Eine Frau wie Nina Anhan
»Babo – Die Haftbefehl Story« erzählt nicht nur die Geschichte des Rappers Haftbefehl, sondern zeigt auch die Frau hinter der Fassade seines Ruhms: Nina Anhan. Sie bleibt, während er mit seinen Dämonen kämpft. Nina Anhans Erzählungen müssen gehört werden, weil sie uns zeigen, was Loyalität im Schatten von Abhängigkeit bedeutet und wie viel Stärke es braucht, um zu bleiben, wenn Liebe und Schmerz miteinander existieren.
Von Johanna Schwab
Seit der Veröffentlichung der Netflix-Dokumentation »Babo – Die Haftbefehl Story« ist die Geschichte von Aykut Anhan, wie Haftbefehl mit bürgerlichem Namen heißt, eines der meistdiskutierten Gesprächsthemen in den sozialen Medien. Sein intensiver Drogenmissbrauch, sein Erfolg und die Sorgen seines Umfeldes haben mich und viele andere zutiefst bewegt. Doch nicht nur sein Lebensweg, sondern auch die Rolle seiner Ehefrau, Nina Anhan, steht im Mittelpunkt vieler Diskussionen.
Zwischen Liebe und Abgrund
Nina ist Unternehmerin und Influencerin, aber bekannt wurde sie primär durch Haftbefehl. Mit 17 Jahren lernte sie den damals 25-jährigen Aykut über Facebook kennen und verliebte sich in ihn. Während sie 2010 noch in Stuttgart lebte und eine Ausbildung zur Kosmetikerin absolvierte, führte Aykut schon ein ganz anderes Leben als Haftbefehl.
In seinem Debütalbum »Azzlack Stereotyp« (2010) rappt er ungeschönt über das Leben und Aufwachsen in Offenbach, über Hass und Schmerz und über Drogen, die er damals schon seit fast 13 Jahren konsumierte. Nina bleibt bei Aykut, bei dem Menschen, den sie liebt und akzeptiert schweren Herzens, dass zu ihm auch immer Haftbefehl gehören wird. Sie heiraten 2016 und bekommen zwei Kinder, Noah und Aaliyah.
Die Dokumentation hinterlässt vieles bei mir, aber besonders bleibt eine Bewunderung für Nina Anhan. Die Frau, die seit 15 Jahren bei ihrem Mann geblieben ist, für ihre Kinder und wahrscheinlich auch um ihm zu zeigen, dass da eine Familie ist, die auf ihn wartet und die ihn braucht.
Die perfekte Ehefrau
Ihre Geschichte bewegt nicht nur mich, sondern auch das Internet. Viele junge Männer wünschen sich genau so eine Frau: eine, die sie begleitet durch dick und dünn, trotz Anklagen, trotz Depressionen, trotz Drogen. Die Dokumentation zeigt Nina Anhans fast endlos scheinende Loyalität zu ihrem Mann: eine Idealvorstellung, die sich viele wünschen und sie dadurch zu einem Vorbild machen.
Ich frage mich, was sich diese jungen Männer wirklich wünschen, denn sie sehen nicht, in was für einer Realität Nina Anhan lebt.
Nina ist eine Frau, die viel gelitten hat und versucht, zwei Kinder quasi allein aufzuziehen und den Drogenkonsum ihres Mannes und dessen Folgen tagtäglich zu spüren bekommt. Sie ist allein, sehnt sich nach Familienurlauben, nach Normalität und danach, dass ihr Mann nur Aykut ist, nicht Haftbefehl.
Vorbild oder Mahnmal?
Nina Anhans Rolle als Ehefrau ist nichts, was als wünschenswert bewertet werden sollte. Sie hat eine tragische Geschichte. Sie weiß, wie es um Haftbefehl steht, hat versucht, ihn zu verlassen und ihm die Kinder wegzunehmen – Konsequenzen, die nicht für Besserung gesorgt haben. Aber sie möchte ihren Mann nicht sterben sehen, möchte nicht, dass ihre Kinder ohne ihren Vater aufwachsen. Sie bleibt deswegen bei ihm, aber nicht, weil sie blind vor Liebe ist, sondern weil sie lernen musste, ihn zu akzeptieren, um ihn nicht endgültig zu verlieren.
Doch trotz allem braucht sie Haftbefehl, braucht seine Auftritte, die Ekstasen, die nicht nur Teil seiner tragischen Realität sind, sondern auch zu seinem Image als Straßenrapper gehören. Denn Nina Anhan muss nicht nur für sich einen Lebensstandard sichern, sondern auch für ihre zwei Kinder. Ihre Loyalität und ihr Schmerz wird zwar nie aufwiegen mit den finanziellen Mitteln, die Haftbefehl bereitstellt, jedoch gehört zu ihrer Erzählung auch die finanzielle Abhängigkeit von Haftbefehl. Stimmen im Netz, die gegen die Idealisierung von Nina Anhan argumentieren, nehmen oft diese Abhängigkeit als ein Argument, welches Nina zu einer Art Golddigger stilisiert – zu einer Frau, die nur bleibt wegen dem Geld. Ich lese die Kommentare über Nina Anhan und wünsche mir, dass ihre Rolle in der Tragödie rund um Haftbefehl mit der gleichen Empathie bewertet werden würde, mit der ihm selbst entgegengetreten wird. Keine der beteiligten Personen kann schwarz-weiß betrachtet werden, denn sie treffen alle Entscheidungen aufgrund von eigenen Erfahrungen, Abhängigkeiten, Wünschen und Ängsten.
Der Preis der Loyalität
Wer die Beziehung von Aykut und Nina Anhan idealisiert, wünscht sich keine Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern eine Frau, die ihre Träume zurückstellt. Jemand, der für den Partner leben muss, damit dieser überlebt, damit es den Kindern gut geht. Nina Anhan ist eine starke Frau, aber sie sollte kein Vorbild für uns Frauen sein, sondern ein Mahnmal.
Sie zeigt, wie viel Stärke in uns sein kann, aber auch, wie viel Schmerz man in Beziehungen wie diesen aushalten muss. Ihre Geschichte zeigt, dass man den Kampf mit Dämonen nicht gewinnen kann, ohne einen Teil von sich aufzugeben.
Nina Anhan zahlt für ihre Loyalität zu Haftbefehl einen hohen Preis, der ihr schmerzlich bewusst ist.
Keine Frau sollte in einer Partnerschaft diesen Preis zahlen müssen, und kein Mann sollte sich wünschen, dass seine Frau sich durch ihre Loyalität zu ihm kaputt macht.
Beitragsbild © Olivia Rabe, IMAGO/BREUEL-BILD
