Der Tod eines Handlungsreisenden – wenn der amerikanische Traum zum Albtraum wird

Der Tod eines Handlungsreisenden – wenn der amerikanische Traum zum Albtraum wird
Das Theater Regensburg bringt Arthur Millers 1949 uraufgeführtes Stück »Tod eines Handlungsreisenden« zurück auf die Bühne. Es legt offen, wie unerreichbare Ideale einen Menschen und dessen Familie zerstören können. Ein Thema, dessen Aktualität sich bis heute hält

von Sarianna Schnitzler und Amelie Schmid

Im Mittelpunkt des Theaterstücks steht Willy Loman (Thomas Mehlhorn), ein Handelsvertreter, der sein Leben lang dem Traum einer großen Karriere hinterherjagt. Sein Ziel ist es, mit Fleiß und Selbstdisziplin genügend Geld zu verdienen, um seinen beiden Söhnen Biff (Jonas Julian Niemann) und Happy (Gabriel Kähler) und seiner Ehefrau Linda (Natascha Weigang) ein gutes Leben zu ermöglichen. Die Karriere Willys scheint jedoch einfach nicht zu gelingen. Nach einem erneuten beruflichen Misserfolg kehrt er niedergeschlagen zu seiner Frau zurück: Er ist pleite, der amerikanische Traum zerplatzt.

Das Ehepaar steht vor den Schulden des noch abzubezahlenden Hauses und einer unsichereren Zukunft. Linda spürt, dass Willy psychisch am Ende ist. Seine andauernden Stimmungsschwankungen und Selbstgespräche beunruhigen sie zunehmend. Immer tiefer zieht sich Willy in eine Scheinwelt zurück, die mit nostalgischen Erinnerungen und der gutmütigen Stimme seines verstorbenen Bruders Ben (Gabriel Kähler) gefüllt wird. Trotz aller Rückschläge und ausbleibender Karriere, hält Willy verbissen an der Vorstellung fest ein bedeutender Mann zu sein, während Linda unermüdlich versucht, die Familie zusammenzuhalten. Als die beiden Söhne nachhause kommen, vertraut sie ihnen ihre Sorgen um den Vater an.

Natascha Weigang & Thomas Mehlhorn © Sylvain Guillot

Sie befürchtet, dass Willy keinen Ausweg mehr aus der Situation findet und sich das Leben nehmen möchte. Auch zwischen Willy und seinen Söhnen herrscht Spannung. Insbesondere die Beziehung zu Biff erweist sich als schwierig, die von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist. Biff ist Anfang dreißig und hat immer noch keinen festen Job. Die Enttäuschung des Vaters darüber muss er sich ständig anhören. Für Willy ist sein Sohn ein Taugenichts, der sein Potenzial verschwendet und den Eltern auf der Tasche liegt.

In der Hoffnung, doch noch die Anerkennung seines Vaters zu erlangen, stellt Biff seiner Familie eine neue Geschäftsidee vor. Happy steigt begeistert ein und Willy verfällt beinahe euphorisch in einen neuen Optimismus. Alle Sorgen scheinen in Vergessenheit geraten. Doch die Illusion des Familienglücks hält nicht lange an: Willy wird am nächsten Tag von seinem langjährigen Arbeitgeber Howard Wagner (Guido Wachter) entlassen und auch die Zukunftspläne der Söhne scheitern. Alles liegt erneut in Trümmern.

Willy ist hoffnungslos und müde.

Bühnenbild und Inszenierung

Der Regisseur Christoph Diem verwandelt die kleine dunkle Bühne in einen vielschichtigen Raum mit mehreren Dimensionen und Blickwinkeln. Von der Decke hängen weiße, dünne, blickdurchlässige Schnürvorhänge herunter, die die Bühne in zwei Ebenen einteilen. Dadurch wird ein Auf- und Abtreten der   Schauspieler: innen von dem einen, in den anderen Bereich der Bühne ermöglicht. Teilweise befinden sie sich auf unterschiedlichen Ebenen und kommunizieren zwischen der durchlässigen »Wand« hindurch. Ein raffiniertes Spiel mit Nähe und Distanz. Helle Lichtquellen, die aus dem Boden erscheinen, markieren zeitweise die Positionen der Figuren und imitierten gleichzeitig Möbelstücke, wie beispielsweise ein Bett. Zwei kleine, bewegbare Kameras schaffen eine ganz neue Form der Perspektive. Durch sie ist es möglich, Nahaufnahmen der Gesichter der Schauspieler:innen zu filmen, die dann auf die Vorhänge projiziert werden. Ben, der bereits verstorbene Bruder Willys, wird mithilfe dieser Art der Aufnahme aus der Erinnerung in Willys Gedanken für die Zuschauer: innen auf den Vorhängen zum Leben erweckt. Auch der Schauspieler Jonas Julian Niemann nutzt die neue Perspektive, um Biffs innere Zerrissenheit und seinen emotionalen Ausdruck in eindringlichen Nahaufnahmen für das Publikum zu übertragen. Die Kameras schaffen es somit auf eine clevere Art und Weise die verschiedenen Emotionen der Schauspieler:innen glaubhaft zu unterstreichen.

