Lack, Leder, Antikapitalismus: Hatari aus Island

Was kommt heraus, wenn man Kapitalismuskritik und Industrial Techno mit der Ästhetik des BDSM mischt? Das isländische Trio Hatari. Die Musik: Ein andauernder Kampf zwischen Aggressivität und Passivität, Maskulinität und Femininität, und das lyrische Ringen der Misanthropie mit der Empathie um den Sieg. Musik, die der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts den Spiegel vorhält.

von Celina Ford

Der Eurovision Song Contest als Politikum

Der Hass wird siegen / Die Liebe wird sterben / Der Hass wird siegen / Die Freude kommt zu Ende / Weil sie Betrug ist / Eine verräterische Illusion. So die letzten Zeilen des Liedes »Hatrið mun sigra« in deutscher Übersetzung. Diese düstere Bestandsaufnahme war Islands Beitrag im Eurovision Song Contest 2019. Der Song war jedoch nicht nur ein drastisches Gegenstück zu den Beiträgen der anderen TeilnehmerInnen. Solch eine Nachricht hatte es in der langen Geschichte des ESC noch nie gegeben. Der ESC, der nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Art musikalisches Friedensprojekt gegründet wurde, versteht sich als apolitisches und positives Familienevent. Normalerweise werden Themen wie Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und Einigkeit besungen. Davon ist in keiner einzigen Zeile in »Hatrið mun sigra« zu hören. Natürlich sind Hatari (dt. »Hasser«) nicht die ersten, die eine politische Dimension im Wettbewerb eröffnen wollten. Auch zuvor gab es immer wieder vereinzelt Beiträge, die entweder durch die Person, die zum Wettbewerb geschickt wurde, oder durch subtile Anspielungen im Song mit dem Selbstverständnis des ESC, nämlich eine apolitische Veranstaltung zu sein, brechen wollten. Bisher hat es jedoch noch nie jemand so klar, offensichtlich und mutig wie Hatari getan.

Im Medienzirkus, der den ESC umgab, wurde die Band immer wieder gefragt, ob der Song ihre Wunschvorstellung für Europa sei. Das verneinte die Band stets vehement. »Hatrið mun sigra« (dt. »Hass wird siegen«) sei eine Dystopie, eine Warnung. Gehe es mit dem Populismus, dem Kapitalismus und der Umweltzerstörung jedoch so weiter, werde das irgendwann Realität.

Hatari bei der Punktevergabe. © Euronews

Das weitaus größere Politikum war der Austragungsort des letztjährigen Wettbewerbs. Da die Siegerin des Jahres 2018, Netta, aus Israel kam, wurde der ESC 2019 in Tel Aviv abgehalten. Bereits im Vorfeld gab es in Island Diskussionen darüber, ob man den Wettbewerb wegen des Umgangs Israels mit Palästina nicht ganz boykottieren und niemanden ins Rennen schicken sollte. Dieser Auffassung waren Hatari anfangs auch.

Schließlich kamen die drei Musiker zu dem Schluss, dass man nur Kritik üben kann, wenn man Teil des Wettbewerbs ist und die Aufmerksamkeit der Medien auf seiner Seite hat. In Tel Aviv angekommen, verwirrten Hatari JournalistInnen mit perfekt abgesprochenen Antworten, Slogans und Ansichten und ließen immer wieder Kritik an Israel durchblitzen. Mit einer von der Band für den ESC gegründeten satirischen Musiknachrichtenplattform, erdachten Sponsoren wie »Soda Dream« und einer angeblich alles lenkenden Firma, die Hatari Anweisungen gebe, trieben es die Isländer auf die Spitze der Satirekunst. Und zwar so gut, dass man oftmals nur schwer zwischen Wahrheit und Spaß unterscheiden konnte. Da das den Veranstaltern jedoch entschieden zu weit ging, wurde die Band gewarnt, sich an die apolitischen Regeln zu halten. Hatari gingen daraufhin etwas in Deckung, um ihre Teilnahme nicht zu gefährden. Bei der Punktevergabe im Finale des Wettbewerbs, bei der Hatari den zehnten Platz belegten, brach aber die Hölle los. Die Band und ihre TänzerInnen hielten Banner mit der Flagge Palästinas in die Kameras. Für diese Aktion wurde über den isländischen Rundfunksender RÚV eine Geldstrafe verhängt und auch kurz der Ausschluss Islands vom ESC diskutiert. Hatari schafften es, das umzusetzen, wofür sie gekommen waren: Die Gier der Medien nach einer guten Story auszunutzen, diese mit ihren antikapitalistischen Ansichten zu verwirren und auf die höchst komplizierte und angespannte Beziehung zwischen Israel und Palästina in einem weltweit ausgestrahlten Gesangswettbewerb aufmerksam zu machen.

BDSM als politische Ausdrucksform

Klemens Nikulásson Hannigan, Einar Hrafn Stefánsson und Matthías Tryggvi Haraldsson. © Kaltblut Magazine

Hatari sind jedoch keine für den ESC von der isländischen Musikjury zusammengewürfelte Truppe. Die Band gründete sich bereits 2015 in Reykjavík. Die beiden Cousins Matthías Tryggvi Haraldsson und Klemens Nikulásson Hannigan übernehmen den Gesang, während Einar Hrafn Stefánsson (ebenfalls ein Mitglied der Band Vök) hinter den Drums sitzt.

