Buchrezension: »Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte« von Bartholomäus Grill

Deutschland und der Kolonialismus – das waren doch nur kurzzeitige Safari-Abenteuer in Afrika und der Südsee, die wahren Imperialisten waren ja die Franzosen und die Briten. Oder? Bartholomäus Grill gibt in seinem 2019 erschienenen Buch Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte nicht nur einen Einblick in ein weiteres düsteres Kapitel der deutschen Geschichte, sondern schildert auch anschaulich dessen Spätfolgen bis heute. Eine Rezension über ein Werk, das aufgrund der erschreckenden Aktualität seines Themas lesenswert ist.

Von Maximilian Michel

Vor knapp 100 Jahren verlor das Deutsche Reich infolge des Ersten Weltkriegs und des Versailler Vertrags 1919 all seine Kolonien. Im Gegensatz zu den klassischen Kolonialmächten, die ihre außereuropäischen Besitzungen teils erst in den 60er Jahren aufgeben mussten, verbindet man Deutschland daher auch heute weniger mit kolonialem Eroberungswahn. Dazu kommt noch die Omnipräsenz des Holocausts in der deutschen Erinnerungskultur. Dass das Deutsche Reich lange Zeit nach den Briten und Franzosen die drittgrößte Kolonialmacht war, die ihre sogenannten »Schutzgebiete« mit rassistisch legitimierter Gewalt beherrschte, geht deswegen häufig unter. 

In diese Lücke schlägt das neueste Buch des Journalisten Bartholomäus Grill Wir Herrenmenschen, mit dem er versucht, die deutsche Öffentlichkeit für Geschichte und Auswirkungen des Kolonialismus bis heute zu sensibilisieren. Die »Schutzgebiete« waren eben keine exotischen Orte der Selbstfindung, in denen weiße Kolonialisten der einheimischen Bevölkerung Zivilisation und Kultur nahebrachten, sondern Gewalträume, in denen Tod, Folter und Vergewaltigungen an der Tagesordnung waren.

Ein Sachbuch, angereichert mit Reportagen und persönlichen Erfahrungen

Was das Buch ausmacht, ist der stetige Wechsel zwischen historischen Abrissen zur Kolonialgeschichte und reportagenartigen Berichten, bei denen der Autor aus dem reichen Erfahrungsschatz seiner Zeit als jahrzehntelanger Afrika-Korrespondent der ZEIT und dem Spiegel schöpfen kann. Schwierig ist dabei, dass kaum mehr Zeitzeugen am Leben waren, von denen man Informationen aus erster Hand über die Kolonialzeit bekommen könnte – aber das ist auch gar nicht Grills Anspruch: Vielmehr will er die Stimmen der Nachkommen der Koloniebewohner zu Wort kommen lassen, um die auch heute noch beobachtbare Präsenz der deutschen Herrschaft aufzuzeigen, ob nun im Landschaftsbild oder den Köpfen der Bevölkerung. Er stellt bereits am Anfang klar, dass er nicht schon wieder ein weißer Europäer sein will, der ein eurozentrisch geprägtes Buch über die Kolonialzeit schreiben will. Das gelingt ihm auch meistens. Die historischen Abrisse bleiben an manchen Stellen etwas oberflächlich, aber durch die eindrücklich geschilderten Erfahrungsberichte des Autors bekommt das Buch einen ganz eigene Note. Journalistisch geschult, weiß Grill schließlich auch um die Wichtigkeit eine flüssigen Schreibe und einer anschaulichen Sprache. Sein Schreibstil ist ungezwungen, er verzichtet weitestgehend auf Bandwurmsätze und macht das Buch so zu einer angenehmen Lektüre. Zahlreiche Abbildungen, die teils aus dem Privatarchiv des Autors stammen, untermalen die Schilderungen des Autors.