Über das Stück verteilt gibt es musikalische Elemente, die sich auf die jeweils dargestellte Szene beziehen. Während eines hitzigen Streitgesprächs zwischen Linda und Willy ertönt der Liedtext »run baby, run for your life« – eine Indirekte Aufforderung für Linda, die Beziehung zu ihrem Ehemann zu hinterfragen.In der Szene, in der sich Willy mit seiner Affäre trifft, singt er das Lied »Wicked Games« : »the  world was on fire and no one could save me but you«. Ein musikalisches Symbol für sein kurzes Entkommen aus der Realität. Ein auftretendes Glücksgefühl, welches er lediglich bei seiner Affäre verspürt. 

Am Ende des Stückes liegt die Bühne in völliger Dunkelheit. Nur Hintergrundgeräusche verraten auditiv wie die Geschichte um Willy ausgegangen ist. Durch die Kostüme werden die Figuren visuell voneinander abgetrennt. Alle Figuren tragen ein weißes Outfit. Nur Willy, die Hauptfigur, erscheint in einem dunklen Anzug mit dunkelroter Krawatte und schwarzen Schuhen. Ein deutlicher Kontrast, der seine Hauptrolle betont. Erst in der Beerdigungsszene, tragen Linda und der Nachbar Charlie (Guido Wachter) schwarze Kleidung, während die beiden Söhne nur vereinzelte schwarze Akzente, in Form einer Krawatte und einem schwarzen Schriftzug, auf ihrem sonst noch weißen Kostüm, anhaben. Vielleicht ein Hinweis auf die unterschiedlichen Formen des Trauerns der einzelnen Figuren. 

»Man zahlt ein Leben lang ein Haus ab, nur das am Ende keiner drin wohnt! « – Willy

Das Stück behandelt das Thema des unermüdlichen Leistungsdrucks, dem der Vater nie gerecht wird und letztendlich auch auf seine beiden Söhne überträgt. Die Beziehung zwischen Biff und Willy wird mit verbalem Schlagabtausch und Handgreiflichkeiten schauspielerisch in Szene gesetzt. Thomas Mehlhorn schafft es, den cholerischen Vater, der von massiv ambivalenten Gefühlsausbrüchen geprägt ist, mit überzeugender Intensität zu verkörpern. Seine Mimik, Lautstärke und körperliche Präsenz machen Willy Lomans innere Abgründe sichtbar.

Thomas Mehlhorn © Simone Voggenreiter

Jonas Julian Niemann zeigt als Biff eindrucksvoll den inneren Konflikt zwischen seiner eigenen individuellen Lebensvorstellung und den gegensätzlichen Erwartungen seiner Eltern. Gesichtsausdrücke, Gestiken und Sätze, wie: »Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll!« oder »Ich bin nun mal, was ich bin – sonst nichts.« unterstreichen den Druck, dem Biff ausgesetzt ist. Die verletzenden Worte seines Vaters:  »Du taugst nichts! Du taugst zu gar nichts« hallen in ihm nach, bis er selbst nicht mehr an sich glaubt. Er hat Angst seinen Eltern und der Gesellschaft nicht zu genügen. Ein Gefühl mit dem das Publikum sich identifizieren kann.

Jonas Julian Niemann & Gabriel Kähler © Sylvain Guillot

Die Mutter, gespielt von Natascha Weigang, ist die Konstante und verzweifelnde Mitte der Familie. Sie verkörpert eine Frau und Mutter, die für ihre Liebsten stark sein muss. Ihre präsente, aufrechte Körperhaltung bringt ihren willensstarken Charakter zum Ausdruck. Als sie jedoch das Fundament der Familie nicht mehr aufrechterhalten kann, verwandelt sich die anfängliche Ruhe und Zärtlichkeit in emotionale Ausbrüche, die von Wut und Trauer begleitet werden.

Erst als Willy seinem Schicksal nicht mehr ausweichen kann, kehrt bei Linda die Standhaftigkeit wieder zurück. Ihr ist bewusst, dass die Schulden mittlerweile zwar abbezahlt sind, doch der Traum eines glücklichen gemeinsamen Lebens nie erfüllt werden wird. Das Haus, für das Willy und sie gearbeitet haben, steht nun leer.

»Wir sind frei und schuldenfrei auch« sagt Linda kurz bevor das Stück endet. Ein Satz voller tragsicher Ironie.

Eine Spiegelung unserer Gegenwart

Zurück bleibt das Gefühl inneren Unbehagens. Aktueller denn je scheint das behandelte Thema in unserer heutigen Zeit. Das fesselnde Theaterstück porträtiert den gesellschaftlichen Leistungsdruck und Anspruch, das Maximum aus seinem Leben herauszuholen. Ein Maximum, das nie erreicht werden kann und an dem man psychisch zu zerbrechen droht. Ein Stück, welches in einer Welt der Selbstoptimierung völlig passend erscheint. Die Regensburger Inszenierung trifft diesen Nerv und setzt das Drama eindrucksvoll in Szene. 


Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Theater Regensburg (https://www.theaterregensburg.de/produktionen/tod-eines-handlungsreisenden.html)

Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht.

Titelbild: Thomas Mehlhorn, Jonas Julian Niemann, Natascha Weigang & Gabriel Kähler © Simone Voggenreiter

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