Kreatives aus der Schreibwerkstatt

Wer die neue Ausgabe der Lautschrift schon in den Händen hatte, dem ist sicher aufgefallen, dass wir auch dieses Semester wieder die Schreibwerkstatt der Uni Regensburg mit dabei haben. Da wir im Heft leider nur Platz für einen dieser kreativen und sprachgewaltigen Texte hatten, wollen wir hier noch drei weiteren Autorinnen eine Plattform für ihre Werke geben.

 

Falsch Verbunden

von Coralie Baier

 

»Detlev Heinz?«

»Äh, bin ich hier richtig beim Deutschland-TV Kundenservice?«

»Nee … hier sin’ Se bei Heinz. Detlev Heinz. Jetz’ ham’ Se mich aber grade noch so erwischt. Wollt’ mich grad’ verpissen von hier.«

»Oh, dann muss ich mich wohl verwählt haben. Entschuldigen Sie. Tschüss.«

»Nee nee, warten Se mal, warten Se mal. Das is’ ja ’nen wirklicher Zufall, dass Se da bei mir rauskomm’. Deutschland-TV hatt’ ich nämlich auch mal. Hab’ ich aber gekündigt.«

»Äh …Ja, das sind Halsabschneider, finde ich. Banditen. Die haben mir so einen Vertrag aufgehalst, aus dem ich jetzt die nächsten fünf Jahre nicht mehr herauskomme. Aber ich will Sie jetzt auch gar nicht mehr belästigen.«

»Tun Se gar nicht. Die von Deutschland TV. Mann, Mann, Mann … «

»Ja, die kosten mich wirklich noch den letzten Nerv. Weswegen haben Sie gekündigt, wenn man fragen darf?«

»Weil ich den Fernseher jetz’ dann nich’ mehr brauch, wissen Se … Aber die Kündigung, die hat sich bei mir auch ewig hingezogen. Da will man eigentlich schon längst weg von hier und dann kann man nich’, weil man immer noch an so ’nem ollen Vertrag hängt. Für umsonst will man die Kohle ja auch nich’ aus’m Fenster werfen. Aber da müssen Se dranbleiben. Ich bin auch erst vor kurzem aus’m Vertrag rausgekommen. Einfach dranbleiben und dann bekommen Se schon irgendwann jemanden ans Telefon.«

»Danke für Ihren Rat. Ich finde das Preis-Leistungs-Verhältnis einfach auch nicht gerechtfertigt.«

»Ach, Preis-Leistung hin oder her, das hat mich gar nicht so gestört. Kam immer gut was im Fernsehen. Aber irgendwann ödet einen das immer gleiche Gesabbel auch mal an. Der eine bringt den um, der andere den, der dritte sprengt sich in die Luft. Und irgendwann kannste dann auch mal alle Texte von allen Filmen auswendig, so viele Wiederholungen wie die bringen. Tierdokus will ich auch nicht mehr seh’n.«

»Naja gut, für das Programm kann Deutschland TV ja nichts, aber Sie haben recht, immer wieder dasselbe. So, jetzt muss ich aber wirklich … «

»Wissen Se, Sie sind heut’ der erste, der mich angerufen hat. Mal ’ne schöne Abwechslung.«

»Ach, das freut mich aber … «

»Sonst komm’ ich nich’ so viel zum Reden mit Leuten. Und wenn ich schon mal direkt jemanden an der Leitung habe … Und jetzt hab’ ich ja auch noch den Fernsehvertrag gekündigt … Da hat man ja gleich gar keine Unterhaltung mehr.«

»Ja, das tut mir sehr leid für Sie. Haben Sie denn niemanden?«

»Nee, alle tot. Und ich mach’ jetzt dann auch nich’ mehr lang. Jetzt, wo der Vertrag gekündigt is’ … «

»Äh, was meinen Sie denn damit …?«

»Ich sag’ Ihnen noch kurz meine Adresse. Ham’ Se ’nen Stift? Schillerstraße 9, Bottrop. Machen Se’s gut. Und ärgern Se sich nicht so viel. Das bringt Sie nur um.«

»Äh … ok … ja, alles klar … dann … Schillerstraße 9 … wieso? Hallo? Hallo?! Sind Sie noch dran? Hallo?«

