Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn?
Wir können alles sein – und wissen trotzdem oft nicht, wer wir wirklich sind. Warum zweifeln wir so oft an einem Leben, das eigentlich gut ist? Und warum fehlt uns ständig etwas, um wirklich glücklich zu sein?

Von Julia C. Albrecht

Die Welt steht uns offen.

Eigentlich können wir alles tun. Und trotzdem fühlt es sich häufig so an, als würden wir feststecken. In einem Alltag, einem Leben, das sich nicht richtig anfühlt. Das nicht das unsere ist. Zumindest nicht wirklich.

Vielleicht wären wir gerade lieber woanders. Vielleicht denken wir uns, wir hätten uns damals für einen anderen Job entscheiden sollen. Eine andere Ausbildung, ein anderes Studium. Vielleicht wären wir auch lieber gereist, hätten ein Gap Year oder einfach mal Pause gemacht. Wie würde unser Leben dann heute aussehen?

Da gibt es so viele Vielleichts.

So viele Möglichkeiten in dieser Welt. Das ist nicht nur befreiend, sondern kann auch überfordernd sein. Wenn alles möglich ist, erscheint es fahrlässig, nicht das Beste aus allem herauszuholen. Und genau darin liegt die Falle: In dem ständigen Gefühl, etwas zu verpassen. Uns falsch entschieden zu haben. Nicht genug gelebt zu haben.

Gefangen in existenzieller Unzufriedenheit

Vielleicht sehnen wir uns nach einem Leben, das besser ist. Nicht, weil unseres schlecht ist. Sondern weil es immer ein besser gibt. Wir wollen ein Leben führen, das wirklich zu uns passt. Und wir haben Fernweh. Nach einem Ich, das wir in einer anderen Welt sein könnten. Nach einer Version von uns, die irgendwo zwischen Ideal und Illusion liegt. Ein Leben, das zu weit entfernt scheint, als dass wir es ergreifen könnten.

Aber ist das wirklich so? Oder ist unser Fernweh vielleicht auch ein Fluchtversuch vor uns selbst?

Weil wir immer mehr sein wollen, mehr schaffen wollen, mehr erleben wollen – statt mit dem zufrieden zu sein, was ist. Statt mal innezuhalten und zu spüren, dass wir vielleicht gar nicht woanders hinmüssen, um bei uns selbst anzukommen.

Ständig suchen wir nach Glück, doch wenn wir es dann finden, sind wir noch lange nicht zufrieden. Es reicht nicht. Noch nicht. Nicht wirklich. Wir könnten doch noch erfolgreicher sein. Noch mehr leisten. Noch produktiver sein. Noch bessere Noten schreiben, noch mehr Geld verdienen. Wir könnten liebevoller sein, geduldiger, verständnisvoller. Bessere Partnerpersonen. Bessere Freund:innen. Menschen, auf die man stolz ist – und zwar wirklich stolz.

Zwischen Freiheit und Überforderung

Da ist dieser ständige Druck, etwas zu optimieren, zu verbessern, zu übertreffen – auch das eigene Glück. Und so hetzen wir durch ein Leben voller Ziele, nur um am Ende oft das Gefühl zu haben, dass etwas fehlt.

Wir leben in einer Zeit, in der Selbstverwirklichung fast zur Pflicht geworden ist. Die Möglichkeiten, die wir haben, sind ein Geschenk – und gleichzeitig eine Last. Denn mit jeder Entscheidung schließen wir unzählige andere aus. Und mit jedem Vergleich zu anderen – auf Social Media, im Freundeskreis oder im Kopf – wächst der Druck, das vermeintlich perfekte Leben zu führen.

Das liegt nicht nur an den Erwartungen, die wir an uns selbst stellen. Sondern auch an denen, die andere womöglich an uns richten. Oder an denen, die wir glauben, dass sie sie an uns stellen. Und so fangen wir an, uns anzupassen. Uns zurechtzulegen. Funktionstüchtig zu bleiben. Still zu halten. Und verlieren dabei manchmal den Kontakt zu dem, was wir wirklich wollen. Zu unseren Träumen. Unseren Sehnsüchten. Dem, was uns als Person ausmacht.

Fazit

Es gibt nicht das eine perfekte Leben.

Es gibt viele mögliche gute Wege – und jeder davon kann richtig sein. Vielleicht ist es nicht nötig, alles umzustoßen. Vielleicht reicht es schon, einen kleinen Schritt zu gehen. Einen Gedanken ernst zu nehmen. Einen Wunsch zuzulassen. Und sich selbst wieder ein Stück näher zu kommen.

Wir müssen nicht immer mehr sein. Aber wir dürfen wir selbst sein.

Und vielleicht beginnt das Leben, das sich nach uns anfühlt, genau hier: In dem Moment, in dem wir aufhören, uns ständig zu fragen, wo wir stattdessen sein könnten – und anfangen zu spüren, wo wir wirklich hinwollen.

Beitragsbild © Julia C. Albrecht

Für Interessierte:

https://www.goethe.de/prj/jad/de/the/man/22342499.html

https://www.aok.de/pk/magazin/wohlbefinden/selbstbewusstsein/das-deutet-auf-selbstoptimierungswahn-hin-und-diese-folgen-hat-er

https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/glueck/index.html

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert