Schreibwerkstatt: »Sonnenblumen«

Schreibwerkstatt: »Sonnenblumen«
Ein Text zum Thema »Lassen wir so« der Printausgabe 39 der Lautschrift, verfasst im Rahmen der Schreibwerkstatt (Prof. Dr. Jürgen Daiber) an der Universität Regensburg.

Es riecht nach Zimt. Cassandra betritt das kleine Häuschen ihrer Großmutter. Ein Schwall vertrauter Kuchenluft kommt ihr entgegen.

»Omi, wo bist du?« Cassandra sieht in der kleinen veilchenblauen Küche nach. »Seltsam, sonst ist sie meistens hier.« Sie legt ihre dunkelgrüne Tasche und ihre Jeansjacke auf der Anrichte ab. Sie geht in wallendem Kleid weiter durch die Räume im Erdgeschoss, doch ihre Oma ist in keinem der liebevoll eingerichteten Zimmer. Als nächstes ist das Obergeschoss an der Reihe. Sie erklimmt barfuß die Treppe, überspringt dabei die dritte Stufe, denn diese knarzt immer sehr unangenehm. Als erstes geht Cassandra in das Schlafzimmer. Dort, zusammengesunken am Bettrand mit dem Rücken zur Tür, sitzt ihre Oma, in einem ihrer fließenden langen Kleider und mit ihrem typischen, langen, geflochtenen Zopf. Bereits an der Tür fängt Cassandra leise, aber nicht zu leise, zu sprechen an: »Ah, hier bist du? Hallo Omi.« Die alte Frau dreht sich langsam und mühselig um, mit rauer Stimme: »Cassunny, Schätzchen, du bist schon hier?« Auf ihrem Schoß liegt ein altes Fotoalbum, das sie mit schwachen Händen festhält. »Oh, was hast du denn da?« Cassandra geht auf das Bett zu und blickt auf die Fotos. Sie schluckt schwer.


Auf dem schwarz-weißen Schnappschuss auf der linken Seite ist eine junge Frau abgebildet, die Cassandra zum Verwechseln ähnlichsieht. Die unbekannte Frau steht in einem großen Sonnenblumenfeld. »Wer…wer ist das?« Sie blickt erwartungsvoll zu ihrer Großmutter und setzt sich neben sie auf die bunte Tagesdecke. »Oh, das, das ist meine kleine Schwester Lenora.«
»Lenora? Erzähl mir von ihr.«


»Lenora war, sie war wunderschön, sowohl innen wie außen. Sie hatte eine Energie in sich, die kaum zu beschreiben ist. Einmal, da waren wir in diesem Sonnenblumenfeld hinter unserem Haus. Dort verbrachten wir die warmen Sommernachmittage meistens, abends kamen wir oft mit vielen Blumenkränzen auf dem Kopf nach Hause. Aber an einem Tag … ich war vielleicht 15 und Lenora fast 14. An diesem Tag lagen wir nur zwischen den grünen Halmen und redeten, wir redeten so viel wie nie. Lenora erzählte mir von ihren Träumen. Sie wollte Malerin werden und nach Paris. Kunst liebte sie schon immer, genau wie du. Und dann fragte sie mich, ob es immer so zwischen uns sein wird, so leicht, so vertraut. Und ich, ich sagte ja, denn was hätte ich sonst sagen sollen; ich liebte sie, uns und unsere Nachmittage. Aber dann, ja 2 Jahre später, kam alles anders. Wir stritten viel, wenn wir nicht stritten, redeten wir kaum. Nach einem unserer Streits stürmte sie aus dem Haus und kurze Zeit danach kam der Anruf vom Krankenhaus. Meine Mutter und ich rasten zu ihr, doch es war zu spät und sie, sie war tot.« Die Großmutter wischte sich Tränen aus den Augen und schniefte. Cassandra hatte mittlerweile ihren Arm um sie gelegt und sie gehalten.  »Manchmal« redet Cassandras Oma weiter, »manchmal erinnerst du mich so sehr an sie.«  Sie streicht ihrer Enkelin eine Strähne hinter ihr rechtes Ohr. »Du bist ein Freigeist. Deine lockigen Haare sind genauso wild wie ihre. Und dein Lachen, vor allem in deinem Lachen sehe ich meine kleine Schwester weiterleben.«

Cassandra steht auf, gibt ihrer Oma einen Kuss auf den Scheitel und flüstert: »Warte kurz.« Einige Augenblicke später kommt sie zurück mit einem großen Strauß Sonnenblumen: »Lass uns Blumenkränze binden.«


Titelbild ©

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