Film, Kunst und Party: Das elfte Heimspiel Filmfest in der Preview

Am Donnerstag findet das alljährliche Regensburger Filmspektakel wieder statt: Das Heimspiel Filmfest geht in die elfte Runde und bietet ein Programm, das das Herz eines jeden Filmfans höher schlagen lässt. Vom 14. bis zum 20. November werden im Wintergarten, im Andreasstadel und im Ostentorkino so einige sehenswerte Filme gezeigt. Ebenso ist ein sich äußerst lohnendes Rahmenprogramm gegeben. Jedenfalls gibt es genug Gründe, um das Heimspiel zu besuchen – die genauen Details erfahrt ihr nun hier.

Von Elias Schäfer

 

Nach dutzenden Stunden an Filmscreenings, hunderten Telefonaten und einem Jahr voller Hingabe und leidenschaftlicher Arbeit stellt das hauptsächlich aus Studierenden der Universität Regensburg und dem Verein für Kinokultur in Regensburg bestehende Organisationsteam Filme vor, deren Themen zwar vielfältiger nicht sein könnten, im Endeffekt jedoch eins gemeinsam haben: Sie befinden sich »im Transit«, was das offizielle Motto der Themensektion des diesjährigen Heimspiel Filmfests darstellt. Ein abstrakter Begriff, der den FestbesucherInnen desto klarer wird, je mehr sie die derzeitige Gesellschaft betrachten. Unsere Gesellschaft sowie die Identitäten, die in ihr vorhanden sind, befinden sich mehr denn je im radikalen Wandel, egal ob es dabei um Herkunft, Religion, Geschlecht oder Sexualität geht. Bei der Auswahl achteten die KuratorInnen auf Filme, die formal, stilistisch oder narrativ überraschen und einen individuellen Weg gehen, um den ZuschauerInnen die diesjährige Themensektion nahe zu bringen. Somit ist das angebotene Filmbouqet ein äußerst buntes geworden.

Allen voran steht hier das im Voraus von Kritikern hochgelobte The Lighthouse vom Regisseur Robert Eggers (bekannt vom preisgekrönten The Witch, 2015), das am 20. November um 19:30 Uhr im Ostentorkino gescreent wird und im Jahr 1890 spielt. Robert Pattinson, der sich nach seiner Zeit als glitzernder Twilight-Vampir als ernstzunehmender Schauspieler rehabilitierte, trifft in diesem lovecraftesquen Thriller als Assistent auf den Leuchtturmwärter Willem Dafoe auf einer abgelegenen Insel. Während eines nicht vorübergehenden Sturms mündet diese Konfrontation in einen wahnsinnigen Albtraum, der auf der Leinwand in atmosphärischem Schwarz-Weiß zu sehen sein wird. Wer diesen Streifen unbedingt sichten will, sollte allerdings vorreservieren, da der Andrang höchstwahrscheinlich hoch sein wird. The Lighthouse wird nicht umsonst als einer der besten Filme des Jahres 2019 gehandelt.

Das Heimspiel Filmfest beginnt allerdings mit keinem düsteren Psychothriller, sondern wählt als Einstieg Les Miserablés von Ladj Ly – dies ist nicht das altbekannte dramatische Hollywood-Musical, sondern ein hochenergetisches sozialpolitisches Statement, das auf eindrucksvolle und erschütternde Weise die Verhältnisse innerhalb eines Pariser Banlieus darstellt. Direkt im Anschluss bitten die Regensburger PostrockerInnen von Containerhead, die schon für die Trailermusik des Heimspiels im Transit verantwortlich waren, im Ostentorkino im Rahmen eines Livekonzerts zum stilvollen Abgehen. Damit ist der Eröffnungsabend allerdings noch lange nicht vorbei, denn mit musikalischer Begleitung von Mr. Mojo wird den BesucherInnen des Filmfests durch einen wilden Genre-Mix im Festivalclub Kinokneipe zum Abschluss nochmal richtig eingeheizt.

Trotz eines vollgepackten Programms ohne jegliche Downer stehen natürlich doch ein paar Filme eher im Mittelpunkt als andere. Neben Les Miserablés und The Lighthouse, die das Heimspiel gebührend einleiten beziehungsweise ausklingen lassen werden, stellt der brasilianische Mystery-Sci-Fi-Western (richtig gelesen) Bacurau das Center Piece des elften Heimspiel Filmfests dar. Kleber Mendonça Filhos und Juliano Dornelles zeichnen hier eine antifaschistische Parabel im Bezug auf das gegenwärtige Brasilien unter dem rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro und gewannen völlig verdient beim Filmfestival in Cannes den Preis der Jury.

Von politischen Gegebenheiten wird zu queeren Porno-Extravaganzen geschwenkt, namentlich zu Knife + Heart vom kontroversen französischen Regisseur Yann Gonzalez. Im Paris des Jahres 1979 produziert Anne (Vanessa Paradis) zusammen mit ihrer Lebenspartnerin Loïs (Kate Moran) Arthouse-Schwulenpornos, bis sich das Paar schließlich trennt und Anne durch einen neuen, hoch ambitionierten Film ihre Verflossene zurückgewinnen will. Gleichzeitig treibt allerdings ein Serienmörder am Set sein Unwesen, was dem exzentrischen Neon-Leuchtfeuer schließlich seine eigene Dynamik gibt und aus diesem ein exzellentes Beispiel für die Power des queeren Kinos macht.

