Widerstand ohne Illusionen

Widerstand ohne Illusionen
Pussy Riot Aktivistin Maria Aljochina liest aus ihrem Buch »Political Girl«

von Anne Nothtroff

Der Neuhaussaal im Theater am Bismarckplatz ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Intendant Sebastian Ritschl begrüßt das Publikum zu einer weiteren Veranstaltung der Reihe »Zukunft Jetzt!« in Kooperation mit der Buchhandlung Dombrowsky. Ihm ist es wichtig, dass das Theater Regensburg auch eine Plattform für demokratischen Austausch bietet und ein Ort der Kunstfreiheit ist. Er ruft dazu auf, mutig zu sein, den Mut wahrzunehmen, und moderiert damit eine Frau an, die man als den Mut in Person beschreiben kann: Pussy-Riot-Aktivistin Maria Aljochina. Und so betritt die Frau, die das Ehrenabzeichen »Troublemaker Nr. 1 for Mister Putin« trägt, die Bühne – gemeinsam mit Musiker Eric J. Breitenbach, der den Abend mit Elektrosound begleitet. Moderiert und übersetzt wird die Lesung von der ehemaligen ARD-Russlandkorrespondentin Sonia Mikich. Die Passagen aus der deutschen Buchfassung werden von Franziska Sörensen gelesen.

Maria Aljochina war eine der Frauen, die im Jahr 2012 in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau in bunten Kleidern und Masken das Punkgebet »Jungfrau Maria, verjage Putin« aufführten. Dabei protestierten sie nicht nur gegen das Putin-Regime, sondern auch gegen die Kirche, die als Megafon für Putins Ideologie gilt. Es war ein verzweifelter Schrei nach Freiheit, auf den zwei Jahre Gefängnis folgten. Man durfte dort nicht mit ihr reden – mit der, die den Aufnäher »Eine Politische« auf der Jacke trug.

»Eine Politische« bleibt laut

Im Laufe des Abends liest sie Abschnitte aus ihrem Buch, in denen sie von den Haftbedingungen erzählt: Toiletten ohne Trennwände, keine warme Kleidung bei -35°. Doch auch das bringt sie nicht zum Schweigen. Weitere Protestaktionen folgten. Als Russland die Ukraine angreift, trägt Maria bereits eine Fußfessel, die sie zerschneidet und, verkleidet als Essenslieferantin, über Belarus und Litauen in den Westen flieht.

Das Buch beschreibt auf rund 500 Seiten Ereignisse, die sich von ihrer Gefangenschaft in der Strafkolonie bis zu ihrer Flucht aus Russland erstrecken. Es waren Jahre, die sie als Karussell beschreibt: Aktivismus, Polizeistation, 15 Tage Arrest – und dann beginnt alles von vorn. Bei all der Repression, die Maria in Russland erlebte, verlor sie auch in ihrem Aktivismus nie den Humor. So werden zu Putins Geburtstag LGBTQI-Fahnen aufgehängt. Über einen Beamer werden Videoaufnahmen dieser Protestaktion gezeigt. Szenen, die unter die Haut gehen.

Die Frau hinter dem Punkgebet

Man merkt schnell: Maria ist kein Mensch, dem es um die eigene Person geht. Sie hat sich das Land, in dem sie aufgewachsen ist, nicht ausgesucht. Während in Russland Stück für Stück die Freiheiten der Menschen eingeschränkt wurden, hat sie stets versucht, ehrlich mit sich selbst zu bleiben. Das Resultat ist eine Kämpferin, die selbst zwei Jahre Straflager nicht kleinbekommen konnten.

In Regensburg sitzt sie im schwarzen Kleid mit einer Vape auf der Bühne. Wilde Locken schauen unter der Strickmütze hervor. Manchmal braucht sie kurz, muss nach den richtigen Videos auf ihrem Laptop suchen. Sie wirkt authentisch, manchmal auch irritiert von den Fragen aus dem Publikum. Auf die Frage, was ihre Pläne für die Zukunft sind, sagt sie, dass sie weiterhin jeden Abend eine Runde joggen gehen möchte. Ein Hobby, das man in ihren Instagram-Stories nachverfolgen kann.

Am Vortag saß sie bei Markus Lanz und traf dort zum ersten Mal auf Sahra Wagenknecht. Maria erzählt, wie sie sich durch die Meinungen der Politikerin in das russische Staatsfernsehen zurückkatapultiert fühlt. Ähnliche Argumente, dieselben Erzählungen über Verhandlungen und das Einfrieren des Konflikts. Der Ausschnitt aus der Sendung geht in den Tagen danach viral. Umso stärker kämpft sie für den Gedanken, dass Europa eine freie Ukraine braucht. Sie erweckt nicht die Illusion, dass sich die russische Bevölkerung gegen Putin erheben könnte. In einem derart autoritären Staat bleibt aktiver Widerstand auf Einzelfälle beschränkt. Was passiert, wenn man sich gegen das Regime stellt, weiß niemand besser als sie selbst.

In der Publikumsfragerunde wird gefragt, ob sie Angst um ihre Familie und Freunde habe. Sie antwortet: »I am fine. Protect your country from Putin’s ideology.«


Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht. 

Titelbild: Maria Aljochina im Theater Regensburg © www.altrofoto.de

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