Eine Oper in der Oper
Zum Spielzeitstart spielt das Theater Regensburg John Coriglianos »The Ghosts of Versailles«. Ein Liebesbeweis an die Opernwelt für alle Kenner:innen, ein Spektakel für alle anderen.
von Mia Fritzsche und Anne Nothtroff
Ein Geist trauert um sein Schicksal. Es ist niemand anderes als die letzte Königin Frankreichs vor der Französischen Revolution: Marie Antoinette (Iida Antola), bekannt für ihren exzentrischen Lebensstil und ihr tragisches Schicksal. In einer Runde von Aristokrat:innen, die der Revolution zum Opfer gefallen sind, hat sie noch nicht mit ihrem Teil der Geschichtsschreibung abgeschlossen. Der Geist des Autors Beaumarchais (Seymour Karimov), der ihr verfallen ist, schreibt das Theaterstück »Ein Figaro für Antonia«, um sie aufzuheitern und ihr Schicksal zu retten. Die Opernbühne am Bismarckplatz wird damit zum Schauplatz einer Oper in der Oper. Im Bühnenbild kommt ein zweiter Vorhang und eine ausgeklügelte Drehbühnenkonstruktion zum Einsatz. Man wechselt zwischen dem Schauplatz der aristokratischen Geister und der Opernparodie Beaumarchais. Mithilfe seiner Figuren Figaro (Benedikt Eder), Susanna (Svitlana Slyvia) und Graf Almaviva (Carlos Moreno Pelizari) will er Marie Antoinette zur Flucht in die Neue Welt helfen. Dafür soll ihre Halskette an den britischen Botschafter verkauft werden, die Beaumarchais dem Grafen Almaviva zuspielt. Der Bösewicht des Stücks, Patrick Honoré Bégearss (Martin Lechleitner), versucht währenddessen, die illegitime Tochter des Grafen, Florestine (Kirsten Labonte) zu heiraten um damit an die Macht zu kommen. Gleichzeitig möchte auch er an die teure Halskette gelangen. Figaro und Susanna sind seinen Plänen schon auf der Spur. Der Rettungsplan von Beaumarchais geht nicht auf: als Figaro erfährt, dass er der adeligen Marie Antoinette hilft, weigert er sich, die Handlung fortzuführen. Der Schöpfer muss in sein eigenes Theaterstück eingreifen, um Figaro zu überzeugen, dass sie zu Unrecht verurteilt wurde. Er leistet erfolgreiche Überzeugungsarbeit, aber die Königin wird schon von Revolutionärinnen angegriffen und steht vor der Hinrichtung. Marie Antoinette akzeptiert ihr Schicksal und lässt sich hinrichten.
Der Adel der Welt
Gegen Ende des ersten Aktes machen die Figuren einen Ausflug in das im luxuriösen Technicolour Stil dargestellten Osmanische Reich. Sängerin Samira (Fabiana Locke) begeistert mit einer von orientalische Liebesliedern inspirierten Arie. Zusammen mit der poppigen Show-Tanzeinlage reißt sie das Publikum mit.

Die Darstellung des Suleyman Pasha (Roger Krebs) in einem aufblasbaren »Bauch«-Kostüm auf einer Chaiselongue umgeben von leeren McDonalds Tüten wird vom Publikum ebenfalls sehr gut aufgenommen. Manche:r mag hinterfragen, warum ausgerechnet die nahöstliche Kultur in der Oper belustigend zur Show gestellt wird. Doch Suleyman Pasha ist es, der das Ruder der Pointe in der Hand hat: Er provoziert und so entscheidet auch er wann gelacht wird und wann nicht. Genauso ist es mit dem Verkauf der Halskette an den englischen Botschafter, der sein Geld in einem mit Schleifen besetzten Strumpfband versteckt. Der Handlanger des Bösewichts von Beaumarchaises Oper, Wilhelm, hervorragend gespielt und gestikuliert von Malte Flierenbaum, spricht auch, wie in der Originalfassung, mit einem starken deutschen Dialekt. Im Laufe der Oper entrückt er dem Publikum den ein oder anderen Lacher und sorgt stets für gute Stimmung im Publikumssaal.
