Ein Polaroid für eine Wohnung

Erstes Semester, viel Alkohol, viel Pfand, jedenfalls genug um sich eine Polaroid Kamera zuzulegen. Eine der besten WG-Anschaffungen überhaupt. Neben unzähligen Partybildern wird auch jeder Besucher oder One-Night-Stand abgelichtet. Gekrönt wird das Ganze mit einer passenden Unterschrift und fertig ist seine oder ihre Geschichte an unserer Wand. Zum Ende des Jahres gibt es ein paar Geschichten davon.

Von Alex Gebhard

Mit der Unterschrift »FrankyBoy«, wie sein gleichnamiges WLAN, schmückt unser Nachbar Frank als einer der ersten unsere Wand. Mit Abstand ist er unser Lieblingsnachbar, was aber auch nicht schwer ist angesichts der Tatsache, dass unsere restlichen Nachbarn sich verhalten, als hätten sie jeweils eine Leiche in ihrer Wohnung. Uns soll es recht sein. Wir schweigen! Versprochen! Frank dagegen hat mit uns ein stilles Einvernehmen. Denken wir zumindest. So ist es kein Weltuntergang, wenn wir einmal zu laut sind, antwortet er doch gekonnt mit einem Arsenal an Sonos Lautsprechern und Bassboxen. Ich weiß ihm geht es gut, wenn mein Wasserglas vibriert. Selbst den Wecker spart man sich, Frank achtet darauf, dass wir an Sonntagen nicht länger als zehn schlafen. Nicht selten bin ich, begleitet von seiner hervorragenden Musikauswahl, durch mein Zimmer getanzt. Bei Eminem werde ich einfach schwach. Eine ganze Reihe von Polaroids stellte unser WG Casting dar, wovon ich letztes Mal schon berichtet habe. Jedes Bewerbungsgespräch wurde natürlich festgehalten, sonst würde ich mich ja vielleicht auch nicht mehr daran erinnern, dass versucht wurde, uns mit Brownies zu bestechen, die angeblich besonders »gut«  schmecken sollten. Nach ausgiebigen testen, musste ich aber feststellen, es waren nur normale Brownies und sie hatte geblufft. Aber was man nicht alles tut, um eine Wohnung zu bekommen. Persönlich finde ich die Fotos mit am schönsten, die Besucher zeigen, die sich nicht so oft zu uns verirren. Bei denen man am nächsten Tag rätseln muss, wer uns da überhaupt als Fotomodel zur Verfügung gestanden ist. Manchmal auch nur für eine Nacht. Aber auch romantische Polaroids sind zu finden. Sei es der Mistelzweig, der sich über den zwei Verliebten zeigt oder auch die Bildunterschrift, die manchmal vielleicht mehr ausdrückt, als sich diejenige Person an dem Abend getraut hat zu sagen.

Schlussendlich haben wir versucht so viele Momente einzufangen wie wir konnten. Als das Studium abgebrochen wurde, als wir uns von Mitbewohnern verabschieden mussten oder als wir neue dazu bekommen haben. Als die Mama zu Besuch kam, als die Spülmaschine kaputtgegangen ist, man der Mitbewohnerin die Haare geschnitten hat oder man um 3 Uhr nachts völlig fertig auf der Couch lag. Letztens hatten wir sogar Besuch von »Ur-Mitbewohnerinnen«, die vor fünfzehn Jahren in dieser WG gewohnt hatten und nach der langen Zeit einen Junggesellinnenabschied in Regensburg feierten. Dabei haben sie einfach mal spontan bei uns geklingelt und wollten noch einmal ihre WG sehen, natürlich nicht ohne bei uns an der Wand zu landen. Ich kann wirklich jedem raten so etwas auch zu machen. Das Schöne an Bildern ist ja doch, dass wenn sich die Umstände verändern und man vielleicht nicht mehr so viel Kontakt hat, der Moment doch festgehalten wurde und das Bild sich nicht verändern kann. So kann man sich immer an die schönen Augenblicke erinnern, man muss sich nur vor die Bilderwand stellen. Denn eins ist gewiss: Auf Polaroids kann man einfach nicht schlecht aussehen.

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