 

 

Morgen koch’ ich Fingernudeln

von Nadine Dechant

 

Langsam bewege ich mich auf ein baufälliges Haus zu, dessen vor Erinnerungen triefende Mauern den Eindruck erwecken, als wollten sie jeden Augenblick über ihren Bewohnern zusammenstürzen. Obwohl ich diesen Gang schon so viele Male hinter mich gebracht habe, fühlt es sich an, als hätte jemand Blei in meine Beine gegossen. Der riesige Bau empfängt mich mit einem Geruch nach Ammoniak und Putzmittel, der mir den Atem raubt und jedes Mal den Wunsch in mir weckt, auf der Schwelle kehrt zu machen. Stattdessen folge ich dem Flur nach links, vorbei an der Liste, die am schwarzen Brett im Foyer hängt und mit Sicherheit schon wieder um einen Namen reicher geworden ist. Die bunten Bilder, die in großer Zahl die stockfleckigen Wände bedecken, kreieren eine künstliche Atmosphäre der Heiterkeit. Im Gemeinschaftsraum sitzt eine einsame Person im Rollstuhl an einem runden Tisch und starrt in einen Becher, der halb mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt ist. Mit der linken Hand malt sie unsichtbare Kreise auf die Tischplatte. Sie bemerkt mich erst, als ich an sie herantrete und ihr sanft meine Hand auf die Schulter lege. Zuerst fragend, dann erkennend blickt ein runzliges Gesicht, umgeben von wolligen, in alle Richtungen abstehenden schlohweißen Haaren, zu mir hoch und verzieht sich zu einem schiefen Lächeln, bei dem der rechte Mundwinkel grotesk nach unten hängt. »Tanja.« Der Netzhautablösung zum Trotz erkennt sie mich jedes Mal. »Wie geht es dir heute?« »Es geht schon. Wenn nur das verflixte Bein nicht wäre.« Vergeblich versucht sie, ihren unnatürlich verdrehten Fuß auf die Stütze des Rollstuhls zu hieven. »Was glaubst du, wie lange es noch dauert, bis ich wieder heim kann?« Immer wieder stellt sie die gleiche Frage und immer wieder schwingt in ihrer brüchigen Stimme ein Fünkchen Hoffnung mit, das einfach nicht verglühen will. »Wenn du gehen kannst.« Ich blicke in wässrig blaue Augen, hinter denen Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen schlummern, unwillig, sich jemals wieder zu offenbaren. Dreimal saß ihr der Tod bereits im Nacken, jedes Mal hat er seine Schlinge enger gezogen, jedes Mal hat sie ihn im letzten Augenblick abgeschüttelt. Wenn ich sie ansehe, weiß ich, dass es ein viertes Mal nicht geben wird. Speisereste verunzieren ihr Kinn und ihren Pullover, der sich über ihrem weichen, ausladenden Busen spannt, in den ich als Kind so oft mein tränenverschmiertes Gesicht gedrückt habe. Damals war sie mein rettender Fels, nun bin ich ihr Strohhalm, an den sie sich klammert. »Schau mal, du kannst froh sein, dass es dir wieder so gut geht und das in deinem Alter.« »So, wie alt bin ich denn?« »90 Jahre, Oma.« Ihr Lachen klingt wie ein heiseres Bellen. »Kind, du veralberst mich. So alt bin ich nun wirklich nicht.« Sie boxt mit ihrer Rechten gegen die Tischkante. »Wie spät ist es?« Ich schaue auf die mit bunten Vogelmotiven verzierte Wanduhr, die uns gegenüber hängt. »Halb sechs.« »Morgens oder abends?« »Abends. Es gibt bald Essen, ich bring’ dich besser rüber.« Der Speisesaal ist gleich um die Ecke. Nach und nach trudeln schemenhafte Gestalten ein. An ihrem Platz liegt ein einsamer Löffel. Seit der Gehirnblutung kann sie nur noch breiige Nahrung zu sich nehmen. »Ich geh’ schon langsam heim, mir knurrt auch der Magen. Morgen um diese Zeit komm’ ich wieder vorbei.« Ich beuge mich zu ihr hinab und drücke ihr einen Kuss auf die Wange, bevor ich mich abwende. Als ich mich schon einige Schritte entfernt habe, ruft sie mir nach: »Das ist gut, komm nur. Morgen koch’ ich Fingernudeln. Und Blaukraut. Dein Lieblingsgericht.«

