Kommt ein Vogel geflogen …

»Setzt sich nieder auf dein’ Fuß« … Ganz so harmonisch wie in dem Kinderlied geht es leider nicht immer zu. Denn die visuellen und motorischen Fähigkeiten unserer gefiederten Freunde lassen doch hin und wieder zu wünschen übrig. Getäuscht von spiegelnden Fensterfronten, verwechseln Tauben das »auf den Fuß setzen« schnell mal mit »an das Fenster knallen«. Aber keine Sorge: Ein Happy End gibt es trotzdem.

von Selina Roos

 

An einem grau-verhangenen Herbsttag wuselte ich gerade geschäftig durch die Wohnung, als ich ein gedämpftes »Dong« hörte. Es war eher eines dieser Geräusche, die man nicht richtig hört, sondern nur errät und sich nach ein paar Sekunden fragt »Was war das denn gerade?«. Das lag daran, dass ich meine To-Do-List mit meinen geliebten Kopfhörern und einem Podcast abarbeitete und daher generell wenig von meiner akustischen Umwelt mitbekam. Doch obwohl ich es nur am Rande wahrgenommen hatte, weckte dieses Geräusch bei mir direkt die Assoziation eines Vogels, der den Unfall seines Lebens hat. Und zwar mit einer Fensterscheibe.

Ich ging also neugierig zum Fenster, um zu wissen, was es nun war und tatsächlich, ein Comic könnte es nicht besser darstellen: Drei, vier weiße Federn segelten langsam und irgendwie sehr traurig an meinem Fenster vorbei Richtung Boden. Im ersten Moment war ich fasziniert davon, dass sich ComiczeichnerInnen dieses Bild offensichtlich gar nicht ausgedacht haben und die verunglückten Vögel wirklich einige Federn bei einer Kollision verlieren. Da ich davor aber noch nie »live« dabei gewesen war, hatte ich das immer für eine Übertreibung gehalten. Ich wollte fast nicht wissen, in welchem Zustand sich der dazugehörige Vogel befand, aber ich wagte dennoch einen Blick über das Balkongeländer.

Und siehe da, der Vogel lebte wirklich noch. Mit einer erstaunlichen Lebensenergie zappelte die auf dem Rücken liegende Taube mit ihren kleinen pinken Füßen, schaffte es aber vorerst nicht, sich damit umzudrehen. Ich weiß zwar nicht, wie häufig es im Leben einer Taube vorkommt, dass sie sich aus der Rückenlage wieder aufrappeln muss, aber entweder war sie echt fertig nach dieser Frontalkollision oder sie hatte das einfach noch nie gemacht. Könnte auch sein.

Wenig später sah ich noch einmal nach dem Sorgenkind und wurde wieder positiv überrascht. Nun saß sie, zugegeben noch ein wenig bedröppelt, sonst aber schon recht fit, am gleichen Fleck. Sie schaute (so irritiert wie eine Taube vermutlich schauen kann) mit großen Augen in der Gegend herum. Bisher war ich irgendwie davon ausgegangen, dass Vögel solche Unfälle in der Regel nicht überleben und freute mich daher umso mehr für das tapfere Täubchen. Noch war sie offensichtlich nicht ganz über den Berg, aber näher dran als ich es gedacht hätte.

Nach wiederum ein paar Minuten wollte ich ein weiteres Mal nach der Taube sehen, doch da war sie schon weg. Kurz hatte ich die Befürchtung, dass eine sehr hungrige Katze oder ein Wiesel oder sonst etwas die Benommenheit der Taube ausgenutzt haben könnte, aber ich konnte unten im Gras keine Kampfspuren, Federn oder andere Hinweise sehen. Alles war wie davor, nur ohne die Taube. Das, so hoffte ich, konnte eigentlich nur bedeuten, dass sie es geschafft hatte und davongeflogen war.

So mancher Unfall geht eben doch gut aus und das gibt Grund zur Hoffnung. Einen guten Flug das nächste Mal!

Wer über die Feiertage nicht genug bekommt von der Wohnsinn-Kolumne, sei hiermit beruhigt: Nächste Woche hat Alex das nächste Schmankerl für euch!

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