Press Play for the New Decade

In gut zwei Wochen beginnt ein neues Jahr. Doch dieser Jahreswechsel ist ein besonderer. Wir fangen nicht nur ein neues Jahr an, sondern sogar ein neues Jahrzehnt. Ein guter Zeitpunkt also, die großen Veränderungen und Trends der letzten zehn Jahre zu reflektieren. Doch wie sieht es neben politischen, gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen mit dem täglichen Begleiter Musik aus? Wie hat sich die Musik in den letzten Jahren verändert? Welche Alben machten das Jahrzehnt aus? Und viel wichtiger: Welche Trends kann man erwarten? In einer (sehr subjektiven) Top10 Liste wird dieser Frage nachgegangen.

von Celina Ford

Wie kann man Musik aus einem ganzen Jahrzehnt auf knackige zehn Alben zusammenfassen, wenn doch fast wöchentlich mindestens zehn neue Alben rauskommen? Zugegeben, es war nicht einfach. Dasselbe galt jedoch auch für die 2000er Jahre. The Strokes und Franz Ferdinand gaben uns Indie-Rock Klassiker für die Ewigkeit, Britney Spears und Beyoncé sorgten für Pop-Hymnen und für Rap und Hip Hop-Enthusiasten war es eine regelrechte Hochzeit. Was jedoch die 2010er ganz klar ausmacht (oder ausmachte): Die Genregrenzen verwischen immer mehr. Rap borgt sich Samples von Indie-Rock Bands, ehemalige Underground-Künstler kollaborieren mit den größten Pop-Stars und generell ist es experimenteller geworden. Vor allem Rockbands und Metalbands veröffentlichten einige der bahnbrechendsten und wildesten Alben des Jahrzehnts. Das ist vermutlich dem größten Trend des Jahrzehnts geschuldet: Rap. Vor allem Trap aus dem SoundCloud-Lager und Hip Hop haben härterer Musik fast jegliche Mainstream-Präsenz genommen. Da hat man dann als Gitarrist oder Schlagzeuger mit Vorliebe für Blastbeats im Underground schon mehr Freiraum zum Experimentieren. Mit dem einzigen Kriterium, nämlich die Alben der 2010er Jahre in eine Liste zu packen, die das Jahrzehnt mit ihrer Botschaft, Innovation oder Bedeutung in der Popkultur wirklich geprägt haben, werden hier die besten Alben der letzten zehn Jahre vorgestellt.

#10  »A Seat at the Table« (2016) von Solange

Manch eine*r fragt sich, wer Solange ist. Solange ist die kleine Schwester von Beyoncé, jedoch mit mindestens genauso viel, wenn nicht mehr Talent. Das Album handelt von ihren Erlebnissen als »schwarze« Frau in Amerika: Die Schönheit, die damit einhergeht, jedoch auch die Wut und Trauer angesichts der polizeilichen Übergriffe auf junge Afroamerikaner. Ein Mix aus Jazz, Avantgarde, R&B und klassischem Pop liefern den Soundtrack für die Selbstwahrnehmung junger »Schwarzer« im Amerika der 2010er.

Anspieltipp: »Cranes in the Sky«

#9  »Sunbather« (2013) von Deafheaven

Dieses Album ist der Inbegriff von experimentellem Metal in den 2010er Jahren. »Sunbather« widersetzt sich jeglicher Klassifizierung. Mit einem ohrenbetäubenden Mix aus Shoegaze á la My Bloody Valentine, Post-Rock Elementen und Gitarren- und Schlagzeugarbeit aus dem Black Metal treibt es die Band aus San Francisco auf die Spitze. Was an dem Album jedoch so faszinierend ist, sind die krassen Kontraste. Einer unglaublich schroffen Passage folgt oft eine verträumte. Ganz zu schweigen von den gequälten Schreien des Leadsängers. Auch wenn sie nicht verständlich sind, sind diese Schreie wahnsinnig poetisch: »I’m dying. – Is it blissful? / It’s like a dream. – I want to dream.«

Anspieltipp: »Dream House«

#8  »Assume Form« (2019) von James Blake

Mit seinem experimentellen Piano-Pop und seiner Arbeit im Bereich der elektronischen Musik hat es der Brite bereits auf Platten von Kendrick Lamar und Beyoncé geschafft. Tief emotionale Tracks über Beziehungen und seinen Umgang mit Depressionen führten dazu, dass Blake zum Sinnbild für den typischen »sad boy« wurde. Trotzdem ist »Assume Form« eines der ehrlichsten und besten Pop- und Elektroalben des Jahrzehnts.