 

Vergessene Träume

von Nicole Resnik

 

Silberweiß glitzert der Schnee und silberweiß knirscht es unter mir bei jedem Schritt, den ich gehe. In dieser kalten Winternacht führt mich der Weg vorbei an einer leeren Hauptstraße. Von beiden Seiten des Weges, weit von oben, als wären sie gar nicht Teil dieser Welt, leuchtet das orangefarbene Licht der Straßenlaternen und verwandelt den schneebedeckten Asphalt in ein Meer aus funkelnden Brillanten. Umhüllt von kristallener Kälte zieht das hektische Treiben der Stadt sich zurück, schrumpft und gefriert in Stille.

Aus meinem Mund formen sich kleine Nebelschwaden. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein. In der Ferne kann man ein Auto vorbeifahren hören. Der dumpfe Laut verstummt. Er weiß, dass er nicht hierher gehört.

Ich gehe weiter in Richtung eines weitflächigen Parks, der sich hinter dunklen schneebedeckten Tannen versteckt. Dort lebt er. Wie immer sitzt er alleine auf seiner eingefallenen Parkbank. In seinen Händen eine wärmende Flasche Schnaps, heißt er jeden willkommen, der ihn besucht.

Sein zerzaustes graues Haar unter der schwarzen Mütze hält einige Schneeflocken gefangen, denen man dabei zusehen kann, wie sie sich langsam auflösen. Mir fällt der rötliche Glanz seiner großen Nase auf, die von kleinen violetten Äderchen gezeichnet ist. Unklar, ob es die Kälte oder der Schnaps ist, die sie so färbt, begrüße ich ihn. Als er mich bemerkt, fixiert er mich mit seinen bläulich-weißen Augen, deren nie gesehene Klarheit mich den Grund meines Besuchs kurz vergessen lässt.

»Was kann ich für dich tun?«

Ich überreiche ihm Mandarinen und eine alte kuhgefleckte Wolldecke, die er sich sogleich überwirft. Obwohl ihn das Leben auf der Straße wie jeden anderen auch gezeichnet hat und er von seiner Erscheinung nicht weiter auffallen würde, ist er keiner von ihnen.

Er bettelt nicht, er verkauft Geschichten.

Ich stehe vor dem Mann im grünen Parka – sprachlos, nach alldem, was ich mir ausgemalt habe.

»Was willst’n hör’n?«, langsam stolpernd formt seine schwere Zunge die Worte. »Etwas über Träume«, sage ich und setze mich. Mir wird kälter.

»Träume«, nach irgendwas suchend kramt er in seiner Plastiktüte.

»Tja, Träume sin’ Schäume. Also bevor ich ausgestieg’n bin, hab ich noch an sowas geglaubt. ’N Roman wollte ich schreiben … Is’ nie fertig geword’n«, er schaut mich direkt an. »Jetzt bin ich sowas wie’n alternativer Autor, wenn man so will. Jedenfalls hab ich mich gefragt – was Leute halt so umtreibt – was is’ der Mensch? Vielleicht gibt’s ja sowas wie Seelenteile.«

Er blickt sich suchend um. »Stell dir vor, dass unsere Träume so ’ne Art Stoff sind, die Seelenteile enthalten. Aus denen werden dann neue Menschen …«, der Hustenanfall verschluckt die Geschichte. Er verstummt.

»Seelenteile …«, überlege ich und wünsche mir, seine Geschichte weiter zu schreiben. Ohne Blick in den Rückspiegel ist sie vorbeigezogen, sie gehört nicht hierher.

Ich merke, wie etwas über meine Beine streicht. Er hat die Decke mit mir geteilt.

Mir zuzwinkernd, bietet Gott mir etwas von seinem Schnaps an.

»Wir sin’ doch Brüder«, sagt er.

Seine Fahne weht mir entgegen. Silberweiß.

 

Wer jetzt Interesse hat, bei der Schreibwerkstatt mitzuwirken, findet auf der Website des Instituts für Germanistik mehr Informationen.

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