Die Kapitel des Buchs orientieren sich mehr oder weniger an den verschiedenen Kolonien, zwischendrin werden kontroverse oder besonders prägnante Themen extra behandelt. Dabei wird auch immer wieder deutlich, wie unterschiedlich die deutsche Herrschaft in den Kolonien ausfiel: In Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) gipfelte die massenhafte Ansiedlung von Deutschen im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, während zum Beispiel in Kaiser-Wilhelm-Land (heute Papua-Neuguinea) im Pazifik 80% der Einwohner auch nach Jahrzehnten deutscher Herrschaft noch nicht einen einzigen Weißen zu Gesicht bekommen hatten. Auch wenn die geschichtlichen Abschnitte an manchen Stellen etwas oberflächlich bleiben, sind sie prägnant geschrieben und zeigen die wichtigsten Entwicklungen auf. So behandelt der Autor die zentralen Akteure des Kolonialismus, seien’s Militärs, Kaufleute oder Missionare, beschreibt die verzerrte deutsche Sichtweise auf die Verwaltung der »Schutzgebiete« durch deutsche »Schutztruppen« und zeichnet die Methoden der Landaneignung nach, die meist auf Erpressung oder gewaltsamer Unterwerfung beruhten. Besonders wichtigen Einzelpersonen wird wegen ihres Beispielcharakters für den deutschen Kolonialismus eine längere Beschreibung gewidmet, etwa dem sadistischen Gouverneur von Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) Carl Peters oder dem findigen Afrika-Kaufmann Adolph Woermann – dessen Handelsimperium heute den Namen C. Woermann GmbH & Co. KG trägt und immer noch mehrere Niederlassungen in Afrika hat. 

Am letzten Beispiel sieht man, wie Grill immer wieder die koloniale Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen weiß. Das koloniale Erbe zeigt sich immer noch in den Kolonien, mal mehr, mal weniger offensichtlich: Auf seinen Reisen konnte der Autor die zahlreichen Schulen, Krankenhäuser und Gouverneurswillen besichtigen, die nach 1919 weiterverwendet wurden. Besonders makaber fallen dabei die Soldatenfriedhöfe aus, auf denen deutsche Kämpfer beerdigt sind, die teilweise an Massakern an der Zivilbevölkerung beteiligt waren. Auch gesellschaftlich hat der Kolonialismus Spuren hinterlassen, vor allem in Namibia: Die Interviews, die Grill mit deutschstämmigen Bewohnern Namibias, die sich häufig immer noch als »Südwester« verstehen und dementsprechend immer die Kolonialhymne »In Treue fest, Südwest« singen, offenbaren einen tiefsitzenden Rassismus, der die namibische Gesellschaft immer noch spaltet. Generell greift Grill immer wieder auf Erfahrungsberichte seiner Reisen und Interviewauszüge mit Ansässigen zurück, um deren Sichtweise auf die koloniale Vergangenheit und ihre Auswirkungen bis heute zu verstehen.

Koloniale Spuren sind auch heute noch zu finden

Besonders eindrücklich schildert Grill das Anliegen von Isaria Meli, der sich auf die Suche nach dem Schädel seines Großvaters Manga Meli machte, der höchstwahrscheinlich von den Deutschen nach der Hinrichtung Melis als »Jagdtrophäe« und zu »wissenschaftlichen Zwecken« nach Europa verschleppt wurde. Grill hat Isaria Meli bei seiner Suche in Deutschland unterstützt und sich dabei durch den Bürokratiedschungel geschlagen, der das Auffinden oder gar die Rückgabe des Schädels kaum möglich macht. Auch in Deutschland fielen dem Autor dabei zahlreiche, mehr oder weniger offensichtliche Erinnerungen an den Kolonialismus auf, die die Zeit allerdings eher verharmlosend darstellten oder schlicht ausklammerten: Reliefs von Kolonialsoldaten, in deren Gefolge sich vermeintlich treue einheimische Hilfssoldaten (Askari) befanden, das Afrika-Haus, dem Hauptsitz der C. Woermann GmbH & Co. KG, dessen Räumlichkeiten mit seinen Karten, Gemälden und afrikanischen Objekten wie ein Kolonialmuseum wirkten, oder auch nur Namensgebungen wie bei der Lettow-von-Vorbeck-Kaserne, benannt nach dem General Paul von Lettow-Vorbeck, dessen Vernichtungskrieg in Deutsch-Ostafrika zwischen 1914 und 1918 hunderttausenden Zivilisten das Leben kostete. Immer wieder kommt Grill auf den Identitätsraub zurück, den die Deutschen durch das massenhafte Exportieren von afrikanischen Kulturgütern an den Tag gelegt haben und der immer wieder zu Kontroversen führt. Soll man mit der Rückführung der kolonialen Raubgüter beginnen? Und wenn ja, wie und an wen? Aber auch interessante Fakten und Anekdoten lassen in der Gegenwart die koloniale Vergangenheit erkennen: Der Name der Supermarktkette EDEKA leitet sich zum Beispiel von der Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler (abgekürzt E. d. K.) ab, und in der Ex-Kolonie Tsingtao in Nordostchina gibt es heute eine global tätige Brauerei, die auf die deutsche Brauerei Germania zurückgeht.

