Der ignorierte Krieg im Sudan: Zwischen humanitärer Katastrophe und globaler Gleichgültigkeit

Der ignorierte Krieg im Sudan: Zwischen humanitärer Katastrophe und globaler Gleichgültigkeit
Am 26. Oktober meldet die sudanesische Miliz RSF (Rapid Support Forces) die Einnahme der Stadt Al-Fashir im Westen des Sudans. Damit erreicht die über 19-monatige Belagerung der Stadt ihren brutalen Höhepunkt. Zwei Tage später empfängt Prof. Dr. Bierling im Audimax den langjährigen Afrika- und Asienkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung, Arne Perras, um mit ihm über seine Sudan-Reise und Einschätzung des Konflikts zu sprechen. Aber worum geht es bei dem Konflikt eigentlich, wer ist daran beteiligt und warum spricht die Welt erst jetzt darüber?

» Kampf um das Erbe der zerfallenen Diktatur «

von Katharina Lacher

Nach knapp 60 Jahren britischer Kolonialherrschaft erlangt der Sudan 1956 seine Unabhängigkeit. Stabilität und Frieden bedeutet das allerdings nicht. Nach mehreren, darunter auch gewaltsamen, Regierungswechseln kam 1989 Omer al-Bashir durch einen Militärputsch an die Macht. Die im Sudan herrschenden ethnischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede werden unter al-Bashir weiter verstärkt. Er errichtete ein islamistisches System, welches nicht-muslimische Minderheiten unterdrückt und bei Macht- sowie Ressourcenverteilungen benachteiligt. Diese Spannungen führt unter anderem zum Darfur-Konflikt 2003, der nach UN-Schätzungen 300.000 Tote und 2,5 Millionen Vertriebene zur Folge hat, und zur Abspaltung des Südsudans 2011.

Um weitere Aufstände von marginalisierten Gruppen zu verhindern, setzte die Regierung ethnische Milizen und paramilitärische Kräfte ein, darunter auch die RSF. Offiziell diente diese zur Sicherung seiner Macht und als Gegengewicht zum Militär. Als Befehlshaber der Miliz wird Hemeti eingesetzt, der sich jedoch 2019 aus eigenem Machtinteresse gegen al-Bashir stellt. Er schließt sich den Massenprotesten der Bevölkerung an, die aufgrund der schlechten Lebensbedingungen für einen erneuten Regierungswechsel protestieren. Im April desselben Jahres kommt es dann zum gemeinsamen Militärputsch der sudanesischen Armee (SAF) und der RSF, welcher zum Sturz von al-Bashir führt. Die anschließende Übergangsregierung unter Premier Abdalla Hamdok soll eine Verbindung zwischen dem Militär und der zivilen Opposition schaffen und den Weg für demokratische Wahlen ebnen. Die Hoffnung auf eine politische Wendung im Sudan hält aber nicht lange an.

Innerhalb der Demokratiebewegung kommt es zu Machtkämpfen und Uneinigkeiten über die Besetzung von Ämtern, was zu einer Spaltung der Gruppe führt. Im Oktober 2021 putscht das Militär erneut und die Übergangsregierung wird ohne zivile Beteiligung besetzt. Zunächst teilten sich SAF und RSF die Kompetenz für die Sicherheitsfragen des Staates. Der Konflikt zwischen den beiden Parteien verschärft sich allerdings schnell, wobei vor allem die geplante Eingliederung der RSF in die sudanesische Armee ein Streitpunkt ist. Am 15. April 2023 eskaliert die Situation schließlich. Es kommt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Khartum, welche sich schnell auf weitere Regionen ausbreitet und zum Bürgerkrieg führt, der bis heute im Sudan anhält.

