind, pflegen Bonobo-Frauen untereinander enge soziale Beziehungen und dominieren so in Konflikten. Tatsächlich weist kaum eine Primatenart Familienstrukturen mit dem Vater an der Spitze auf, Verwandtschaftsbeziehungen sind stattdessen über die Mutter organisiert. Und auch Löwenrudel, Orca-Pods und Elefantenherden sind weiblich geführt. Männliche Dominanz ist demnach evolutionär nicht unvermeidlich.
Matriarchale Gesellschaften
In diesem Zusammenhang von Interesse ist außerdem die Matriarchatsforschung. Gesellschaften, die matrilinear organisiert sind und matrilokal leben, gibt es bereits seit 5000 Jahren und beweisen, dass alternative Lebensmodelle möglich sind.
Matrilinearität bedeutet, dass die Abstammungslinie über Mütter läuft, sprich Mütter ihren Namen weitergeben und Töchter den Besitz erben. Dies sichert die finanzielle Unabhängigkeit der Frau und weist ihr einen Platz im Zentrum der Gemeinschaft zu. Meist ist diese Praktik gekoppelt an Matrilokalität: Männer ziehen nach der Heirat zur Familie der Frau, wobei der angestammte Platz jedes Kindes lebenslang bei seiner Mutter bleibt. Frauen werden dabei als Ursprung allen Lebens angesehen und besitzen Autorität, Einfluss und Macht.
Scheint surreal, ist aber Realität in matrilinearen Gesellschaften, die heute noch im asiatischen Raum, in Teilen Nord- und Südamerikas, sowie im »matrilinearen Gürtel« quer durch Afrika existieren. Wer sich fragt, warum so vereinzelte Phänomene Bedeutung haben sollten, wenn der Rest der Welt trotzdem männlicher Dominanz unterliegt, findet Antworten in der Kolonialzeit.
Ein Beispiel: Vor der Kolonialisierung Amerikas lebten Native Americans größtenteils matrilinear und bedienten sich eines fluiden Geschlechterverständnisses, jenseits der westlichen Binarität. Errungenschaften des 20. und 21. Jahrhunderts – etwa das Frauenwahlrecht, Ehe für Alle und die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt – waren für indigene Völker bereits 300 Jahre früher eine Selbstverständlichkeit. Europäischen Kolonialisten brachten Sexismus und Rassismus mit und zwangen der indigenen Bevölkerung gewaltvoll die westliche Kultur auf. Patriarchale Systeme wurden weltweit verbreitet, wodurch es heute so wirken kann, als gäbe es keine alternativen Formen des Zusammenlebens.
Das Patriarchat als Mittel zum Erhalt von Staaten
Woher kam aber nun die männliche Dominanz im europäischen Raum? Befunde sprechen dafür, dass sich patriarchale Strukturen parallel mit den ersten Stadtstaaten entwickelten und sich dann in Europa und Teilen Asiens durchsetzten.
Der wahrscheinlich älteste Stadtstaat Uruk entstand vor 5000 Jahren in Mesopotamien durch die Sumerer. Um die wirtschaftliche und politische Stabilität des Staates zu sichern, musste die Bevölkerungsgröße erhalten bleiben. Gleichzeitig entstanden erste kriegerische Konflikte um Land und Zugang zu Wasser. Folge war eine geschlechtsspezifische Aufgabenverteilung: Frauen mussten von da an möglichst viele Kinder bekommen, während Männer die Rolle von Arbeitern und Kriegern übernahmen. Zum ersten Mal in der Geschichte bestimmte somit die Kategorisierung Mann/Frau darüber, wie man sein Leben zu führen hatte. Zuvor lebten Jäger-Sammler-Gruppen weitgehend egalitär zusammen, alle erledigten die gleichen Aufgaben.
Allmählich formten sich aus freiheitseinschränkenden Regeln umfassende Gesetze, die Frauen systematisch entrechteten: Gesetze zu Ehe(-bruch) und Scheidung wurden beispielsweise immer härter. Kultur und Tradition entwickelten sich unter diesem Einfluss, sodass die Unterdrückung bald bis in die Familie reichte. Der Erhalt des Staates wurde so auf Kosten der Individualität und Freiheit seiner Bevölkerung gesichert.
Was lernen wir daraus?
Wie das Patriarchat entstand, entscheidet darüber, wie wir es heute betrachten. Das Narrativ eines naturgegebenen Patriarchats ist so fatal, weil dadurch jegliche feministischen Bestrebungen als Eingriff in die natürliche Form des menschlichen Zusammenlebens entwertet werden. Währenddessen betont die Koppelung männlicher Dominanz an die politischen Interessen eines Staates, wie sehr das Patriarchat eine Frage politischer und wirtschaftlicher Macht ist. Andere Machtgefüge, wie Kolonialismus und Kapitalismus, profitierten und bestärken diese Dominanz.
Die katastrophalen Missstände, die noch vor gut 100 Jahren in der westlichen Welt herrschten, sind bis heute nicht ausgeräumt. Der Gender Pay Gap, die ungerechte Verteilung unbezahlter Sorgearbeit sowie die zahlreichen Gewalttaten gegen Frauen sind Gründe für uns, weiter gegen Sexismus zu kämpfen. Weltweit leiden Frauen unter Zwangsheirat, Genitalverstümmelung, Sklavenhandel und anderen Formen von Gewalt – das von patriarchalen Machtstrukturen verursachte Leid ist noch immer immens.
Klar ist inzwischen auch, dass nicht nur Frauen unter dem Patriarchat leiden. Höhere Suizidraten unter Männern und »Male Loneliness« sind Symptome einer Gesellschaft, in der es als unmännlich gilt, um Hilfe zu fragen und sich emotional verletzlich zu zeigen. Als Folge ihrer Sozialisierung fällt es auch vielen jungen Männern unserer Generation schwerer als Frauen, enge Beziehungen zu führen, Emotionen zu verarbeiten und auszudrücken.
Deshalb dürfen wir die bestehenden Grenzen stereotyper Geschlechterrollen niemals als gegeben akzeptieren. Beziehungsformen und Familienmodelle, geschlechtsspezifische Kompetenzen und Eigenschaften, Gesetze und Normen: Alles ist menschengemacht, nicht unumstößlich und der Weg zur vollständigen Gleichberechtigung ist noch lange nicht zu Ende. Wir müssen weiter hinterfragen, neu denken und verändern.
Quelle: Saini, A. (2023). The patriarchs: How men came to rule. HarperCollins UK.
Titelbild © Lisi Reiser