In einem abschließenden Kapitel übt der Autor nochmals harte Kritik an dem neokolonialen Habitus der Europäer, deren Darstellungen Afrikas und der deutschen Kolonien die altbekannten Klischees und Stereotypen weiter verfestigt. Auch, wenn es eigentlich gut gemeint sei, wie etwa die Bilder von Hilfsorganisationen, die auf Fotos das Klischee des abgemagerten »afrikanischen« Kindes bedienen, um Spenden zu sammeln. 

Stolperstein Namibia

Die Schwachstelle des Buchs ist leider ausgerechnet das Kapitel zur dunkelsten Episode des deutschen Kolonialismus: dem Völkermord an den Herero und Nama in Namibia 1904, als deutsche Soldaten zehntausende Einheimische in die Wüste trieben und verdursteten ließen. Obwohl der Autor die deutschen Herrschaftsmethoden sonst immer scharf kritisiert, stellt er hier gegen die vorherrschende Forschermeinung die Bezeichnung »Völkermords« infrage. Das Problem dabei ist, dass er seine Argumente weitgehend auf Interviews mit einem reaktionären und kolonialismusverteidigenden deutschstämmigen Siedler aus Namibia aufbaut, der die Darstellung des Völkermords als »Geschichtsklitterei« bezeichnet und sie als persönlichen Angriff auf sich und seine Vorfahren sieht. Auch wenn Grill betont, dass er nicht die Grausamkeit der Ereignisse bestreiten will, sondern nur den Begriff »Völkermord« infrage stellen, bleibt doch ein schaler Geschmack zurück. Er gerät hier auch relativ schnell in die Defensive und versucht ausgiebig, seinen Standpunkt, die er bereits in einem umstrittenen Spiegel-Artikel dargelegt hatte, zu rechtfertigen. Weniger Rechtfertigungsversuche bzw. eine etwas moderatere Haltung hätten es hier auch getan, vor allem wenn man sieht, wie Grills sonstige Einstellung ist. Dem Autor Geschichtsvergessenheit vorzuwerfen, wäre aber zu viel, vor allem da er sich auch der Tatsache bewusst ist, dass eine eigenwillige Interpretation seiner Thesen leider auch bei Rechtsextremen und Kolonialromantikern auf der ganzen Welt Anklang findet.

Fazit

Das Buch ist insgesamt eine hervorragende Lektüre, die den Fokus nicht auf die geschichtlichen Ereignisse, sondern eben auf die noch heute spür- und sichtbaren Auswirkungen des Kolonialismus legt. Häufig ist uns gar nicht bewusst, wie sehr uns koloniale Denkmuster immer noch gefangen halten und wir eine verzerrte Sicht auf historische Ereignisse haben, die in anderen Teilen der Welt zu geführt haben und immer noch führen. Der flüssige Schreibstil und die erfrischenden Reportagen zwischendrin geben dem Buch eine angenehme Frische und Leichtigkeit, man möchte es kaum noch aus der Hand legen. Dass das Deutsche Reich auch Besitzungen im Pazifikraum und in China hatte, geht leider etwas unter, ist aber angesichts der Vita des Autors und der Vorrangstellung der afrikanischen Kolonien. 

Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen will, findet am Ende des Buchs noch eine Literaturliste mit zahlreichen Werken. Karten auf beiden Coverinnenseiten runden das Werk ab und helfen einem bei der Orientierung.

Bartholomäus Grill (2019): Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte. München: Siedler Verlag. 299 Seiten, 24 Abbildungen.



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