Neuer Höhepunkt der Eskalation

von Rebekka Ehrmann

Vergangene Woche, am 26. Oktober 2025, haben Mitglieder der Miliz RSF die Großstadt Al-Fashir in der Region Darfur gewaltsam, nach 500 Tagen Belagerung, eingenommen und sich mit brutalster Gewalt gegen die Bevölkerung dort gestellt. Militärchef al-Burhan sprach von einer »systematischen Tötung«. Satellitenaufnahmen zufolge, welche durch Forschergruppen der US-Universität Yale dokumentiert wurden, ist von einem Genozid von mehr als 1.500 Menschen auszugehen, mehrere Tausend werden noch festgehalten. Ein Genozid, welcher durch diese Aufnahmen hätte verhindert werden können. »Noch nie ist vor Massengräueltaten so präzise gewarnt worden wie in Al-Fashir«, sagt Nathaniel Raymond, Direktor des Humanitarian Research Lab der Uni Yale, im Gespräch mit der ZEIT. Nach Angaben der UN ist es nur 70.000 der rund 260.000 Zivilist:innen gelungen, aus Al-Fashir zu fliehen. Der Rest? »Sind entweder in der Falle oder tot«, äußert Nathaniel Raymond.

Wie eine Analyse der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group bestätigt, kann der Staat Sudan nach dem Fall Al-Fashirs als faktisch geteilt angesehen werden. Der westliche Teil Darfurs und weitere Gebiete, welche ein Drittel des Staatsterritoriums ausmachen, unterstünden mit ihrem gesamten Goldvorkommen der RSF, während der Osten, Norden und Zentralsudan unter der Machtausübung der SAF stehen.

Das Leid in der Bevölkerung

Die humanitäre Lage ist katastrophal. Laut UN wird vor allem die ethnische Gruppe der Masalit, welche nicht arabischer Herkunft ist, angegriffen. In den Augen der RSF gelten sie aufgrund ihrer Hautfarbe als minderwertig und werden deshalb von der Miliz gezielt verfolgt, vergewaltigt und getötet. Vor allem Kinder sind betroffen: 1,4 Millionen sind gefangen in Gebieten, welche von Hungersnot betroffen oder bedroht sind. Sie ernähren sich zum Teil von Tierfutter und Erdnussschalen. Ohne medizinische Versorgung breiten sich immer mehr Krankheiten, darunter Cholera und Malaria, aus, die immer wieder Verluste kosten.

»Was ich gesehen habe, war alarmierend. Der Sudan ist die größte humanitäre Krise der Welt. Der Konflikt eskaliert, und Kinder zahlen den höchsten Preis«, so Ted Chaiban, stellvertretender Exekutivdirektor von UNICEF. Doch leider ist bis jetzt noch kein Ende in Sicht. Nach der Übernahme Al-Fashirs erklärte der Armeechef al-Burhan, dass er den Krieg weiterführe, »bis dieses Land gereinigt ist«.

Der Einfluss Internationalere Akteure

von Maïlice Vaniverfeld und Mélisande Schaupp-Coste

Die Beteiligung von externen Staaten an dem Krieg hat für den Sudan eher negative Auswirkungen. Die Vereinigten Arabischen Emirate sowie andere arabische Staaten halten die Kriegsökonomie aufrecht, um durch Waffenproduktion und Lieferungen wirtschaftlich von dem Konflikt zu profitieren.Vor allem die Beziehungen zwischen der RSF und den Vereinigten Arabischen Emiraten sind bedeutend, aber nicht neu. Schon während des Jemen-Kriegs haben die RSF die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützt, vor allem mit der Rekrutierung von Soldaten. Diese Beziehungen haben auch einen strategischen Hintergrund, denn wenn die RSF gewinnt, bekommen die Vereinigten Arabischen Emirate mehr Einfluss und Zugang zum Roten Meer.

Auf der anderen Seite steht Ägypten. Als Nachbarland im Norden unterstützt es die SAF, weil es für sie die Sicherheit an den Grenzen stabilisiert und sicherstellt. Dafür ruft es zu einem Waffenstillstand auf und stellt humanitäre Hilfe zur Verfügung, vor allem für die sudanesischen Flüchtlinge.

Im Gegensatz dazu zeigt sich Europa zurückhaltend; es hat sich auf einen speziellen Bereich zurückgezogen. Es schützt Zivilisten und versucht, die humanitäre Hilfe zu unterstützen und zu koordinieren. Es bleiben noch die USA, die normalerweise in internationalen Konflikten als Hoffnung auf Frieden dargestellt werden. Doch bis jetzt wurde keine Lösung gefunden, obwohl die USA weiter versuchen, mit den Nachbarstaaten zu verhandeln. Vor Kurzem rief auch der Afrika-Berater von Trump dazu auf, die Waffenlieferungen der Vereinigten Arabischen Emirate zu stoppen.