Neben der glänzenden Pariser Schwulenszene der 1970er steht noch eine weitere Subkultur bei einem anderen Film im Vordergrund: In This Is Not Berlin von Hari Sama wird die Underground-Gemeinschaft im Mexiko der 80er beleuchtet, die sich um „Sex, Drugs and Dark Wave“ dreht. In dieser sehr authentisch erzählten autobiographischen Geschichte wird ein berauschendes Bild der mexikanischen Nachtclubszene gemalt, das zu einer ästhetischen Höchstleistung seitens der Bildgewalt aufläuft. Hierbei verlassen drei Jugendliche ihr gewohntes bürgerliches Milieu, um sich in das städtische Gothic-Partyleben zu stürzen, wobei bewährte Coming-of-Age Themen wie Exzess, Queerness und Nonkonformität mit einem eklektischen Soundtrack aufeinanderprallen. Wer sich davon mitreißen lässt, findet in der anschließenden Synthpop-, Wave- und Underground-Party mit DJ Pacult in der Kinokneipe sicher noch einige Gleichgesinnte und einen Abend, den man nicht so leicht vergessen wird.

Zu den weiteren „Internationalen Highlights“ gehören noch der explosive rumänische Gangsterfilm und Oscar-Anwärter La Gomera von Corneliu Porumboiu, Canción sin nombre, eine kafkaeske Detektivgeschichte und der erste Kinofilm der peruanischen Regisseurin Melina Léon, sowie die absurde Komödie Le Daim aus Frankreich von Quentin Dupieux. Desweiteren geht es in The Art of Self-Defense von Riley Stearns um toxische Männlichkeit im Umfeld des schüchterenen Karateschülers Casey und in Natalya Merkulovas und Aleksey Chupovs The Man who Surprised Everyone um den Familienvater Yegor, der aller Anfeindungen zum Trotz seine queere Identität mit Kleid und Make-Up mutig zum Ausruck bringt.

Abseits der internationalen Filme sind beim Heimspiel natürlicherweise auch deutschsprachige Flicks im Rahmen der Sektion „Deutsche Highlights Plus“ vertreten, die entweder aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz stammen. So beschäftigt sich Oray von Mehmet Akif Büyükatalay mit der real in Deutschland gelebten Religiösität der gleichnamigen Hauptfigur und zeigt schonungslos auf, was es heißt, als junger Muslim in diesem Land zu leben. In Heimat ist ein Raum aus Zeit erzählt Thomas Heise die Geschichte seiner eigenen Familie durch vier Generationen, die dazu noch sämtliche Geschehnisse der deutschen Historie beleuchtet. Susanne Heinrich erkundet in Das melancholische Mädchen in 15 Begegnungen nicht nur die Vorstellungen und Wünsche von Frauen in der postmodernen Gesellschaft, sondern deckt auch Widersprüche in zeitgenössischen Lebensentwürfen auf. In Leif in Concert – Vol. 2 bringt Christian Klandt die deutsche Kneipenkultur liebevoll auf die Leinwand. Wieder dabei ist auch der persönliche Heimspiel-Dauergast Jan Bonny, der seit der ersten Ausgabe immer wieder mit mutigen und ungewöhnlichen Produktionen das Publikum zum Staunen bringt. Dieses Jahr wird sogar ein Double Feature mit zwei Regensburg-exklusiven Premieren seitens des Regisseurs mit den experimentellen, satirischen Streifen Jupp, watt hamwer jemaht? und Wir wären andere Menschen gezeigt, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Zusätzlich zum exzellent kuratierten Filmprogramm und den darauf folgenden Partys beziehungsweise Konzerten findet am 17. November noch eine äußerst empfehlenswerte, öffentliche Podiumsdiskussion namens Movies Matter statt, die nach den Chancen und Grenzen (queer-)feministischer Agenden im Film und deren Wirkung auf die ZuschauerInnen fragt. Hierbei sprechen Regisseurin Susanne Heinrich, NIHRFF-Leiterin Andrea Kuhn, Filmkritiker Jan Künemund und ProQuote Film-Vorstand Barbara Teufel unter Moderation von Lukas Liska mit dem Regensburger Publikum. Der Eintritt der Veranstaltung ist frei und sie findet im Wintergarten im Andreasstadel statt; die Förderung stammt vom Bundesprogramm Demokratie leben! zur Prävention von Menschenfeindlichkeit.

Die Kombination aus kunstvollen Filmen, Musik und gesellschaftsrelevanten modernen Themen sollte jede Person, die auch nur im Entferntesten an (über-)regionaler Kultur interessiert ist und die florierende Kinoszene unterstützen möchte, in die zwei Locations des Heimspiel Filmfests treiben. Mit 40€ beziehungsweise ermäßigten 30€ für eine Dauerkarte sollte das Non-Profit Filmfest keinem Geldbeutel wehtun – wer das Heimspiel dennoch ohne zu zahlen genießen möchte, dem sei folgendes Gewinnspiel, das noch bis zum 13. November läuft, ans Herz gelegt, bei dem man eine Dauerkarte und eine ganze Ladung an Filmpostern gewinnen kann: https://www.facebook.com/heimspiel.filmfest/photos/a.452885316836/10156446515486837/?type=3&theater

 

Beitragsbild: https://www.facebook.com/heimspiel.filmfest/photos/p.10156127705316837/10156127705316837/?type=1&theater

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