Armut ist mehr als eine Frage des Elternhauses
Psychologische Forschung zeigt, wie Armut zu Falle wird: Das Gefühl der Ressourcenknappheit fordert große kognitive Kapazitäten und Willenskraft ein. Das führt zu impulsiven Entscheidungen, die in eine Endlosspirale führen. Wie passt das mit der Merz’ Sozialpolitik zusammen?
von Sina Popp
» Wie viele von deinen vier Kindern haben ein Kapitalkonto? « , will Friedrich Merz in einer aktuellen Talkshow von Verena Pausder wissen. In dem Interview erklärt er, dass finanzielle Sicherheit eine Frage des Elternhauses bleiben soll und ruft damit Empörung hervor. Natürlich sollte ein Dach über dem Kopf bis hin zu Bildungschancen und Rentenvorsorge nicht davon abhängig sein, wie gut sich jemandes Eltern mit Geldanlagen auskennen. Dass es sich eben nicht alle Familien leisten können, jeden Monat 100€ pro Kind für Wertpapiere zurückzulegen ist auch klar. Aber warum genau ist es eigentlich so schwer aus Armut zu entfliehen? Zumindest 25€ sollten doch möglich sein und es ist so leicht wie noch nie sich zu informieren und zu investieren.
Solche Aussagen irritieren, aber der Fingerzeig auf Bürgergeld-Beziehende im politischen Diskurs zeigt, dass dem viele Menschen zustimmen. Warum finanzielle Hilfe wie Bürgergeld aber eben genau die richtige Strategie ist, um finanziellen Aufstieg zu ermöglichen, zeigt auch Forschung aus der Psychologie.
Man ist nicht arm, weil man kein Kapitalkonto hat – man hat kein Kapitalkonto, weil man arm ist
Eine besonders wichtige Studie ist die von Baumeister zu Ego Depletion: Versuchspersonen wurden zwei Teller präsentiert, einer mit Radieschen und einer mit Keksen. Einer Gruppe wurde es erlaubt von beiden Tellern zu essen, der anderen Gruppe nur von den Radieschen. Beim Lösen von eigentlich unlösbaren Rätseln gab die Radieschen-Gruppe schneller auf. Die Interpretation dieser Studie ist, dass Selbstkontrolle eine Ressource ist, die aufgebraucht werden kann. Sobald Selbstkontrolle aufgebraucht ist, werden oft impulsive Entscheidungen getroffen. Die Radieschen-Gruppe erlebt Ressourcenknappheit: Sie sehnen sich nach etwas, aber äußere Umstände und Regeln verhindern es. So ähnlich geht es auch Menschen, die ein knappes Monatsgehalt haben, wenn sie in den Supermarkt gehen.
Not macht erfinderisch
Dieses Sprichwort zeigt, dass das Erleben von Knappheit auch positive Effekte haben kann: Man muss neue Wege finden, um Herausforderungen zu bewältigen. Wenig Geld kann auch zu besser überlegten Ausgaben führen, während viel Spielraum zu leichtfertigeren Entscheidungen führen kann. Je größer der finanzielle Puffer auf dem Konto, desto weniger macht es aus, ob man sich den Kaffee zuhause macht oder bei Starbucks kauft.
Nachdenken über Autoreparaturen
In Mullainathan und Shafirs Buch zu Ressourcenknappheit und kognitiver Leistung wird klar, was es bedeutet, Armut zu empfinden. Versuchspersonen wurden dazu aufgerufen, über die Kosten einer Autoreparatur nachzudenken und absolvierten danach Raven’s Progressive Matrices-Test – einen Intelligenztest, der als kulturfair gilt. Bei einer günstigen Reparatur zeigten sich zwischen den Testergebnissen schlechter und besserverdienenden Menschen keine signifikanten Unterschiede. Wenn es jedoch um eine teure Reparatur ging, nahm die Leistung der schlechter Verdienenden durch das Nachdenken über die Reparaturkosten signifikant ab. Der Verschlechterungseffekt war in etwa so stark wie eine Nacht ohne Schlaf, ca. 13 IQ-Punkte. Das zeigt, dass selbst das künstlich induzierte Gefühl von Knappheit sich stark auf logische Schlussfolgerung, Konzentration und Problemlösefähigkeiten auswirken kann.
