Mein persönlicher Filmmarathon beim Transit Filmfestival
Vier Tage, sechs Filme und jede Menge Eindrücke: Beim diesjährigen Transit Filmfestival in Regensburg tauchte ich in die Welt des jungen, internationalen Kinos ein. Unter dem Motto Under Pressure zeigte das Festival, wie kreativ, politisch und emotional Filmkunst heute sein kann und wie sich selbst ein Kinowochenende anfühlen kann wie ein echter Marathon.
von Davida Schauer
Vom 6. bis 9. November fand in Regensburg das diesjährige Transit Filmfestival statt. Es zeichnet sich durch seine außergewöhnliche Genrevielfalt aus. Seine Intention ist es, zeitgenössisches Kino jenseits des Mainstreams sichtbar zu machen und dabei unterschiedliche filmische Handschriften zu vereinen. Festivalleiterin Chrissy Grundl beschreibt das Programm im Interview mit der Lautschrift als eine Art »Mixtape«, ein bewusst vielschichtiges Spektrum aus Arthouse, Avantgarde, Genre und Popkultur, das sich keiner klaren Schublade zuordnen lässt. Ich, als angehende Medienwissenschaftlerin sah das Festival also als eine ideale Gelegenheit, um in die Filmwelt einzutauchen und zu erleben, wie die Branche mit aktuellen Themen umgeht und ihre Visionen modern umsetzt. Das diesjährige Motto lautete UNDER PRESSURE und irgendwie passte das nicht nur zu den Filmen, sondern auch zu meinem Wochenende.
Chrissy Grundl beschreibt das Transit-Publikum als »eher jung«, es gäbe viele Studierende, aber auch einige »Kino-Freaks«, die jedes Jahr wiederkommen und sich einen der Festivalpässe sichern. Auch ich hatte mir den ermäßigten Festivalpass für 34 Euro geholt. Die Pässe waren auf 70 Stück limitiert, also fühlte sich das gleich ein bisschen exklusiv an. Mit dem Pass konnte ich von Donnerstag bis Sonntag so viele Filme schauen, wie ich wollte, mit einer Ausnahme: Der Eröffnungsfilm war nicht inbegriffen. Für »Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst« hätte ich extra zahlen müssen. Schon okay, so konnte ich mich in Ruhe auf ein intensives Filmwochenende vorbereiten. Grundl erzählt mir später, die Eröffnungsvorstellung am Donnerstagabend sei ohnehin ausverkauft gewesen. Sie beschreibt den Auftakt als einen traditionell festlichen Akt, mit Begrüßungsreden und einem eher älteren Publikum, das sich vor allem dafür interessiert, »was da so passiert«.
Dafür besuchte ich am Freitag dann gleich zweimal das Ostentorkino, in dem alle Filme des Festivals in diesem Jahr präsentiert wurden. Zuerst habe ich mir »A Useful Ghost« angesehen. Ich muss zugeben, dass die Filmbeschreibung, ziemlich absurd geklungen hat: »Staubsaugergeister dieser Welt, vereinigt euch!« Trotzdem versuchte ich unvoreingenommen in die Vorstellung zu gehen und dachte mir, ich lasse mich einfach mal überraschen. Das hat sich meiner Meinung nach sehr gelohnt. Obwohl die Genres Schwarze Komödie, Drama, Fantasie, Horror und Komödie genannt werden, wird »A Useful Ghost« vor allem als Fantasy-Satire auf die thailändische Politik beschrieben.¹ Der Film wurde, wie alle Filme beim Festival, im Original mit Untertiteln gezeigt. Anfangs fand ich das etwas ungewohnt und dachte kurz, das bleibt bestimmt nicht so. Aber dann hat es total Sinn ergeben. Die Originalsprache hat dem Film eine besondere Authentizität verliehen, die in einer Synchronfassung verloren gegangen wäre.
Nach der Podiumsdiskussion mit dem Titel »HOW TO CULTURE 2025: SZENE(N) UNTER DRUCK«, die sich mit den aktuellen Herausforderungen kultureller Arbeit befasste und die Frage stellte, wie unabhängige Kulturschaffende unter immer schwierigeren Bedingungen kreativ bleiben und wirtschaftlich überleben können, ging es weiter mit »YES«, einem israelischen Film von Nadav Lapid. Die Handlung spielte sich in mehreren Regionen Israels ab, so wurde der Nahostkonflikt aus einer differenzierten Perspektive behandelt. Man sah unter anderem die israelische Gesellschaft zwischen Rausch und Ruin, die mit dem eigenen moralischen Druck ringt. Bereits in der Anmoderation hieß es, es könne »wackelig« werden, das hat sich schnell, schon in den ersten Sequenzen des Filmes bewahrheitet. Ich empfand den Film als laut, vielleicht sogar etwas überfordernd, aber auf eine smarte und faszinierende Art und Weise.
