30 Jahre Mauerfall – Ein Resumée meiner Empfindungen zu Ost und West

»Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen und Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.«

Von Paula Boden

Am Abend des 9. Novembers 1989 öffnet sich die Berliner Mauer und viele Tausende DDR-Bürger überqueren die Grenze. Ein historischer Abend, ein tiefgreifender Versprecher von Günter Schabowski, der aus schlichtem Nichtwissen resultierte. Als Sekretär für Informationswesen verliest Schabowski an diesem frischen Novembertag eine neue Regelung der SED für Reisen ins westliche Ausland für DDR-Bürger. Auf Nachfrage, ab wann die Regelung in Kraft trete, antwortet Schabowski intuitiv und die DDR nimmt ihn beim Wort. An diesem Donnerstag war Berlin auf den Straßen, die Radios liefen auf Hochtouren, die erlösenden Worte Schabowskis klingelten in den Ohren der Menschen.

30 Jahre ist das her – der Fall der Berliner Mauer. Die symbolische Einigung von Ost und West. Am 3. Oktober 1990 wurde diese Vereinigung auf Papier gebracht und die deutsche Wiedervereinigung war vollzogen. Versprechen erklangen von allen Seiten – der Osten solle aufsteigen, den Menschen würde es besser gehen. Der Westen galt ja sowieso als erlösende Figur in diesem Szenario. Die starke ›Wessi-Hand‹, die die Menschen der DDR befreit.

Aber wie sieht es 30 Jahre später wirklich aus? Politisch zeigt sich in östlichen Bundesländern doch eine klare Wählerstruktur, die sich von jener der westlichen abgrenzt.

Ich komme aus Berlin – in meiner Welt erscheint Ost und West in schwach dringlicher Wirklichkeit. Meine Zahnarzthelferin aber unterscheidet klar zwischen Ost- und Westberlin. Sie berlinert mir unter ihrem Mundschutz zu, dass ihr der Schwund des Berliner Dialekts zu schaffen macht und ihr immer bewusst ist, wann sie die unsichtbare Grenze der Stadt überquert. Für mich als ’98 geborene Berlinerin gibt es Berlin als einheitliches Ganzes. Bewusst ist mir der Unterschied schon und doch sind einstige Ostbezirke wie Prenzlauer Berg und Friedrichshain heute die trendigen Szeneviertel Berlins. Nach außen also kriegen wir den Unterschied gar nicht mal mehr so mit. Die tatsächlichen Differenzen spielen sich in uns ab, eingeschlossen und abgeschottet von der westlichen Alltäglichkeit. Ich habe mich mit einigen Menschen unterhalten, aus meiner näheren bayerischen Umgebung und mit meinen Berliner Bekannten. Ich versuche hier ein Stimmungsbild aus meiner kleinen Welt abzubilden, wie der Ost-West-Unterschied heute bei den Generationen Y und Z empfunden wird.

Ein paar Einblicke in meine Begegnungen.

 

IMPRESSIONEN

Meine Familie kommt aus ›dem Westen‹, viele in meinem Bekanntenkreis ebenso. Wenn ich mich aktiv mit dieser Thematik auseinandersetze, bemerke ich die offensichtlichen Disparitäten, die sich aktuell vor allem auf politischer Ebene abzeichnen. Seitdem ich in Bayern lebe, schleicht sich die nicht vorhandene Sensibilität ›dem Osten‹ gegenüber immer weiter in mein Bewusstsein. Mittlerweile habe ich mich an Sprücheklopfer gewöhnt, die einer Freundin aus Sachsen abends beim Weggehen so unheimlich einfallsreiche Sprüche an den Kopf werfen wie: »Aus Sachsen? Aber du bist kein Nazi, oder?«

So ist das eben, da gewöhnt sie sich dran – wie oft durfte ich mir schon anhören, mein Abitur sei nichts wert, ich komme ja aus dem piefigen, verarmten Berlin – aus dem (aus bayerischer Perspektive) Osten. Kleine Sätze, die nicht böse gemeint sind, aber so taktlos aus den bayerischen Mündern plumpsen, dass die Tatsache des Nichtnachdenkens doch wehtut.

