Schreibwerkstatt: »Jahre später«

Schreibwerkstatt: »Jahre später«
Ein Text zum Thema »Lassen wir so« für die Printausgabe 39 der Lautschrift, verfasst im Rahmen der Schreibwerkstatt (Prof. Dr. Jürgen Deibel) an der Universität Regensburg.

Von Anna-Madlen Gurău

Herr Forstner sitzt am Küchentisch zum Frühstück. Drittes Stockwerk, Altbau aus 1971, Etagenheizung, warmweiße Wände. An einer Stelle bröckelt über dem Herd ein wenig Putz von der Decke.  Die Zeitung liegt lose gefaltet neben ihm, das Titelblatt schreit stumm nach seiner Aufmerksamkeit. Daneben läuft der Fernseher ohne Ton. Draußen regnet es in Zeitlupe. Mit dem Küchenmesser schneidet er sich wie jeden Morgen eine ungerade Scheibe dunkles Brot vom Laib und nimmt einen Schluck frisch gebrühten Filterkaffee dazu. 

Die Vergangenheit sagt: »Ich war schon immer hier.«

Die Zukunft: »Ich werde nicht mehr gehen.«

Dazwischen sitzt Herr Forstners Gegenwart auf einem wackeligen, knarzenden Küchenstuhl, sieht auf die Uhr, der Zeiger fast im Stillstand, und denkt sich »Na gut.« Es wiederholt sich nichts exakt, aber das meiste kommt zurück, wenn auch verkleidet. Das blaugraue Hemd ist neu, doch die Brille bleibt schief und die Zweifel dieselben. Er schmiert eine dünne Schicht Butter auf sein Brot. 13 verpasste Anrufe blinken auf dem schmalen Display seines Schnurtelefons, keiner davon wird heute noch beantwortet werden. Draußen zieht ein Mann mit Regenschirm rückwärts an der nassen Fensterscheibe vorbei. Herr Forstner blinzelt, dann nicht mehr. Einst war er jung, dann mehrmals enttäuscht und irgendwo dazwischen hat er es sich schließlich zufriedenstellend eingerichtet. Behaglich zwischen Tagesschau, Sonntagsspaziergang und Butter auf Schwarzbrot zum Frühstück.

Die Welt draußen wechselt gelegentlich den Ton, wie Herr Forstner den tonlosen Fernsehkanal, aber niemals das Thema. Große Koalitionen, größere Pläne. Neue Technik, alte Probleme. Immer mehr Auswahl, aber immer weniger Klarheit. Sein Enkel spricht immer von Klimazukunft und Systemwandel, von einer Welt, für die auch er selbst in seiner Jugend gekämpft hatte. Ölkrise, Anti-Atom-Demos und Mauern, die kamen und gingen. »Wird auch wieder anders«, sagt er inzwischen nur noch. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Routine.

Dahinter vielleicht auch etwas Hoffnung, dass es tatsächlich so passieren würde. Früher war nicht alles besser, denkt er sich, während er noch mehr Zucker in den bitteren, kalten Kaffee schüttet. Früher war nur alles früher, und später wird’s auch nicht schöner. Nur später. Es gäbe so viel zu tun, gab es schon immer. Aber nicht heute, denn heute muss er los. Er stellt seinen leeren Frühstücksteller in die volle Spüle, schüttet den Kaffeesatz darüber und schaltet das Licht aus. Schnell wirft er sich die Windjacke über und lässt die Haustür ins Schloss fallen.


Titelbild ©

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