Festivalleiterin Grundl fasste den Andrang der Vorstellung am Freitagabend passend zusammen: »Der Film wurde am Freitag direkt nach der Podiumsdiskussion gezeigt und war super gut besucht«. Sie vermutet zwei Gründe: Zum einen bekomme »YES« derzeit viel Presse, weil der Kinostart bald ansteht. Allein damit hebt er sich von den meisten anderen Filmen im Festivalprogramm ab, die in Deutschland kaum Pressearbeit haben. Zum anderen sei es schlicht »das Thema«: Ein israelischer Regisseur, der sich, in ganz eigener und wilder Durchführung, mit dem Nahostkonflikt auseinandersetzt. Die Entscheidung, den Film ins Programm zu nehmen, fiel laut Grundl bewusst: »YES« sei »so heftig unter Druck«, dass er perfekt zum diesjährigen Motto UNDER PRESSURE passe. Oder, wie sie es formulierte: »Uns war klar, wenn wir irgendeinen Film über diese Thematik zeigen, dann ist es dieser.«
Nach den beiden Filmen war noch nicht Schluss und der Abend ging weiter mit der diesjährigen Festivalparty. Diese fand in der alten Filmbühne statt und wurde in Kooperation mit den Regensburger Kollektiven »Schauer« und »Love Selectors« organisiert. Die stand ganz nach dem Motto auch unter Druck, denn es war »irrevoll«, wie Grundl es selbst beschreibt. Auch ich stand gegen 23 Uhr vor der überfüllten Bar. Ein Freund kam mir draußen entgegen und warnte mich vor, ich solle mir gut überlegen, ob ich mich hineinwagen will. Natürlich wollte ich mich selbst davon überzeugen und quetschte mich durch die Menge vor ans DJ-Pult. Platz zum Tanzen hatte ich eher nicht, Schade eigentlich, denn die Musik war ziemlich gut. Doch irgendwie ging der Abend dann trotzdem ziemlich lange, worauf ich es am nächsten Tag erst spät ins Kino schaffte.
So habe ich mir am Samstag nur die letzte Vorstellung des Tages angesehen – »Bokshi«, einen nordindischen Folk-Horror-Film. Er war weniger gruselig, als ich erwartet hatte, aber mir wurde schnell klar, warum er ins Transit-Programm aufgenommen wurde. Die Intention des Films war wohl weniger, das Publikum zu erschrecken, sondern vielmehr, den Kampf gegen systemische Unterdrückung zu zeigen, der sich im titelgebenden Wort widerspiegelt. Der nepalesische Begriff »Bokshi« bezeichnete über Jahrhunderte hinweg Frauen, die als »Hexen« stigmatisiert, verfolgt und verbrannt wurden.² Der Druck in diesem Film kam spürbar von innen, aus der Geschichte, aus der patriarchalen Gewalt und aus der Notwendigkeit, sich selbst zu behaupten.
Wenn ich das Wochenende als ein Marathon betrachte, war Sonntag wohl der Sprint. Um 14 Uhr ging er los mit »White Snail«. Hier standen die Protagonist:innen ebenfalls sichtlich unter unter enormem Druck. Der Film handelt von einem jungen Mädchen, das in der Modelbranche in Belarus versucht ihren Platz zu finden. Es war schnell klar, dass sie an einer Essstörung leidet. Sie entwickelte eine abstrakte Verbindung und Sichtweise gegenüber dem Tod und freundet sich mit einem Mann an, der in einer Leichenhalle arbeitet. Trotz der Erdrückenden Stimmung im Kinosaal, war ich sehr fasziniert von der Produktion. Die Geschichte war still, aber gleichzeitig sehr intensiv und unfassbar ästhetisch. Umso spannender fand ich das anschließende Q&A mit den Regisseur:innen. Es war schön, ein paar Hintergründe direkt von den Macher:innen zu hören. Sie haben verraten, dass das Drehbuch ohne Dialoge geschrieben worden ist. Die Gespräche im Film wurden spontan improvisiert. Das erklärt vielleicht auch, warum die Dialoge so natürlich wirkten, als würde man echten Menschen beim Denken und Fühlen zusehen.
