Als Herr Gedanke Frau Gestalt annahm
Eines Tages fand Frau Gestalt einen Brief in ihrem Briefkasten vor. Wie immer konnte sie es kaum erwarten und wollte ihn aufreißen, doch dann las sie: an Herrn Prof. emerit. Dr. Dr. phil. Gedanken, Elfenbeinturm 1…. »Na, der Besuch kann ja heiter werden… « – Eine Kurzgeschichte.
von Franzi Leibl
Spontan machte sich Frau Gestalt auf den Weg zu dem mysteriösen Herrn, welcher dem Dorf im Tal nur selten die Ehre seiner Präsenz erwies. Zum Glück. Denn er galt als dort als alter, weißer Mann und Menschenhasser. Am Fuße des hohen Turms angekommen, läutete Frau Gestalt die altmodisch anmutende Glocke, rief »Poooooost« hinauf zu den verschlossenen Fenstern und stieg hurtig die endlos wirkende Wendeltreppe nach oben. Völlig außer Atem fand sie im obersten Stockwerk einen finsteren Raum vor, in dem seit Jahren nicht mehr geputzt und gelüftet worden sein musste. »Herr Gedanke? Sind Sie hier?« Sie hörte klirrendes Geschirr und das dumpfe Aufprallen von Büchern auf dem Boden.
»Moment, ich muss erst klaren Gedanken fassen!«, hustete eine aufgebrachte Männerstimme. Es folgte eine Tirade an lateinischen Begriffen, die Frau Gestalt nicht zuordnen konnte.
»Wie Sie meinen. Hier ist jedenfalls Ihr Brief, der war in meinem Briefkasten. Seltsam, ist der Post noch nie passiert. Wie auch immer: Schönes Wetter, nicht? Wissen Sie was: Ich zieh’ Ihnen mal die Rollläden nach oben, sonst bekommen Sie ja gar nichts davon mit!« –
»Wie, was?! Nein, junges Fräulein, unterstehen Sie sich!« –
Doch gesagt, getan fand die pragmatische Frau Gestalt einige Sekunden später einen von der Sonne geblendeten, kreidebleichen Herrn Gedanken in seinem Ohrensessel vor: »Um Gottes Willen, Herr Gedanke? Sind Sie das wirklich? Geht es Ihnen gut? Sie wirken so ausgezehrt… Ich erkenne Sie ja kaum wieder!« –
»Welch kläglicher Versuch eines wahren Gedankens, Fräulein Gestalt: ‚Dubito, ergo cogito. Cogito, ergo sum.’ Natürlich ‘bin’ ich und natürlich bin ich ‚ich’. Wenn ich Sie so höre, Frau Gestalt, so könnte man meinen, als wären Sie zum Umsorgen anderer Gestalten verurteilt. Ja, mir scheint sogar, als wären Sie zum Nachdenken über deren fortlaufende Zukunft verurteilt. Letztere ist wie eine Wolke, wie auch mein aktuelles Buch zeigen wird. Das sollten Sie lesen; das würde Ihrem Gedankengut gut tun. Jedenfalls: Die Zukunft – Eine Wolke, die ständig über uns schwebt: Denn immerzu zweifeln wir, tagtäglich denken wir über sie nach – oder denken wir vielmehr vor, schließlich ist sie ja noch nicht vorbei? – Wir wollen sie kontrollieren oder verdrängen, äußern ihr gegenüber Wünsche; tun alles oder nichts, damit sie unseren Vorstellungen entspricht – Doch, wozu das Ganze?« –
»Herr Gedanke, bei allem Respekt, mir scheint, als sollten Sie in Ihrem rauchenden Kopf mal kräftig durchlüften, sonst kriegen Sie mit ihren ganzen Gedankenstrichen noch die Dängste: Ängste, die eine Nebenwirkung des Szenario-Denkens sind. Eine berühmte Philosophin sagte einst: ,Das Schöne an der Zukunft ist doch, dass sie nicht feststeht und in alle Richtungen führen kann. Und das Beunruhigende an der Zukunft ist, dass sie nicht feststeht und in alle Richtungen führen kann.’ « Im selben Moment begann Frau Gestalt kopfschüttelnd zu kichern und schüttelte nebenbei ein verstaubtes Kissen aus.
