Ein Meer aus Plastiktüten

So langsam kommt das, was ja eigentlich selbstverständlich sein sollte, auch in der Mitte der Gesellschaft Deutschlands an: der Verzicht auf Plastiktüten. Vergangenen Monat hat die Bundesregierung sogar deren Verbot auf den Weg gebracht und immer mehr Shopping-Wütige bringen ihre eigenen Stoffbeutel mit in die Geschäfte. Aber was passiert mit den hunderten Plastiktüten, die sich über die Jahre und Jahrzehnte der Unachtsamkeit in den Haushalten angestaut haben?

von Lotte Nachtmann

Ausnahmsweise melde ich mich diese Woche schon wieder aus meiner WG im Ostenviertel. Dieses Mal nicht in einem Furor-Anfall aufgrund unabgeschlossener Fahrradkeller-Türen, sondern aus einem Meer aus Plastiktüten. Wie Ihr in meiner ersten Kolumne aus meiner neuen WG ja schon gelesen habt, haben meine Mitbewohnerin Marie und ich so einiges von unserer Vorgängerin geerbt … unter anderem einen fast bis zum Rand mit Plastik-, Papier- und Stofftüten gefüllten Flurschrank. Ich selbst versuche schon seit Jahren – so gut es nun einmal geht – auf die bunt bedruckten Umweltsünden von Netto, H&M oder DM zu verzichten, indem ich meist einen der zahlreichen auf dem Campus verteilten Jutebeute mit mir führe. Nach bald dreieinhalb Jahren an der Uni Regensburg haben sich da so einige Werbegeschenke diverser Clubs angesammelt. Und selbst, wenn man mal keines dieser ästhetischen Wunderwerke zur Hand hat … aus eigener Erfahrung lassen sich selbst in einer überdimensionalen Tupperdose die neusten Errungenschaften für den Kleiderschrank transportieren.

Also eigentlich bin ich gut ausgestattet, was Transportwerkzeuge für Einkäufe angeht. Was also tun mit den vermutlich an die Hundert Tüten und Beuteln, die besagter Flurschrank bei meinem Einzug ausgespuckt hat? Die Bandbreite reicht von Apothekentüten, in die halt gerade einmal eine Packung Ibuprofen passt und deren Sinn sich mir noch nie erschlossen hat, bis hin zu riesigen beinahe sackartigen Hüllen, die locker die Kapazitäten hätten, um ein mittelgroßes Huftier zu befördern. Auch verschiedenste Materialien sind vertreten: das allergrößte Übel Plastik stellt hierbei die Mehrheit der Sitze im Tütenparlament, dicht gefolgt von der etwas weniger die Weltmeere verpestenden Fraktion der Papiertüten. Kleinere Oppositionsparteien sind die Jutebeutel und die Gefriertüten zum Transport von TK-Ware. Hin und wieder bediene ich mich tatsächlich mal einer der Plastiktüten, um verschwitzte Sportsachen, dreckige Laufschuhe oder zum auslaufen tendierende Lebensmittel durch Regensburg zu karren. Aber meistens sind diese Tüten danach ja nicht reif für die Tonne, sondern finden ihren Weg zurück in den Plenarsaal des Flurschranks.

So werden vermutlich bis zu meinem Auszug in ein paar Jahren immer noch genauso viele Tüten, Tragetaschen und Beutelchen in diesem Schrank auf ihre Benutzung warten. Denn wegwerfen will man sie ja auch nicht, angesichts der Tatsache, dass man sie dann vermutlich Monate später angespült am Strand von Teneriffa wiederfindet. Unsere WG wird vermutlich nicht der einzige Haushalt sein, in dem Schubladen oder ganze Schränke voller Plastiktüten mahnend an die Jahrzehnte währende »Ja-eine-Tüte-nehme-ich-gerne«-Mentalität erinnern und einem die quasi Unverwüstbarkeit dieses Materials vor Augen führen.

 

Nächste Woche gibt es dann wieder News aus Selinas WG, die hoffentlich nicht wie ich in einem Meer an Tüten Schwimmversuche startet.

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