Anspieltipp: »Can’t Believe The Way We Flow«

#7  »Black Star« (2016) von David Bowie

Was kann man eigentlich noch zu David Bowie sagen, dass nicht schon gesagt worden ist? Ziggy Stardust, The Thin White Duke oder auch einfach nur David Robert Jones (Bowies bürgerlicher Name) hat diese Welt so verlassen, wie er es wollte: als Star.

Anspieltipp: »Lazarus«

#6  »Science Fiction« (2017) von Brand New

Zu Beginn der 2000er waren Brand New nur eine der vielen Pop-Punk Bands von der Ostküste der USA. Die Band entwickelte sich jedoch immer weiter zu einem der wichtigsten Vertreter der neuen Welle der Alt-Rock-Szene. »Science Fiction«, das definitiv letzte Album der Band, fasst die gesamte Bandgeschichte und Themen aller Alben perfekt zusammen und ist der Soundtrack für die typischen Mittzwanziger von heute. Themen wie Beziehungen, Freundschaften, Glaubenszweifel und Depressionen füllen die zwölf Songs.

Anspieltipp: »Same Logic/Teeth«

#5 »iridescence« (2018) von BROCKHAMPTON

Die selbsternannte Boy Band mit unzähligen Mitgliedern, die sich auf die Bereiche des Produzierens, Songwritings und der visuellen Gestaltung aufteilen, schlugen im Jahr 2017 mit ihrer »SATURATION«-Trilogie, die innerhalb eines Jahres erschien, große Wellen in der alternativen Hip Hop-Szene. Texte über Freundschaft, Sexualität, Drogenprobleme und die lange Reise der Selbstfindung sind nur einige Themen, die die Gruppe, die ursprünglich aus Texas stammt, behandelt. Schräge Beats, innovative Stimmmanipulationen und krasse Flows zeigen, dass Boy Bands auch in den 2010ern durchaus noch eine Daseinsberechtigung haben.

Anspieltipp: »J’OUVERT«

#4  »Sei ein Faber im Wind« (2017) von Faber

Alle, die dachten, dass das Singer-Songwriter Genre gut und gerne auch eine Schlaftablette ersetzen kann, wurden von dem Schweizer Julian Pollina alias Faber eines Besseren belehrt. Faber verlieh der Szene ein neues Image, nämlich ein äußerst politisches. Die einfache wie geniale Formel: die großen gesellschaftlichen Themen der letzten Jahre aufgreifen und neben die Akustikgitarre mit Folk-Elementen setzen. Herauskamen Hits wie »Wer nicht schwimmen kann der taucht« mit höchst satirischen Passagen wie »Ich schaue euren Schlauchbooten beim Kentern zu / Im Liegestuhl am Swimmingpool am Mittelmeer / Kratz mich am Bart, kratz mich am Bauch / Wer nicht schwimmen kann der taucht«. Zeilen, die einem beim Mitsingen im Hals stecken bleiben.

Anspieltipp: »In Paris brennen Autos«

 

#3 »RAMMSTEIN« (2019) von Rammstein

Zehn Jahre ist es nun her, dass die Industrial-Metal Band und deutscher Exportschlager Nummer Eins Rammstein ein neues Album herausbrachten. Doch das Warten hat sich gelohnt. Die bereits im März veröffentlichte Single »DEUTSCHLAND« schaffte es mit einem nur dreißigsekündigen Clip, die Presse und Musikszene in Aufruhr zu versetzen. Und zugegeben, man kann sich gut und gerne darüber streiten, ob es geschmacklos ist, für den Promoclip genau die Szene aus dem dazugehörigen neunminütigen Musikvideo auszuwählen, die einige der Mitglieder als KZ-Häftlinge verkleidet am Galgen zeigt. Im gleichen Atemzug muss man sich jedoch auch fragen, was man denn von Rammstein, den Meistern der Provokation, auch erwartet hat. Die Band lässt kein Tabu unangetastet. Dazu gehören auch Sadomasochismus, Inzest, Voyeurismus und Pyromanie. Als das ganze Musikvideo dann jedoch zu sehen war, wurde man mit einem Video konfrontiert, dass in einer unglaublich aufwendigen Produktion die gesamte Geschichte Deutschlands auseinandernimmt. Und zwar nicht die guten Aspekte, sondern ausschließlich die tiefschwarzen. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte fanden auch Themen wie Kunst- und Meinungsfreiheit im Song »RADIO« oder sexueller Missbrauch in »PUPPE« einen Platz auf der Platte. Fazit: Rammstein sind auch nach mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte so gut wie eh und je.