Im Stile von Mozarts Le nozze di Figaro endet das Stück natürlich glücklich, Marie Antoinette schließt mit ihrem Schicksal ab und erwidert die Aufmerksamkeiten von ihrem Verehrer Beaumarchais.
Komponist John Corigliano in Regensburg
Ein weiteres Highlight des Spielzeitauftaktes waren die einführenden persönlichen Worte des extra aus New York angereisten Komponisten John Corigliano. Er sprach davon, dass man ihm davon abriet, ein lustiges Stück zu schreiben, da dies viel schwieriger sei als ein Ernstes. Zu unterhalten, ohne auf Witze auf Kosten anderer Kulturen zurückzugreifen stellt dabei eine noch höhere Disziplin dar.
In vielerlei Hinsicht ist ihm dies gelungen: Eine sehr gut inszenierte Karikaturisierung ist der Bösewicht Bégearss (Martin Lechleitner). Seine Ode an die Würmer, sein schwarzes Lederoutfit und sein machiavellisches Gehabe führten zu einer sehr erfolgreichen Komik.

Vier Sänger:innen (Selena Altar, Elena Lin, Jong-Il Park, Mert Öztaner) sind auf Logenplätzen platziert und kommentieren die Handlung auf der Bühne: Es wird provokant kommentiert, Gummibär-würmchen gegessen bis hin zu lauthalsem Gekreische. Die Partitur Coriglianos fordert heraus, manchmal wird sie so schrill, dass einem unbehaglich wird. Da dieses stilistische Mittel bereits zum saisonabschließenden Bühnenspektakel »Schiff der Träume« angewandt wurde, erzielte es nicht mehr ganz die mögliche Wirkung, ergibt aber dramaturgisch sehr viel Sinn. Die Oper selbst ist in viele Ebenen verschachtelt, Corigliano referenziert den Universalgelehrten und Autor Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732-1799), der in seiner Figaro Trilogie (»Le barbier de Séville«, »Le mariage de Figaro«, »La mère coupable«) selbst die Geschichte von Mozarts Figaro weiterspinnt. Auch musikalisch werden viele Motive von Mozart und Rossini aufgegriffen. Man bekommt keine klassische Oper, sondern eine Opernparodie: Grell, unkonventionell und verschachtelt erzählt – klassische Operbesucher:innen dürften sich an einigen Stellen herausgefordert fühlen. Sebastian Ritschel und Ronny Scholz inszenieren schrill, überdreht und scheuen nicht zurück vor einem großen Spektakel und einer Menge Menschen auf der Bühne. Das Bühnenbild und die Kostümabteilung bewerkstelligen tadellos, das visuelle Pendant zu gespentischen Klängen von Coriglianos zeitloser Geisterwelt zu bilden. Die Mischung aus klassischen und modernen Elementen im Bühnenbild wie in den Kostümen machen es leicht, sich in den Szenen zu verlieren. Besonders der Chorgesang des weißgekleideten Volkes, das sich gegen Marie Antoinette wendet war sehr eindrücklich. Die Beleuchtung erkennt man aus dem Musical »Merrily we roll along«, das vergangene Spielzeit in Regensburg seine deutschsprachige Erstaufführung feierte. Bühnenelemente wiederzuerkennen, hinterlässt ein vertrautes Gefühl, das Theater einem geben kann, wenn man öfters dort ist. Und dazu lässt sich nichts weiter sagen als:
Jetzt geht’s los
Marie Antoinettes letztes Abenteuer eröffnet damit die neue Spielzeit, diese Grand Opera Buffa ist der Paukenschlag mit dem das Theater Regensburg zeigt, was es in der neuen Spielzeit alles zu bieten hat.
Titelbild © Marie Liebig
Tickets und weitere Informationen unter: Theater Regensburg – The Ghosts Of Versailles
