Ein Text zum Thema »Lassen wir so« der Printausgabe 39 der Lautschrift, verfasst im Rahmen der Schreibwerkstatt (Prof. Dr. Jürgen Daiber) an der Universität Regensburg.
von Friederike Schmid
Lassen wir so, sagten sie, und meinten damit: Risse im Beton, den Staub unterm Schrank, die tote Fliege auf dem Gehsteig. Kann man schon machen, fürchte ich, aber weder Staub noch Fliege wollen sich jetzt noch von meinem Pusten vertreiben lassen, sie liegen da, zittern nicht, wie eingefroren. Ich niese. Niemand sagt Gesundheit. Ich lege mich zu der Fliege und leiste ihr Gesellschaft. Der Stein kratzt, aber nicht, solang ich still bin. Meine Augen machen es denen der Fliege nach und vermehren sich, hundert kleine Sichtpunkte schweben vor mir, aber alles ist verschwommen und fahrig. Kann man schon machen, aber ich vermisse die Konturen und ihre Orientierung, also lasse ich meine Sicht wieder menschlicher sein und stehe auf.
Die Fliege ist jetzt viel zu klein am Boden. Ich wende mich ab und will zur Reise ansetzen, aber vor mir klafft eine Schlucht im Beton. Der Riss hat sich unbemerkt vom Regen aushöhlen lassen, jetzt liegen darunter die Kellergewölbe offen. Ein weiter Sprung würde die Entfernung noch überbrücken, aber im Flug könnte mich ein Windstoß packen und wegtragen. Also setze ich mich an den Rand und lasse die Bäume beineln. Ein Rauschen dringt aus der Tiefe. Vielleicht strömt dort der Fluss, der den Canyon gegraben hat. Vielleicht hat sich dort ein ganzes Höhlensystem gebildet mit biolumineszenten Quallen und Stalagmiten (aber keinen Stalaktiten) und einem friedlichen Volk von Maulwürfen, die eifrig neue Tunnel bauen, bis die Stadt ein Schweizer Käse ist. Vorsichtig lehne ich mich über den Rand, in der festen Erwartung, dass einer der Stalagmiten schon so weit gewachsen ist, dass ihn mein Eindringen in seine Sphäre verletzen könnte, aber ich sehe im Dunkel nur ein paar Lichtpunkte, die von einem Gang der Kanalisation zurückgeworfen werden. Der Rand, auf dem ich sitze, scheint plötzlich brüchig und ich merke, dass die Schwerkraft schon versucht ist, mich mit hinunterzureißen, sie zerrt an mir, ich ziehe die Beine ein, krabbele hektisch zurück auf dem Beton, bis ich wieder in Sicherheit bei meiner Fliege bin. Ihre Hände sind zum Gebet gefaltet. Irritiert davon blicke ich zurück zum Abgrund. Aus der Fliegenperspektive ist die Lücke zur anderen Seite nicht mehr so groß. Ganz sachte setze ich Hände und Füße auf den Boden und mache mich so flach wie möglich. Der Boden vibriert, mein Hals ist trocken. Ich schleiche mich an. Zwischen den Graus leuchtet etwas. Ein gelber Punkt. Ich fixiere mich darauf, er wird größer, und dann endlich sehe ich, dass sich dort in den Spalten ein Wesen angeheftet hat. Es hat sich von Staub und Flusswasser ernährt, um hier sein Dasein zu fristen. Es ist zart und weich und widerborstig und ich lächele es an. Das lassen wir so, beschließe ich, drehe Löwenzahn, Fliege und Schlucht den Rücken zu und lasse mich an die nächste Ecke treiben.
Titelfoto © Olivia Rabe