Anspieltipp: »ZEIG DICH«

#2  »LP1« (2014) von FKA twigs

Die britische Musikerin und Tänzerin schaffte es, mit minimalistischen Beats, einer engelsgleichen Stimme und ganz viel Atmosphäre eines der besten elektronischen Alben der 2010er zu schaffen. Durch das Wechselspiel zwischen Stärke und Verletzlichkeit, Sinnlichkeit und emotionaler Distanz und Selbstzweifeln greift FKA twigs viele Themen auf, die das Jahrzehnt aus „weiblicher“ Sicht ausmachten. Das Selbstverständnis, sich als Frau so zu präsentieren, wie man ist, seine Stärken, aber auch seine Schwächen zu zeigen, und das zu tun, was man möchte, fand (leider, leider) erst in diesem Jahrzehnt in der Gesellschaft Gehör und wurde ernst genommen. Dafür ist female empowerment nicht nur ein Trend, der sich auf Pinterest oder inspirativen Instagram-Posts großer Beliebtheit erfreut, sondern ein echter Gesellschaftswandel, der sich auch in Zukunft noch weiterentwickeln wird.

Anspieltipp: »Video Girl«

#1  »To Pimp A Butterfly« (2015) von Kendrick Lamar

Das für mich persönlich beste Album des Jahrzehnts mag jetzt nicht als Überraschung daherkommen. Tatsächlich ist mir aufgefallen, dass viele Rankings dieses Album als das beste des Jahrzehnts kürten. Und das nicht ohne Grund: »To Pimp A Butterfly« fasst die Dekade – zumindest aus sozialer Sicht – perfekt zusammen. Das fängt schon beim Albumtitel an. »To pimp something« meint umgangssprachlich aus etwas Geld herauszupressen. Und der »butterfly«, der hier gepimpt wird, ist etwas Schönes, vielleicht sogar etwas Fragiles. In Kendricks Auffassung steht der Schmetterling symbolisch für die black community in den USA. Nach jahrzehntelanger Marginalisierung, Diskriminierung und gewalttätiger Übergriffe wurden in den beiden letzten Jahrzehnten die Stimmen der Auflehnung immer lauter; man fordert die realisierte Anerkennung und Gleichbehandlung ein. Dabei setzt sich Kendrick zu jazzigen Beats auch mit der Schönheit dieser Stärke auseinander. Und diese Auseinandersetzung kann man getrost an vielen Stellen mit Poesie vergleichen. Kendrick Lamar wurde im letzten Jahr aufgrund seiner phänomenalen Texte auch als erster Rapper mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Generell sind die Texte, die auch seine persönlichen Kämpfe und Unsicherheiten behandeln, in fuzzige und warme Beats eingehüllt und machen das Album zeitlos. Das Album, der Soundtrack zu den sozialen Veränderungen des letzten Jahrzehnts, ist nicht nur ein wunderschöner Schmetterling, sondern auch das beste Album des Jahrzehnts.

Anspieltipp: »u«

 

Was kann man also für das nächste Jahrzehnt erwarten? Zum einen, dass sich die Musik mit neuen Technologien auch weiterentwickelt. Zum anderen kann man hoffen, dass sich Künstler*innen weiterhin (und noch mehr) mit den gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Womöglich werden Rap und Hip Hop ihren Platz als populärstes Genre abtreten und Platz für grenz-, genreüberschreitende und experimentelle Musik machen, die in den letzten Jahren immer beliebter wurde (man rufe sich Billie Eilish, SOPHIE, Frank Ocean oder Tyler, The Creator ins Gedächtnis). Vielleicht schaffen es Rock- und Metalbands, sich wieder im Mainstream zu etablieren. Doch egal was in den nächsten zehn Jahren auch für Trends auf uns zukommen, eins ist das wichtigste: Hauptsache gute Musik!

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