Warum spricht die Welt erst jetzt darüber?

von Helena Dyck

In den Medien wird der Krieg im Sudan in den letzten Wochen oft als »Vergessener Krieg« bezeichnet und auch der Gastvortrag mit Arne Perras trägt den Titel »Afrikas vergessene Kriege«. Das Wort »vergessen« ist an dieser Stelle jedoch aus zweierlei Hinsicht die falsche Wahl.

Zum einen schwingt mit dem Wort eine Unabsichtlichkeit mit, ein unbewusstes Handeln, das aus Versehen passiert ist. Die wohl angebrachtere Wortwahl wäre an dieser Stelle »ignoriert« oder »übergangen«, denn was im Sudan passiert, ist weder den Politiker:innen noch den Medien erst seit der Übernahme Al-Fashirs bekannt. Es ist ein aktives Wegschauen, das zu der humanitären Katastrophe geführt hat, die die Bürger im Sudan gerade erleben. Zum anderen impliziert das Wort »vergessen«, dass man etwas schon mal gewusst hat, um es überhaupt vergessen zu können. Für die meisten Menschen in Deutschland oder anderen westlichen Nationen ist der Krieg im Sudan aufgrund der fehlenden Berichterstattung jedoch noch nie wirklich ein Thema gewesen.

Aber warum wurde nur so wenig über diesen Genozid berichtet?

Einen der Gründe dafür hat Arne Perras bei seiner Reise in den Sudan selbst erlebt: die Schwierigkeiten, aus einem Land im Ausnahmezustand zu berichten. Er erzählt, wie allein die fehlende Infrastruktur die Berichterstattung erschwert, wenn man ohne feste Straßen drei Tage braucht, um 150 km zurückzulegen. Dazu kommt, dass es vor allem für Fotografen sehr gefährlich ist, aus nächster Nähe zu berichten. Arne Perras erklärt, dass Kriegsparteien im Sudan aktiv versuchen, Journalisten und Fotografen draußen zu halten. Und auch sudanesischen Medien wird die Berichterstattung erschwert oder ganz verboten.

Die fehlenden Fotos tragen weiter zur Unterrepräsentation des Konflikts bei, da sie die Berichterstattung »weniger anschaulich« machen, so Arne Perras. Es klingt zynisch, ist aber leider wahr. Als Forscher der Yale-Universität Satellitenbilder veröffentlichen, die aufgrund der erkennbaren Menge an Blut auf den Straßen auf Massentötungen durch die RSF schließen lassen, gewinnt die Berichterstattung merklich an Fahrt. Es ist nichts Neues, dass Bilder emotionalisieren und uns ferne Konflikte dadurch näher erscheinen, auch wenn es traurig ist, dass es erst zu diesen brutalen Aufnahmen kommen musste, um den Westen zu »erschüttern«.

Aber das ist jetzt egal. Jetzt zählt nur noch, die Aufmerksamkeit auf den Sudan zu halten und dadurch den Druck auf westliche Regierungen und internationale Institutionen zu erhöhen, um das Leiden der Menschen im Sudan zu beenden.


Titelbild©Pauline Kral

Quellen:

https://www.unicef.ch/de/aktuell/news/2024-02-09/der-krieg-im-sudan-fuehrt-zur-schlimmsten-vertreibungskrise-der-welt

https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-11/krieg-sudan-satellitenbilder-al-faschir-massentoetungen

https://www.zdfheute.de/politik/ausland/sudan-darfur-rsf-armee-krise-folgen-100.html

https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54699/sudan

https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/547373/buergerkrieg-im-sudan

https://www.swp-berlin.org/publikation/mta-spotlight-30-wie-man-ueber-den-krieg-in-sudan-sprechen-sollte-und-wie-nicht

https://www.zeit.de/politik/2025-08/krieg-sudan-humanitaere-krise-russland-was-jetzt-videopodcast

https://www.sueddeutsche.de/politik/sudan-darfur-al-faschir-gewalt-rsf-miliz-hunger-li.3330681?reduced=true

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