Geschockt war ich, als mir eine Freundin aus Starnberg erzählte, sie habe bis vor meinem Kennenlernen geglaubt, im Osten gebe es nur Ruinen, Nazis und verarmte Hartz-Ⅳ-Empfänger. Das habe sie in den Geschichtsbüchern auf dem Gymnasium gelernt. Da seien Fotos abgebildet gewesen, von verfallenen Häusern und Baracken. Außerhalb Bayerns sehe es aus wie kurz nach dem Krieg, oder wie soll das verstanden werden? Mir verschlug es die Sprache. Die bayerische Hochnäsigkeit, aber nein – zwischen Ost und West sieht hier eigentlich niemand einen Unterschied. Klar, wir wissen, faktisch gibt es den bestimmt noch, aber hier fällt’s niemandem so richtig auf. Was denn nun? Da oben im Osten sieht’s aber wahrlich kritisch aus: »Da möchte man jetzt nicht hin, wenn das stimmt, was die Medien berichten.«

Mit einer anderen Freundin unterhielt ich mich über ihr eigenes Empfinden zu dieser Thematik. Sie kommt aus Straubing, konservatives Bayerischsein. Sie distanziert sich davon. Aber auch in ihrem eigenen Kosmos ist da kein akuter Gegensatz zwischen Ost und West. Sie sieht keine Grenzen, keine Unterteilung und kein besser oder schlechter.

In mir entwickelte sich die vage Vermutung, dass wir aus ›dem Westen‹ kaum einen wirklichen Unterschied sehen können – oder sehen wollen? Vielleicht sind wir in der Masse so privilegiert, dass wir unsensibel unsere Augen verschließen vor denjenigen, denen es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht rosig geht. Wir wollen den möglichen Unterschied nicht sehen und verstehen, denn nachvollziehen können wir das nicht. Wir sind die Generation danach, im geeinten Deutschland, das offenkundig wirtschaftlich ausreichend stabil zu sein scheint und uns viele Möglichkeiten der Weiterbildung bietet. Wir hier an der Universität nutzen das und sehen da eine Selbstverständlichkeit, die für viele doch nicht allzu sicher scheint.

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wachsen neue Generationen heran, die zum Glück oberflächlich zu sagen wissen, dass sie keinen Unterschied wahrnehmen. Wir sind ein geeintes, glückliches Land, das natürlich ein paar Probleme hat, aber das Zusammenwirken zwischen Ost und West scheint heute aus westlicher Sicht keins davon zu sein – denn Ost und West in dem Sinne scheint es hier aus der bayerischen Perspektive nicht auf geographischer Ebene zu geben, sondern bloß in den Abendstunden, wenn man eine sächsische Kommilitonin trifft und sie fragt: »Bananen kennst du aber, oder?« Funny, mannomann!

Wir behaupten, da gibt’s keine Differenzen mehr. Aber ist es nicht erstaunlich, dass unsere Köpfe doch mit all den Vorurteilen überladen sind, die wir manchmal einfach nicht mehr für uns behalten können? Zeigt sich nicht genau an den Stellen der belustigten Kennenlernkonversationen zwischen einem Bayern und einer Sächsin, dass doch ganz konkrete Gegensätze existieren, die wir gerne ignorieren, weil sie uns ja immerhin nur in den Medien entgegenschlagen und uns im realen Alltag nicht betreffen und angehen?