Zu Beginn ihrer Karriere sorgte das Trio in der isländischen Underground-Szene mit ihren Auftritten für Aufregung und konnte Preise bei den Iceland Music Awards und den Grapevine Music Awards gewinnen. Auch traten sie beim ehrwürdigen Iceland Airwaves Festival auf. Der Grund für den schnellen Erfolg: Hatari sind mehr als »nur« eine Band. Sie sind ein Multimediaprojekt, bei dem die Aspekte visuelle Gestaltung, Tanz und Musik gleichberechtigte Teile sind. Hatari selbst beschreiben sich als »preisgekrönte, antikapitalistische, BDSM-TechnoPerformance Band«. Dabei ist das Image mindestens genauso wichtig wie die Musik der Isländer.

In den Gründungstagen noch mit faschistoiden Anzügen und Stiefeln bekleidet, fanden sie ihre wahre Identität und Ausdrucksform in der Ästhetik des BDSM. Die für den BDSM (Bondage & Discipline, Domination & Submission, Sadomasochism & Masochism) typischen Materialien, Leder und Lack, werden von allen drei Mitgliedern en masse getragen. Geschirre, Lackshirts und Ketten werden nach Lust und Laune miteinander kombiniert. Markenzeichen des Drummers Stefánsson ist eine Maske mit Spikes, die nicht nur an eine BDSM-Maske erinnert, sondern auch an Cyberpunk, eine Ästhetik, die ebenfalls ein Teil des Images ist. Doch wozu das Ganze? Um zu schocken, aus der Masse herauszustechen? Nein. Der Look hat, wie alles bei Hatari, Hand und Fuß. Die Idee ist mit der Kritik am Kapitalismus fest verwoben. So wie der Kapitalismus Freiheiten gibt, schränkt er auch ungemein ein. Gleiches gilt für BDSM: Individualistische Selbstexpression verbunden mit Einschränkung in Form von Fesseln und Ketten.

Techno, Industrial, Punk und Poesie

Die Musik ist, wie eingangs beschrieben, ein ständiges Hin- und Her zwischen Extremen. Haraldsson und Hannigan teilen sich den Gesang. Dabei verkörpert Haraldsson den aggressiven, restriktiven und hypermännlichen Part mit verzerrten, schroffen Vocals und Hannigan den melodischen, gender-fluiden und harmonischen Teil. Das zeigt sich auch in den Texten: Hasserfüllte, misanthropische Lyrics werden generell von Haraldsson gesungen, der emphatische Gegenpart hingegen von Hannigan. An der Musik sind jedoch alle drei beteiligt, die ebenfalls immer eine Gratwanderung zwischen Industrial, Techno, Digital Hardcore und Synthiepop ist. Einflüsse für den Minimalismus in den Arrangements und den ungewöhnlichen Synthesizereinsatz sind laut der Band Gruppen wie Laibach, Peaches, Rammstein und KMFDM.

Unterdrückung, Uneinigkeit, Dystopien und Hoffnungslosigkeit sind nicht nur für »Hatrið mun sigra« beschreibend, sondern sind durchgängige Themen in Hataris Musik. In »Ódýr« (dt. »Günstig«) heißt es: Die Jahre rinnen dir davon wie Brotkrümel, die in den Abfalleimer fallen / Sie sammeln sich an auf einem Haufen zerbrochener Träume / Du blickst zurück und fragst dich: Warum verkaufte ich mich nur / Nicht für mehr. Antikapitalismus in seiner bedrückendsten Form.

»Europe Will Crumble«

Anfang des Jahres veröffentlichte die Band nach einer Reihe von EPs und Singles ihr Debütalbum »Neyslutrans« (dt. »Konsumententrance«), das von der »Europe Will Crumble« Tour quer durch Europa begleitet wird. Titel wie das Eröffnungsstück »Engin Miskunn« (dt. »Keine Gnade«), »Spillingardans<< (dt. »Korruptionstanz«) oder »Niðurlút« (dt. »Gedemütigt«) machen klar, worum es Hatari geht. Besonders erfreulich: Eine musikalische Weiterentwicklung der Band ist definitiv zu hören. Da wären die beiden Interludes »Spectavisti Me Mori, Op. 8« (der Übergang zu »14 Ár« ist ein Highlight des Albums) und »Numquam Iterum, Op. 12«, die stark in den Bereich der Klassik eindringen. »Helvíti« (dt. »Hölle«) ist eine Kollaboration mit dem isländischen Rapper Svarti Laxness. »Klefi/Samed (صامد)« (dt. »Kammer«) ist eine bereits kurz nach dem ESC 2019 erschienene Single mit dem palästinensischen Künstler Bashar Murad und einer der härtesten Tracks auf dem Album.

Das Album ist eine Art Begleitstück zu der EP »Neysluvara« (dt. >>Konsumprodukt<<), die 2017 erschienen ist. Dabei verkörpern die Präfixe Konsumenten und Konsum das gesamte Konzept Hataris perfekt: Das System kritisieren und unterwandern, indem man Teil des Systems ist. Die innovativen Musikvideos, düsteren Lyrics (die man jedoch leider nachschlagen muss, außer man ist des Isländischen mächtig), eine aufsehenerregende Ästhetik und eine wichtige Message, nämlich der kapitalistisch-populistische Abgrund, auf den die Welt zusteuert, sind Grund genug, Hatari ein Ohr zu leihen und der Absurdität des 21. Jahrhunderts ins Gesicht zu blicken.


Titelbild: © The Reykjavík Grapevine

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