Nach dem Film gab es erst einmal eine kurze Pause. Ich holte mir eine Schüssel Chili sin Carne, welches das Transit-Team im Innenhof des Ostentorkinos vorbereitet hatte. In der Pause konnte ich auch mit Chrissy Grundl sprechen. Sie gab mir einen Zwischenbericht vom Festival und erzählte, dass trotz kleiner Pannen, die bei einem ehrenamtlich organisierten Festival kaum ausbleiben, alles rund gelaufen sei. »Es ist keine Katastrophe passiert. Es hat alles gut funktioniert«, sagte sie und zog ein durchweg positives Fazit. Das Team sei hochmotiviert und habe »Bock« auch bei Kälte draußen an den Ständen mit Merchandise, Chili und Glühwein durchzuhalten. Damit niemand frieren muss, standen über das Wochenende Heizstrahler bereit.
Um 17 Uhr stand dann »Lifehack« auf dem Programm, welcher aktuelle Themen, wie Cyber-Scams, digitale Abhängigkeit und die ständige Online-Präsenz, aufgegriffen hat. Der Film wurde mit einer ganz eigenen Art von Storytelling umgesetzt. Er war schnell und teilweise visuell extrem überladen. Es fühlte sich ein bisschen so an, als würde man selbst in einem digitalen Strudel aus Chats, Feeds und Manipulationen mitgerissen werden. Ich mag Filme, die versuchen, neue narrative Formen zu finden. »Lifehack« hat das definitiv geschafft.
Der letzte Film des Tages und des gesamten Festivals war dann um 22 Uhr der Überraschungsfilm. Auf diesen freue sich Chrissy Grundl jedes Jahr fast am meisten. Erfahrungsgemäß ziehe er besonders viele Besucher:innen an, denn, so Grundl, »es ist natürlich voll der Vertrauensvorschuss, weil das Publikum ja nicht weiß, was sie erwartet.« Dieses Jahr war die Überraschung ein Animationsfilm, der gezeigt wurde. Ich muss zugeben, das ist normalerweise nicht so mein Genre. Aber »Arco« hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Es wurden Themen wie Klimawandel, Zeit, Erinnerung und Zukunft auf eine sehr emotionale Weise verbunden. »Arco« war süß, traurig und schön zugleich. Irgendwie hat er mich sogar am meisten vom gesamten Programm bewegt, vielleicht gerade, weil er die großen Themen unserer Zeit auf eine zarte und kindliche Art erzählte. Die Message war stark, ohne aufdringlich zu sein: Erwachsene wollen oft spektakuläre Bilder oder laute Botschaften, aber dieser Film hat gezeigt, dass man komplexe Themen auch leise, behutsam und trotzdem wirkungsvoll erzählen kann. Für mich war das ein richtig schöner Abschluss des Festivals.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich der Festivalpass gelohnt hat. Da ich insgesamt sechs Filme gesehen habe, wäre ich ohne den Pass auf etwa 42 Euro gekommen. So habe ich nicht nur ein bisschen Geld gespart, sondern auch viele verschiedene Eindrücke mitgenommen. Hätte ich zehn Filme geschafft, hätte ich mir sogar gratis eine Transit-Tasse holen können. Das Programm war sehr vielseitig und bot eine tolle Mischung aus internationalen Produktionen, starken Themen und neuen filmischen Formen. Ich muss zugeben, dass ich nicht gedacht hätte, dass sich das Wochenende wirklich wie ein Marathon anfühlen würde, schließlich sitzt man ja »nur« im Kino. Aber genau das war es nicht: kein klassischer Kinobesuch, keine leichte Unterhaltung. Viele Filme waren emotional fordernd und thematisch schwer, weshalb ich am Ende auch ziemlich erschöpft, aber positiv erfüllt war. So war das Wochenende für mich insgesamt eine sehr eine inspirierende Erfahrung. Das Festival hat gezeigt, wie vielfältig und mutig das junge internationale Kino sein kann. Ich konnte viel für mein Studium mitnehmen und würde das Festival allen empfehlen, die sich für Film, Kultur und gesellschaftliche Themen interessieren. Vielleicht bin ich beim nächsten Mal nicht nur als Zuschauerin, sondern als Teil des Teams dabei. So oder so freue ich mich jetzt schon auf das nächste Jahr und vielleicht sogar auf eine Tasse.
Titelbild © Transit Filmfest
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