Achtung, Wiederholungsgefahr
Neben kognitiven Aspekten beschreiben Mullainathan und Shafir in ihrem Buch auch eine wichtige affektive Komponente. Knappheit führt zu Notfalldenken. Das bedeutet, dass anstehende Probleme oder Aufgaben als besonders dringend wahrgenommen werden, was wiederum zu impulsiven Handlungen führt. Genau dieses Phänomen führt letztendlich in die Armutsfalle. Auch wenn die Ressourcenknappheit sich verbessert, werden Ausgaben oft nicht längerfristig geplant, da sich Armut nachhaltig auf Affekt und Kognition auswirkt. Nur durch genügend finanzielle Sicherheit können diese Muster wieder verlernt werden. Solange kein Spielraum gegeben ist, führen Alltagssituationen oft zu oberflächlichen Lösungen wie Kleinstkrediten oder Käufen um schnell soziale Teilhabe zu erreichen.
» Wenn du’s nicht schaffst, dann schaffen’s die Lehrer deiner Kinder auch nicht! «
Das sagte der Kanzler zu Verena Pausders Forderung, dass finanzielle Bildung und Aufklärung über Altersvorsorge eben keine Frage des Elternhauses sein sollte. Seine Begründung ist, dass solange es die Eltern eines Kindes nicht schaffen, diese Aufklärung zu leisten, es auch Schulen und damit der Staat nicht schaffen werden. Damit entzieht er dem Staat die Verantwortung für Bildung und finanzielle Sicherheit. Das entspricht in keiner Weise einer Vision von echter Chancengleichheit. Ein starker und effektiver Sozialstaat ist das wirksamste Mittel gegen Armutsfallen. Er kann das ständige Nachdenken über Knappheit mildern, was Menschen in Armut erlaubt, Strategien zu entwickeln und Aufstieg zu planen.
Finanzielle Hilfe sollte auch zugänglich sein
Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es in Deutschland bereits viele verschiedene Hilfsangebote für besonderen Lebenslagen. Damit diese aber wirklich erreichbar werden, muss auch Entbürokratisierung stattfinden. Gerade mit dem Wissen, dass Armut Willenskraft aufbraucht und Konzentration beeinflusst, sind die komplizierten Anträge und der Kampf um Zuständigkeiten in Ämtern ein Albtraum. Bei der Forderung nach finanzieller Aufklärung sollte man deshalb nicht vergessen, dass die meisten Menschen nicht wissen, welche finanziellen Hilfen ihnen in Deutschland eigentlich zur Verfügung stehen.
Conclusio: Armut ist keine Entscheidung
Die Studien werfen wichtige Fragen auf. Wie werden arme Menschen in Deutschland in den Medien dargestellt? Wie viel wissen wir wirklich über Gründe für Armut? Es ist wichtig die Erzählung, dass es jeder Mensch in Deutschland zu Wohlstand schaffen kann, immer wieder neu zu hinterfragen. Merz hat Recht damit, dass der Kapitalmarkt so zugänglich ist wie noch nie zuvor. Und trotzdem: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um sich mit diesen Möglichkeiten überhaupt auseinanderzusetzen?
Titelbild © Theresa Kriegmair
Quellen:
Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Muraven, M., & Tice, D. M. (1998). Ego depletion: Is the active self a limited resource? Journal of Personality and Social Psychology, 74(5), 1252–1265.
Mani, A., Mullainathan, S., Shafir, E., & Zhao, J. (2013). Poverty impedes cognitive function. Science, 341(6149), 976–980.
Startup-Verband. (2024, November 6). Startup-Nation Deutschland: Townhall mit Friedrich Merz [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=7kT7Nqw2vKA