 

Meine Schwester macht in Berlin eine Hospitanz beim Deutschen Theater und arbeitet im Augenblick an einer Produktion, deren Kernessenz ein Leben in der DDR widerspiegelt. Sie ist mit mir aufgewachsen, wir entspringen der gleichen Sozialisation und haben bisher ein ähnliches Bild zum Ost-West Verhältnis gepflegt. Seitdem sie dort arbeitet, mit einigen Schauspielern und Mitarbeitern, die in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchsen, verändert sich ihr Blick. Sie kriegt hautnah mit, was für zwiespältige Geschichten in den Menschen stecken, die ihr gegenüberstehen. Sie lassen meine Schwester an etwas teilhaben, das sie seit 30 Jahren in sich tragen, wofür in unserer Gesellschaft kein Platz gemacht wird. Wer will schon hören, wie es den DDR-Bürgern erging nach der Wende? Kann doch nur gut sein – vom kahlen, kargen Osten all die Vorteile des Westens abzukriegen und an der Konsumwelt teilhaben zu dürfen. Wieso soll es denen denn bloß schlecht gehen? Kann ja gar nicht sein, dass der Übergang von heut auf morgen und von Ost nach West dramatisch und überrumpelnd gewesen sein soll …

Meine Schwester sieht im Augenblick, was für ungesehene und nicht aufgearbeitete Seelen durch die Berliner Hauptstadt wandeln, die mit zerpflücktem Inneren die Straße überqueren. Sie sagt, vor allem falle ihr auf, wie unterschiedlich die Lebensstile von DDRlern und Westlern ausfallen: Die aus heutiger Sicht geschmacklosen, grauen Gebäudekomplexe boten in ihrer Schlichtheit doch alles, was gebraucht wurde und sicherten dem Einzelnen so viel. Meine Schwester hat verstanden, dass die östliche Praktikabilität von den ›Wessis‹ lange Zeit und auch heute noch als unästhetisch und zu einfach empfunden wird. Wobei das doch reichte und häusliche Existenz bot. Der Lebensstil der DDR-Bürger ist minimalistischer, genug war genug und mehr hatte es nicht zu sein. Eine klare Differenz zum Westen.

 

Ich denke, wir sollten mehr Platz einräumen für die ungehörten Geschichten. Ein Schritt in die richtige Richtung ist das künstlerische Aufarbeiten in Theater, Film und Ausstellung. Das passiert schon lange und bietet den Interessierten einen tiefen und ehrlichen Einblick in eine Zeit, die vergessen sein will. Ich glaube, hier in Bayern fehlt meiner Generation in den meisten Fällen der direkte Bezug. In Berlin lebt jeder mit jedem nebeneinander, die unterschiedlichsten Geschichten prallen an der Supermarktkasse aufeinander und meiner jungen Generation wird von klein auf ein vorsichtiger Umgang mit der Berliner Vergangenheit vermittelt.

Ein Freund von mir ist auch nach Bayern gezogen. Er hat das so formuliert: »Wir Berliner wissen, dass Ost und West existiert – uns ist das bewusst, aber es leitet uns nicht. Wir sprechen nicht mehr von den Unterschieden, Vorurteile schwinden immer mehr und das beruhigt.« In Bayern dagegen begegnen uns im Alltag lustig gemeinte, aber abschätzige Wortfetzen, die mich beunruhigen und teilweise nicht nur reizen sondern auch so richtig nerven.

 

Resümierend stelle ich fest, dass 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, 30 Jahre nach dem verhängnisvollen Versprecher Schabowskis, eine Generation herangewachsen ist, die zum Glück keinen aktiven Kontrast zwischen Ost- und Westdeutschland mehr zieht. Und trotzdem warne ich davor, im alltäglichen Beisammensein in gewitzter Form dicke Vorurteile gegenüber seinen Mitmenschen zu formulieren, nur weil sie in der ehemaligen DDR geboren sind. Denn ja, nur weil jemand aus ›dem Osten‹ kommt, heißt das nicht, dass er zu blöd ist, um in Bayern zu studieren oder arbeitslos durch den Tag streift, um Naziparolen zu brüllen. Wir sollten im Alltag auf unsere Wortwahl achten und auch 30 Jahre später sensibel mit unserer Sprache umgehen – dann erst teilen wir Respekt und Achtung und Ost und West verschmelzen in ein Ganzes.

 

Bildquelle: https://www.politische-bildung.de/tag-der-deutschen-einheit.html

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