Wir selbst in der Einkaufstüte: Wie Besitz unser Selbstbild prägt

Wir selbst in der Einkaufstüte: Wie Besitz unser Selbstbild prägt
In der heutigen Konsumgesellschaft erfüllt unser Besitz weit mehr als reinen praktischen Zweck. Er spiegelt in Teilen unsere Identität wider, dient der Selbstverwirklichung und dem Eindruck. Doch warum ist Menschen ihr Hab und Gut so wichtig? Die Antwort darauf liegt nicht nur im Marketing, sondern auch in der psychologischen Verbindung zwischen dem, was wir besitzen, und dem, was wir sind oder sein wollen.

Von Anna König

Theorie: Besitz und das Erweiterte Selbst

Eine der vielen Erklärungsansätze ist die 1988 veröffentlichte Theorie des erweiterten Selbst. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Rusell W. Belk versucht zu erklären, warum wir bestimmte Besitztümer und Menschen unbewusst oder bewusst, absichtlich oder unabsichtlich als Teil von uns ansehen. Unser Besitz soll unsere Identität über unseren Geist und Körper hinaus erweitern. Laut Belk wird die Verbindung besonders stark, wenn wir einen Teil von uns selbst in ein Objekt investieren. Damit kann das Reparieren eines gebrauchten Stuhls genauso wie das Auffädeln dutzender Perlen für ein Armband oder die sorgfältige und zeitintensive Auswahl des perfekten Geschirrsets gemeint sein. Geht so ein Gegenstand verloren oder wird er beschädigt, kann sich das wie eine Verletzung des Selbst anfühlen. Im Extremfall kann sogar eine emotionale Trauerreaktion ausgelöst werden. Es ist also nicht nur das Objekt, das zerbrechen könnte, sondern ein Stück unserer eigenen Identität und Geschichte.

Besitz als Botschaft

Genauso, wie wir in Gesprächen nicht nicht kommunizieren können, hat unser tägliches Konsumverhalten auch Wirkung auf die Außenwelt. Unterstützt wird das durch Werbung, die suggeriert, dass man mit dem Kauf des Produkts auch eine Vielzahl an Charaktereigenschaften und Fähigkeiten in der Einkaufstüte nach Hause trägt. Kaufen wir in Luxus-Boutiquen ein, wirken wir wohlhabend, vielleicht sogar elitär. Besteht unser Kleiderschrank aus Funktionskleidung, gelten wir schnell als praktisch denkende Naturliebhaber. Und wer das Wohnzimmer mit Gemälden und Bücherregalen füllt, sendet das Signal von Bildung und Kultiviertheit.

Mit diesem Schubladendenken vereinfacht sich das Gehirn unsere komplexe Welt und versucht, unsere Gegenüber hinsichtlich der Interessen und Werte einzuordnen. Dass dabei wichtige Informationen unbeachtet bleiben und Stereotype genährt werden, nimmt es zugunsten der Vereinfachung in Kauf.

Ich kaufe also bin ich

Zunächst ist diese Identitätserweiterung weder falsch noch verwerflich. Im Gegenteil, es kann helfen, Gleichgesinnte zu finden, unsere Persönlichkeit auszudrücken oder uns selbst besser zu verstehen. Doch was passiert mit unserer Identität, wenn sie ohne diese Sichtbarkeit nicht mehr echt scheint? Wenn wir nicht mehr kaufen, was wir benötigen oder mögen, sondern das, was wir sein wollen? Diesen Eindruck hat man besonders in der Welt der Selbstinszenierung auf Social-Media, in der jeder Gegenstand zum Mini-Persönlichkeitstest werden kann. Bist du eher Scandi-clean oder New-York-Downtown? Artsy oder funktional?

Diese Selbstdarstellung per se ist nicht das Problem, sondern die Gefahr, dass das Selbstbild dadurch instabiler werden kann. Denn je stärker wir uns mit unserem Besitz identifizieren, desto anfälliger ist das Selbstbild für äußere Einflüsse wie Verlust, Bewertungen oder Trends. Spätestens wenn Druck besteht, sich selbst zu inszenieren oder man dafür hohe Ausgaben in Kauf nimmt, sollte man sein Konsumverhalten überdenken.

Gegenbewegung: Minimalismus und Deinfluencing

Als Reaktion auf diese Entwicklung bilden sich Gegenbewegungen wie Minimalismus oder De-influencing. Sie setzen Fokus auf Reduktion, Achtsamkeit und Konsumverzicht. Anstatt sich damit zu beschäftigen, was man für sein Selbstbild kaufen muss, hat man mehr Raum für wahre Selbstakzeptanz. Es ist aber schwer, gelernte Verhaltensmuster zu durchbrechen und tatsächlich kann bloße Achtsamkeit das Konsumverhalten nicht verändern. Trotzdem ist es wichtig, sich bewusst zu machen, aus welchen Gründen man etwas Neues kaufen möchte und zu überlegen, ob man es denn auch wirklich braucht. Damit kann man nicht nur der Psyche, sondern auch der Umwelt einen Gefallen tun.

Fazit

Die Art und Weise, wie sich Menschen durch Gegenstände ausdrücken und identifizieren, ist vor allem eins: menschlich. Sie kann sogar sehr inspirierend, künstlerisch und schön sein. Identität und Selbstbild sollten aber dennoch kein Projekt sein, das man rein aus materiellen Bausteinen zusammensetzt, sondern etwas, das auch dann noch bestehen bleibt, wenn sich beim Lieblingspaar Schuhe allmählich die Sohle löst.


Beitragsbild | ©Anna König

Belk, R. W. (1988). Possessions and the extended self. Journal of consumer research, 15(2), 139-168.

Macht Achtsamkeit nachhaltiger? https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/39728-macht-achtsamkeit-nachhaltiger.html (zuletzt aufgerufen am 06. Juli 2025)

Watson, David C. 2014 A model of the materialistic self. The Free Library (March, 1), https://www.thefreelibrary.com/A+model+of+the+materialistic+self.-a0362853584?utm_source=chatgpt.com (zuletzt aufgerufen am 06. Juli 2025)

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