Da sprang der zuvor noch so gebrechlich wirkende Körper des alten Herrn plötzlich auf und riss ihr wütend das Kissen aus der Hand: »Und Sie gestalten hier ein absurdes Theater, Fräulein. Kopfloses Gerede ist das. Wollen Sie mich damit in die Irre führen und auf den Arm nehmen? Nicht mit mir! Die angebliche Philosophin sind Sie selbst, ich bin doch nicht blöd. Nun geben Sie mir endlich den Brief und verschwinden Sie. Ich habe keine Zeit für Ihren unwissenschaftlichen Blödsinn. Ich muss weiter nachdenken.« –
»Entschuldigen Sie, Herr Gedanke, aber: Denken Sie nicht, Sie sollten allmählich das Leben nicht zu ernst und es stattdessen mehr in die Hand nehmen? Denn ist es nicht absurd, dass die Zukunft nicht fest steht und wir ihr ein ganzes Leben hinterherrennen?« –
»Fräulein Gestalt! Verstehen Sie unter ‚Leben’ also Hedonismus, ewigen Wettlauf, ideologisches Mitläufertum, Kopf-Durch-die-Wand-Mentalität und Perfektionismus? Das ist ja mal wieder typisch für ihre Generation und auch für diese bildungsferne Gesellschaft. Ich bin Idealist! Ich verharre in meinem still-promovierten Kopf und beteilige mich nicht an Ihrem kopflosen Aktionismus, Konsumismus und einem Aktivismus, bei dem sie sich vermutlich eines Tages um Kopf und Kragen reden werden.« –
»Werter Herr, habe ich richtig gehört? War da etwa eine Protesthaltung zu vernehmen? Da werden Sie mir ja glatt sympathisch! Schauen Sie: Unter Leben verstehe ich Bewegung. Daher engagiere ich mich auch in gesellschaftlichen Bewegungen!« Herr Gedanken hob eine Augenbraue und verschränkte laut ausatmend die Arme, während er die Augen verdrehte. »Kleiner Spaß. Unter ‚Bewegung’ verstehe ich unser Handeln. Selbst wenn sich dieses Handeln nur im kritischen Denken, taktischen Warten oder stillen Protest in Ihrem Elfenbeintum äußert – Die Zukunft lebt in und von Ihrem Tun. Sie lebt in allen Menschen und durch uns. Also auch durch Sie.« Herr Gedanke blickte sie mit schiefem Blick an, seufzte danach laut und setzte sich auf seinen Ohrensessel, während er seine Stirn in seine Hand legte.
»Das ist ja schön und gut, Fräulein Gestalt. Nur weshalb machen wir uns dann so viele Gedanken um die Zukunft, wenn sie doch schwerpunktmäßig durch unser Handeln gestaltet wird? Warum denkt unser Kopf autonom, wenn wir sein Denken laut Ihrer Theorie doch nicht bräuchten? Außerdem kenne ich keine Studie, die ihre These belegt.« –
»Ach, wissen Sie: Handeln geschieht nie ohne unseren Kopf, selbst wenn wir instinktiv handeln. Unser Kopf hat immer seine Finger im Spiel, wenn auch für uns nicht immer bewusst wahrnehmbar. Eine andere Behauptung wäre ignorant, da haben Sie recht. Klar ist: Wir leben in dem Glauben, dass die Zukunft uns doch bald zum Greifen nah sein würde; wir handeln in der Angst, dass sich alles gegen uns richten wird, wenn wir nicht das Richtige tun. Und wir leben in der Hoffnung und in dem Ansporn, dass sie sich endlich zu unserem Wohlsein erfüllt, sobald sie uns in einem Moment direkt vor der Nase schwebt.« –
»Fräu… Frau Gestalt: Ihre Erläuterungen nehmen für mich nun langsam Gestalt an. Meinen Respekt, dass sie ohne eines Studiums dazu imstande sind! Nun verstehe ich Ihre Pointe: Gewiss, wir werden die Zukunft einholen. Doch wenn wir sie einholen – so ist es bereits um uns geschehen.« –
»Bingo, Herr Gedanke. Sie dürfen natürlich gerne weiter vordenken und uns alle mit ihren Gedanken bereichern, indem Sie äußern, wie Sie als großer Denker als Nächstes vorgehen würden; welche Bedenken Sie haben; wie Sie Ihre Zukunft gerne haben würden. Handeln Sie so, wie Sie gerne hätten, dass Ihre Zukunft für Sie handeln würde! Denn vergessen Sie nie: Die Zukunft kommt! Nur eben sowieso anders, als Sie es sich je hätten vorstellen können.«
»Wie recht Sie doch haben! Und wie stickig es nun hier auf einmal ist. Ich gedenke, einen kleinen Ausflug raus aus meinen Elfenbeinturm zu tätigen – Würden… sagen Sie, würden Sie mir die Ehre erweisen, unsere kleine Unterredung fortzuführen und mich auf einen Spaziergang über das Tellerrand-Gebirge zu begleiten? Vielleicht könnten wir sogar die Zukunft gemeinsam denken und gestalt…?«
Noch bevor Herr Gedanke seinen Gedanken vollenden konnte, nahm Frau Gestalt ihn bei der Hand und zog ihn nach draußen in die weite Welt. Auf dem Weg nach unten stutzten beide: Die Treppen, die Herrn Gedanken bisher von der Welt – und damit auch von Frau Gestalt trennten – führten gar nicht so weit nach oben, wie sie zuvor noch gedacht hatten – ja, sie lagen näher beinander, als sie es je gedacht hätten.
So waren sie von diesem Tag an nur selten voneinander getrennt, denn sie profitierten von dem regen Gedankenaustausch und gestalteten jeden morgigen Tag, als sei es ihr letzter gewesen.
Titelbild: © Franzi Leibl
Kolumnenleitung von »Krea:tief« – Studentin der Französischen Philologie, Geschichte und Philosophie/Ethik
